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Wilhelm Wagenfeld, dem „Designer“ zu hochgestochen war.
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Wilhelm Wagenfeld, dem „Designer“ zu hochgestochen war.

Ausstellung im Bauhaus Dessau

Das Schöne und Nützliche

Der Dessauer Bauhaus-Sommer feiert die Formgestaltung Wilhelm Wagenfelds mit der Ausstellung „Weiterwirken in die Zeit hinein“. Nüchterner, klarer, rationaler kann kaum sein, was dieser Pionier des Industriedesigns in die Welt brachte.

Von xxir

Es war im Juli 1990, Währungsunion: Der erste Lohn in Westmark wanderte in einen Charlottenburger Lampenladen. Acht blaue Hunderter kostete die Wagenfeld-Leuchte, in der rationalen Industriesprache WG 24 genannt. Dafür ist sie so zeitlos wie weltberühmt, so original wie seriell gefertigt. Billiger sollte der ganz private Beitritt zur Bundesrepublik nicht sein.

Seitdem steht die WG 24 auf dem alten schwarzen Grammophon des Großvaters, so klein, so schön, so elegant mit ihrem chromgefassten Rauchglas-Halbkugel-Schirm, dem matt messinggolden schimmernden Gewinde der Glühbirne, ihrem schlanken Stab auf dem grünlichen kreisrunden Glassockel. Das Allerbeste aber ist die zarte Kordelschnur und die an deren Ende silbrig blitzende Metallkugel, mit der man diese Ikone des einstigen Bauhausgestalters Wilhelm Wagenfeld an- und ausknipst.

Die Leuchte – oder ihr Prototyp – ist nun, zusammen mit sämtlichen anderen Steh-, Hänge- und Wandlampen, den weißen Kugeln und Halbkugeln, den Tropfen und Zylindern des begnadeten Formgestalters Wagenfeld (1900-1990) in der Sommerausstellung des Bauhauses Dessau zu sehen. In den Vitrinen stehen, hängen, liegen all die um 1920 bis 1933 in Handwerksbetrieben, Manufakturen, Glaswerken und schließlich auf Industriestrecken und Fließbändern hergestellten Wagenfeld-Alltagsprodukte: Lampen, Gläser, Geschirr, Bestecke, Vasen, Gefäße für Lebensmittel, Baukastensysteme aus robustem Glas, das zugleich an die heutige Plastik-Tupperware denken lässt, aber ohne Gummidichtungen angeblich viel besser für die Lebensmittelhaltbarkeit sei, wie Kenner, darunter die aus Bremen nach Dessau zur Eröffnung gereiste Tochter des legendären Gestalters, Meike Noll-Wagenfeld, behaupten.

„Brauchbar sein, heißt zugleich, schön sein, denn alles Brauchen muss schön sein können, anders erfüllen die Dinge nicht ihren Sinn.“ Das war das fast missionarische Credo des vor 111 Jahren in Bremen zur Welt gekommenen begnadeten Vereinigers von Kunst und Alltag. Eine Schnapszahl für eine Retrospektive – und man muss sagen, die Formgebung der Flaschen und Flakons, die Wagenfeld jemals, oft in naturhaften Grüntönen, für geistige Getränke entworfen hat, sind trotz der Serienherstellung etwas Besonderes; sie sind einfach formvollendet.

Nüchterner, klarer, rationaler kann kaum sein, was dieser Pionier des Industriedesigns in die Welt brachte. Dabei hat Wagenfeld nie übertrieben, er war nie exzentrisch. Er hatte immer im Auge, dass die Form ihren Benutzern auch viel nützt. Er war ein Mann des soliden Handwerks wie der Kunst. Er entwarf Dinge, deren Formen, Farben und Materialien er „der Wirklichkeit abgelauscht“ hatte, wie er es nannte. Gar Vieles bei seinen berühmten Bauhauskollegen schien ihm „zu ausgedacht“, zu konstruiert, nicht alltagstauglich. Vielleicht war das ein Grund, 1925 nicht mit nach Dessau umzuziehen, sondern in Weimar zu bleiben, so sehr er sich Walter Gropius und Moholy-Nagy auch verbunden fühlte, auch während deren Emigration in die USA nach der Machtübernahme durch die Nazis. Wagenfeld blieb in Deutschland. Er musste in den Krieg und geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Nach 1945 sollte er einer der wichtigsten deutschen Designer werden. Ein Klassiker der alltäglichen Dinge.

