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Ist sie ein Mann, ist er eine Frau? Bodhisattva Avalokiteshvara (China, Song Dynastie, 960–1279) im Humboldt-Forum.
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Ist sie ein Mann, ist er eine Frau? Bodhisattva Avalokiteshvara (China, Song Dynastie, 960–1279) im Humboldt-Forum.

Eröffnung im Humboldt-Forum

Schlanke Zungen, beredtes Schweigen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Wer den kolonialen Blick noch nicht drauf hatte, hier bekommt er ihn beigebracht. Aber natürlich muss man sich die ethnologischen Sammlungen im Humboldt-Forum ansehen

Natürlich muss man rein. Es gibt so viel Großartiges zu sehen. Soeben wurden die Schätze der ethnologischen Sammlungen Berlins und die Ostasiatischer Kunst fürs Publikum geöffnet. Eine Stunde vor dem gebuchten Zeitfenster bekam ich am Schalter ohne Probleme sofort eine Eintrittskarte. Noch ist sie kostenlos. Oben musste ich einen Moment warten. Und drinnen noch mal für den Blick auf das „Prachtboot“, jenes Segelboot, über dessen Erwerb die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen ihrer zahllosen Mäntel des Schweigens legen möchte. In der Ausstellung zum Beispiel heißt es nur: „1903 erwarb es die Handelsfirma Hernsheim“. Man ist also weiter auf die Lektüre von Götz Alys Buch „Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“ (S. Fischer Verlag, FR v. 21. Juli) angewiesen.

Nein, nein! Erst preisen, dann meckern!

Die Sachen, die gezeigt werden, sind großartig. Man ist hingerissen von Holzfiguren aus dem Kongo, von einem überlebensgroßen Fürsten aus Kamerun, der eingefasst ist in Kauri-Muscheln, eine Weltwährung, von der schon Marco Polo im 13. Jahrhundert aus China berichtete und die von Afrika bis Ozeanien bis ins 19. Jahrhundert hinein als Zahlungsmittel akzeptiert wurde. Ebenso sehr, aber ganz anders faszinierend ist gleich daneben die vielleicht zwanzig Zentimeter hohe Figur. Ein womöglich gedrechseltes Holzstück in der Mitte. Es steht auf einem Fuß. Oben ein Januskopf. Aus dem Mund des einen eine schlanke Zunge, die noch einmal so groß ist wie die ganze Figur. Leo Frobenius hat sie den Berlinern verkauft.

Wer sich für die Geburt der Moderne interessiert, wird hier fündig. Was vor dem ersten Weltkrieg Picasso, Matisse und Konsorten bewegte und animierte, was sie als „Primitivismus“ für sich und ihre eigene Kunstentwicklung in den Pariser Sammlungen entdeckten, das erkennen wir beim Gang durch die Berliner Sammlungen wieder. Die knienden Frauen, die ihre Arme hochhalten, um einen Sitz zu tragen. Die Ikone der modernen Malerei, Picassos kubistische „Les Demoiselles d’Avignon“ kann man lesen als Ingres-Gemälde, das durch den Filter kongolesischer Plastik geschickt wurde.

In der Ostasiatischen Sammlung Wandschirme und meterlange Landschaftsbilder. Niemandem wird die Haut abgezogen, keiner verbrannt, gefoltert oder gekreuzigt. Mit einem Male wird einem klar, wie merkwürdig die Welt ist, in der wir aufwuchsen. Die Allgegenwart des Bildes eines am Kreuz zu Tode Gefolterten gibt es nur im Christentum. Es hat unsere Kultur geprägt. Aber wie? Wir wissen es nicht. Mein Verdacht ist: Niemand hat es erforscht. Keiner hat sich dafür interessiert, wie unsere Bilder uns prägen.

Buddha ist die herrschende Figur der asiatischen Sammlungen. Das beginnt mit den großartigen Bildwerken der Gandhara-Kultur. Gandhara lag um Peshawar herum, also im Grenzgebiet der heutigen Staaten Afghanistan und Pakistan. Dort blühte in den Jahrhunderten um unsere Zeitrechnung herum ein indisch-griechischer Mischstil. Der Gandhara-Buddha trug einen dünnen griechischen Chiton. Man kann durch die Ausstellung gehen und versuchen herauszufinden, wann und wo Buddha das Griechische ablegt.

Man wird aber auch daran denken, wie fruchtbar diese Weltgegend war, als sie noch keinen Wert auf Reinheit legte. Boko Haram war wohl schon damals eine der Parolen eines hervordrängenden, auf seinen Alleinvertretungsanspruch pochenden Islam. Man steht vor dem kleinen Kopf eines Mannes mit Schnurrbart und Turban aus dem vierten oder fünften Jahrhundert und fragt sich, wer das wohl gewesen sein mag. So neugierig schaut er auf die Besucher. Boko Haram gab es – daran sei erinnert – auch im Christentum. Jahrhunderte lang war sogar die selbstständige Lektüre der Bibel den Christen verboten.

