Koptischer Papyruskodex mit den Sprüchen Salomos, Ägypten, Ende 4. Jh.
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Koptischer Papyruskodex mit den Sprüchen Salomos, Ägypten, Ende 4. Jh.

Pergamonmuseum Berlin

Oh wie schön ist Vielfalt

  • Dirk Pilz
    vonDirk Pilz
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Das Berliner Pergamonmuseum zeigt eine Ausstellung über biblische Traditionen in der islamischen Welt.

In drei kleinen, dunklen Räumen zeigt das Pergamonmuseum eine Sonderausstellung, deren Thema kaum aktueller sein könnte. Denn sie verhandelt unter dem Titel „Gläubiges Staunen“ die „biblischen Traditionen in der islamischen Welt“ – und führt damit in die heißen Konfliktzonen der Gegenwart, weil mit diesen Traditionen zum Gegenstand wird, was dem Westen zumeist noch immer schwerfällt überhaupt zur Kenntnis zu nehmen: dass die kulturellen Bande zwischen diesem Westen und dem Orient, zwischen Christentum, Judentum und Islam enger sind, als die Debatten über Islam und Abendland glauben machen wollen.

Insofern ist diese vom Museum für Islamische Kunst eingerichtete Ausstellung allein durch ihre Existenz ein Statement. Und sie will, so ist im schmalen, 60-seitigen Begleitheft zu lesen, Erinnerung an die „ursprüngliche Einheit in der Vielfalt des nahöstlichen Kulturraums“ sein. Das ist, was die Berliner Arabistin Angelika Neuwirth den „gemeinsamen Denkraum“ der Spätantike nennt und mit ihrem umfangreichen Kommentar zum Koran nachzuweisen sucht (siehe Frankfurter Rundschau vom 11. Juli): Judentum, Christentum und Islam stehen in identitätsstiftender reibungsvoller Wechselwirkung zueinander. 

Deshalb führt die Ausstellung eine Esterrolle aus dem Jemen des 17./18. Jahrhunderts vor, wie sie zum jüdischen Purimfest bis heute öffentlich gelesen wird. Deshalb darf man auch ein Armenisches Evangeliar von 1450 betrachten und sich an der darin enthaltenen Miniaturkunst erfreuen, einem Bild zu „Christi Taufe im Jordan“ etwa, das eine Taube als Symbol für den Heiligen Geist, einen Engel mit Taufkrug und einen Jesus zeigt, der mit den Füßen den Teufel in Schlangengestalt niederhält. Dass Armenien um 301 einer der ersten christlichen Staaten der Welt wurde, erklärt eine Tafel. Auch, dass die rechtsläufige, indogermanische armenische Schrift eigens geschaffen wurde, um die Bibel ins Armenische übertragen zu können – sie war zuvor nur in Syrisch oder Griechisch vorhanden und sollte den armenischen Gläubigen in ihrer Sprache vermittelt werden. 

Schön sind auch die Syrischen Evangeliare, ein Exemplar aus dem 13. Jahrhundert zum Beispiel, das in vollendeter Kalligraphie ausgeführt und mit ornamentalen Mustern versehen wurde. Überhaupt gibt es allerlei prächtige Manuskripte zu bewundern. Hier ein äthiopischer Davidpsalter, dort ein frühes arabisches Evangelienbuch, in einem eigenen Raum indische Miniaturbilder aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, die deutlich auf westeuropäische Bild-Traditionen Bezug nehmen. 

Gern würde man jedoch Genaueres erfahren: Was hält die Jungfrau Maria auf diesem indischen Bild vom Ende des 16. Jahrhunderts in Händen? Eine kleine rote Frucht? Welche? Und was erzählt dieses Bild über die biblische Tradition in einem muslimisch geprägten Kontext? Ist Maria jene aus dem Koran oder aus dem Neuen Testament? Der Besucher wird dem Rätseln überlassen, er soll staunen, sonst soll er leider nichts. 

Überhaupt drängt sich die Frage auf, ob es ausreicht, ein paar wenige wertvolle Bücher und Bilder in Vitrinen zu legen. Was erzählt eine Ausstellung, die alle Konflikte und Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam lediglich als Vergangenheitsvorkommnisse behandelt? Die zudem zwar die Vielfalt der Kulturen, aber nicht theologischen Differenzen aufzeigt? Wie bei jeder schieren Historisierung droht auch hier das einzelne Objekt zum Fetisch zu werden: bestaunenswert, aber inhaltsleer. Dass der Koran etwa auch eine eigene, sehr prononcierte Antwort auf die christliche Lehre von einem dreieinigen Gott ist, lässt sich an einzelnen Bildern der Ausstellung zwar ablesen, erklärt und eingeordnet wird es nicht. Gerade das ist jedoch bis heute im jüdisch-christlich-islamischen Dialog eine der kontroversesten und am meisten diskutierten Fragen.

Im vergangenen Jahr war im Pergamon Museum in eben diesen Räumen eine vergleichbare Ausstellung zum Koran zu sehen; auch diese wirkte seltsam aus der Welt gefallen, merkwürdig kurzatmig und geradezu verhuscht. Bei „Gläubiges Staunen“ drängt sich zudem der Eindruck auf, die Brisanz des Themas solle eher versteckt, fast verheimlicht werden – als fürchte man sich vor der eigenen Courage. Man möchte dem Museum Mut zu einer gründlichen, großen Schau wünschen, ohne Scheu vor Kontroversen. Mit ihrer These, dass die „Kinder Abrahams“ in ihren heiligen Büchern Tora, Bibel und Koran „aus derselben Quelle“ schöpfen, wie es im Begleitheft heißt, bezieht die Ausstellung ja bereits deutlich Position. Gerade diese These ist in der heutigen Theologie zwar umstritten, aber es gibt gute Gründe für sie, die es zu diskutieren lohnt. Und solche Debatten braucht es, damit die Rede von einer Einheit in der Vielfalt mehr ist als historisches Relikt oder Sonntagsrede. 

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