Wilhelm Wagenfeld verdanken wir die nun im von Gropius gebauten Dessauer Bauhausräumen komplett ausgestellten Gefäße, Geräte, Gerätschaften und Lichtquellen, die, uns oft ganz unbewusst, in den Regalen und Küchenschränken lagern, auf Tischen stehen oder von Decken hängen. Da wären: die schon erwähnte Leuchte, 1923 entworfen, seit 1970 in der Massenproduktion, die (Jenaer) Teekanne und die Tassen aus Glas, die Salz- und Pfefferstreuer „Max und Moritz“, die Eierbecher und Kaffeekochkannen – lauter preiswerte, schöne, funktionale Dinge, die unser kollektives Form-Gefühl prägen und somit für Kitsch empfindlich machen. „Jedes Stück soll so schön und praktisch sein, daß der Reichste wünscht, es zu besitzen, und so preiswert, daß auch der Ärmste es sich kaufen kann“, predigte Wagenfeld.

Saft- und Milchkrug, Wasserkocher, Eierkocher, Teller, Tasse, Schüssel, Schale, Butter- und Käsedose, Zitronen-Presse aus Pressglas oder Stahl, Pelikan-Tintenfass, stapelbares Glasgeschirr (optimal auch für den Kühlschrank), Messer, Gabel, Zuckerstreuer. Viele dieser Dinge gibt es heute mit dem Logo des Haushalts-Markenherstellers WMF zu kaufen. Als bedeuteten die Lettern nicht Württembergische Metallwaren Fabriken sondern: „Wagenfeld macht Freude“.

Wer war dieser großartige Wilhelm Wagenfeld? Das geht hervor aus dem großen Aufgebot von Fotos, Briefen, amtlichen Dokumenten – und den vielen Skizzen und Aufzeichnungen. Dieses Material wird in Dessau erstmals aus dem Familienarchiv heraus und mit Hilfe der Wagenfeld-Stiftung Bremen öffentlich gemacht. Alle die Dokumente erzählen – zusätzlich zur bekannten Biografie – vom sozial engagierten Sohn eines Bremer Gewerkschafters, dem gelernten Silberschmied und Ziseleur. Wir lesen Briefe des beseelten Lehrers am weltberühmten Weimarer Bauhaus, der ersten anti-akademischen Kunsthochschule der Welt, die er an Gropius und den Freund Moholy-Nagy schrieb. Etliche Fotos und Papiere berichten von seiner Arbeit noch vor dem Krieg als künstlerischer Direktor der Lausitzer Glaswerke. Und es gibt Briefe von der Front und aus der Kriegsgefangenschaft in Russland. Die Hoffnung stirbt zuletzt, auch das war wohl seine Maxime.

Nach 1945 gründete er die „Werkstatt Wagenfeld“ – für Dinge, die für den riesigen Bedarf in großen Serien entstehen konnten. Aber im deutschen Osten konnte er seine Ideen nicht umsetzen, so ging er zurück nach Bremen.

Auf Wagenfelds Konto, das ist die enorme Bilanz dieses Designerlebens, gehen 622 Entwürfe der Alltagskultur. Er schaffte alles Schnörkelige, Kitschige ab und setzte die glatten Flächen durch. „Die beste Eigenschaft der Dinge um uns her sollte das Anspruchslose sein“, verlangte er. „Mein Ziel ist das anonyme Industrieprodukt.“ Und die Berufsbezeichnung „Designer“ war ihm viel zu hochgestochen. Er nannte sich „künstlerischer Mitarbeiter in der Industrie“ – und verkörperte die alte und simple Max-Max-Liebermann’sche Wahrheit, dass Kunst von Können kommt.

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