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„Freitag“, Casablanca, Marokko, 1961.
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„Freitag“, Casablanca, Marokko, 1961.

Bernard Larsson

Der Schock nach dem Schuss

  • VonIngeborg Ruthe
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Bernard Larssons fotografischer Essay über die 1960er in West und Ost: Eine faszinierende Ausstellung im Museum für Fotografie in Berlin.

Wollte man den Weg markieren, den Bernard Larsson damals, in den politisch turbulenten 1960er Jahren, mit seiner Kamera zurücklegte, lautete die Route seiner oft dramatischen Aufenthalte: Hamburg, Paris, Madrid, Rabat, Marrakesch, Berlin (West und Ost), Warschau, Budapest, Prag.

Auf sanftgrau gestrichenen Stellwänden im Saal des Berliner Museums für Fotografie am Bahnhof Zoo, einem betont neutralen, beruhigenden Hintergrund also, vermittelt sich die aufregende Bilderzählung jenes Jahrzehnts: einem von Indochina- und Algerien-Krieg blessierten Frankreich, dem vom Franco-Faschismus gezeichneten Spanien, dem Elend in Marokko. Vor allem aber die durchmauerte Frontstadt Berlin, die Situation des Kalten Krieges in jener Zeit in Polen, Ungarn – und in der Tschechoslowakei, mitten im erstickten Prager Frühling.

Bernard Larsson, geboren 1939 in Hamburg, hat einen schwedischen Vater. Als es ihm an der Alster zu eng – er sagt dazu: „zu wirtschaftswunderwohlstandspiefig“ wurde – ging er nach Paris, wurde Assistent des Fotografen William Klein, arbeitete für „Vogue“, reiste in Kriegs- und Krisengebiete nach Spanien und Nordafrika. „Als ich am 13. August 1961 vom Bau der Mauer hörte, fuhr ich sofort nach Berlin“, erzählt er vor den Fotos seiner packenden Schau „Leaving is entering“. Der Titel ist seine Antwort auf die Warnschilder an den Sektorengrenzen – in Russisch, Deutsch, Französisch. Auf Englisch stand geschrieben: „You are leaving the American Sector“.

Bernard Larsson hielt alles fest in atmosphärischem bis kontrastscharfem Schwarz-Weiß, in beklemmender Erstarrung der Zeit. Berlin war gefroren im Kalten Krieg. Im Westen suchte die Polizei nach einem Mauerschützen. Vom Osten drohte ein Plakat „Wer die DDR angreift, wird vernichtet“. Dabei saßen doch die vier Alliierten im gemeinsamen Kontrollrat.

Der Fotograf, der heute in München wohnt, stellt nun erstmals seine markanten Berlin-Aufnahmen, „Bilder von der deutschen Tragödie“, wie er es sagt, in einen denkwürdigen Kontext zu den vorherigen Aufnahmen aus Westeuropa, Nordafrika, später den Ländern des Warschauer Pakts. Insgesamt 230 Fotos hat er neu abgezogen, auf besserem Papier; er sagt dazu auch: „neu bewertet“. Ermöglicht hätte ihm die Aufnahmen damals sein schwedischer Pass. „Mit dem konnte ich leichter in den Osten einreisen als westdeutsche Kollegen.“

Die Mauer von der einen wie der anderen Seite wurde Larssons Hauptmotiv, auch wenn er in Ostberlin Abstand halten musste zum „antifaschistischen Schutzwall“, wollte er keine Verhaftung riskieren. Umso mehr fotografierte er die Leute, ihre müden, leeren Gesichter, die tristen Läden mit den mageren Auslagen, die traurigen Kriegsbrachen, darin spielende Kinder. Und bewaffnete Vopos.

Larsson machte inmitten der noch von Ruinen und Dürftigkeit geprägten Stadthälfte Aufnahmen von den agitatorischen Aufzügen am 1. Mai in der Karl-Marx-Allee, die einmal Stalin-Allee hieß – die ideologische Illusion inmitten all der harten Realität. Und er porträtierte Denker und Künstler der DDR: Anna Seghers im Gespräch mit dem Westdichter Günter Grass, Helene Weigel, skeptisch blickend. Auf einem der Fotos guckt man ins verkniffene Gesicht der damaligen DDR-Justizministerin Hilde Benjamin. Larsson hatte bei einem offiziellen Festakt sogar Ulbricht und Honecker vor der Linse. Nur ganz wenige Fotografen aus dem Westen kamen der Nomenklatura damals so nahe.

Wer also in untrüglichem Schwarz-Weiß sehen will, wie es nach 1961 im Osten und im Westen Berlins ausgesehen hat, der sieht es nun im Museum für Fotografie: Üppigere Laden-Auslagen im Westen, besser angezogene, kaufende, wieder ausgehende Leute. Freie Bahn dem Marshall-Plan, der Nachkriegsboom begann. Und im Osten: Ein Straßenkehrer fegt die Gosse, im Hintergrund ein Häusergerippe, daneben Geröll. 75 Millionen Kubikmeter Schutt hatte der Zweite Weltkrieg in Berlin hinterlassen. Nur ein Teil davon war schon auf die Trümmerberge abtransportiert worden. Im Osten brauchte alles viel länger.

Jedoch: Im Westen brodelte es unter der Wohlstandsdecke. Larsson dokumentierte die Studentenunruhen gegen die alten Autoritäten, zuerst an der FU, mit Sit-Ins, immer kontroverseren Debatten und Demos. Er gab der Revolte ein Gesicht, auch der Repression und Eskalation auf den Straßen.

Dann der Schock nach dem Schuss: Als schwarzes Band aus Kontaktabzügen ist, übergroß, der am 2. Juni 1967 erschossene Student Benno Ohnesorg zu sehen. Als Zäsur der 68er-Bewegung. Als heutige Warnung vor erneuter Gewalt.

Museum für Fotografie, Berlin: Bis zum 8. Januar. Eine Ausstellung der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin.

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