Wer Gender-Debatten für eine neue Erfindung hält, den werden hier gezeigte Bilder und Skulpturen eines Besseren belehren. Vor der Holzfigur eines Bodhisattva Avalokiteshvara sollte man eine Weile stehen bleiben. Es ist die Figur eines Mannes und das Gesicht einer Frau und wer in klugen Büchern nachschlägt, der erfährt, dass in ihm alle Gegensätze vereint sind, dass man also auch sagen könnte, dass in ihr alle Gegensätze vereint sind. In den Quellen wird er keinem Geschlecht zugeordnet, weil er beide Geschlechter hat. Man denkt an die ostasiatische Göttin des Mitleids, an Guanyin, die in ihrer Geschichte Mann und Frau war und beginnt zu begreifen, dass die neuesten Gendersternchen auch nur eine Antwort von vielen auf eine der ersten Fragen der Menschheit sind.

Das alles und noch viel mehr ist zu sehen im Humboldt-Forum. Schön wäre es, es würde darin gezeigt. Achtung: Von nun an wird gemeckert.

Das Humboldt-Forum zeigt keine afrikanische Kunst. Man zeige die afrikanischen Objekte, heißt es, in einer Magazin-Anmutung. Also so, wie sie in den Archiven der Museen stehen: zusammengepfercht. Modell: Massentierhaltung. In den Glasvitrinen stehen die unterschiedlichsten Artefakte. Keines wird erklärt. Nichts wird hervorgehoben. So stellt man seit dem Ende der Petersburger Hängung nirgendwo mehr Werke der bildenden Kunst aus. Die Kuratoren machen damit klar: Hier handelt es sich nicht um Kunstwerke. Nichts muss man sich genauer ansehen. Nichts verdient besondere Aufmerksamkeit. Alles ist gleich. Also gleichgültig.

Gäbe es neben diesen Verwahrvitrinen einen Saal, in dem einzelne Werke gezeigt, ihr Entstehungszusammenhang vorgestellt, ihr Einfluss auf die Weltgeschichte deutlich gemacht würde, so könnte man die vollgestopften Vitrinen der Kunst-Massentierhaltung als Kritik am europäischen Umgang mit der kolonialen Beute lesen. So aber setzt das Humboldt-Forum die überkommene und längst überholte Herabwürdigung außereuropäischer Kunst fort. Mit der Art, wie das Humboldt-Forum seine Sammlung zeigt, praktiziert es den Rassismus, mit dem die Sammlungen erworben wurden. Wer den kolonialen Blick noch nicht drauf hatte, hier bekommt er ihn beigebracht.

Dazu gehört auch, dass dem Besucher nichts erklärt wird. Beim „Prachtboot“ wird uns gesagt, dass der 165 200 000 Quadratmeter große Pazifik von Segelbooten befahren, seine Inselwelten von Menschen besiedelt wurden. Aber kein Wort darüber, wie sie das machten. Kein Wort über die nautischen Fähigkeiten und Leistungen dieser Völker zu einer Zeit, als die Europäer noch Angst davor hatten, sich von den Küsten des Mittelmeeres, dieser Badewanne, zu entfernen und gleich hinter Gibraltar das Ende der Welt befürchteten.

Das Humboldt-Forum wirbt für seine Ausstellungen mit dem Slogan: „Neu kuratiert, zeitgemäß präsentiert“. Das ist hanebüchener Unsinn. Aus dem Rest des Schlosses wurde nach 700 Millionen Euro das Humboldt-Forum. So hat man es geschafft, das neueste Museum zu einem zu machen, das die ältesten Rassismen weiterträgt ins 21. Jahrhundert.

Die ausgestellten Werke aber werden ihre eigene Wirkung entfalten. Gegen die Kuratoren, gegen den Rassismus ihrer Verwalter. Die Besucherinnen und Besucher werden sie befreien. Einige werden zurückkehren in die Sepik oder in den Kongo, aber noch wichtiger wird sein, dass wir uns in ihnen erkennen, dass wir sie – ganz gleichgültig wo sie sind – uns zu eigen machen, als Produkte unserer weltbürgerlichen, menschheitlichen Fantasie. Ohne den Kolonialismus wäre sie nicht möglich gewesen. Ohne seine Vernichtung – auch in unseren Köpfen – wird es sie nicht geben.

Humboldt-Forum: bis einschließlich 12. November kostenloser Eintritt zu allen Ausstellungen. humboldtforum.org

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