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Portrait des US-Soldaten Bryan Anderson, der 2005 im Irak-Krieg verstümmelt wurde.
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Portrait des US-Soldaten Bryan Anderson, der 2005 im Irak-Krieg verstümmelt wurde.

Ausstellung "Krieg und Medizin"

Des Schlachtherren fleißige Dienerin

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Verletztes Soldatenmaterial reparieren - und rasch zurück an die Front: Die Ausstellung "Krieg und Medizin" im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden belegt, dass Ärzte im Krieg genau das taten. Von Sylvia Staude

Am 17. September 1870, während des Deutsch-Französischen Krieges, schreibt Kronprinzessin Victoria von Preußen an ihre Mutter, Königin Victoria, über die Ärzte in einem Bad Homburger Lazarett: "dumme alte Kerle - manch armer Teufel hätte gerettet werden können, wenn sie ihr Metier verstanden hätten." Und, den Vorteil einer sorgfältigen Ausbildung beweisend: "Das Vorurteil von Ärzten und Patienten gegen frische Luft zu überwinden, ist wirklich fast ganz unmöglich. Wir haben keine einzige Schwester, keinen einzigen Wärter hier, nur Leute aus der Stadt, die schmutzig, unwissend und äußerst nutzlos sind."

Bis zum Ersten Weltkrieg war es in jedem (europäischen) Krieg so, dass weniger Soldaten durch Kampfverletzungen als durch mangelnde Hygiene und Krankheiten wie Typhus, Syphilis, Gonorrhöe starben. Den entscheidenden Impuls, die Verluste jenseits des Schlachtfeldes zu verringern, gab - neben den nötigen wissenschaftlichen Erkenntnissen - die allgemeine Wehrpflicht: Nach Kriegsende wurden die Männer nun wieder in ihren Berufen gebraucht, also gab man sich mehr Mühe, sie am Leben zu halten.

Die Ausstellung "Krieg und Medizin", die das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden zusammen mit der Londoner Wellcome Collection konzipiert hat und die nun in Dresden zu sehen ist, belegt, wie die Ärzteschaft - oft vorrangig - den Kriegsherren diente. Wie sie sich bemühte, das verletzte, kranke Soldatenmaterial möglichst schnell zu reparieren, auf dass es zurück transportiert werden konnte an die Front. Nur wenige Mediziner stellten sich offenbar die Frage, ob dies mit ihrer ethischen Verpflichtung vereinbar sei. Selbst die sorgfältigen Diagramme Florence Nightingales retteten ja nicht nur Leben, indem sie die Bedeutung der Hygiene bewiesen, sondern schafften indirekt auch mehr Soldaten wieder dorthin, wo sie alsbald getötet werden konnten.

Eine Überschrift der FR lautete dieser Tage: "Bericht: Mediziner halfen der CIA beim Foltern". Spezialisten sorgten offenbar dafür, dass rechtzeitig, also ehe der "Befragte" vor Panik und Schmerz sterben konnte, aufgehört wurde zum Beispiel mit dem Waterboarding. Krassester, bekanntester Auswuchs der ärztlichen Gewissenlosigkeit sind aber zweifellos die Versuche an KZ-Insassen, das Hygiene-Museum zeigt fotografische Dokumente. Auf zweien der Bilder steigt eine Frau (?) im Fliegerdress in eine Badewanne. Sie blickt in die Kamera und wirkt nicht verzweifelt. Man fragt sich, was die Ärzte ihr erzählt haben mögen, ob sie ihr versprachen, bei williger Mitwirkung würde sie dem Grauen entrinnen.

Dies gehört zu den Dingen, die in der Ausstellung am stärksten ans Herz gehen: Dass auf den Fotografien oder in kleinen, flackernden Filmen nicht wenige der Verletzten, Verstümmelten, dem Tode Geweihten geduldig oder gar hoffnungsvoll wirken. Der Mensch im Krieg ist - zu seinem Glück - auch Verdränger.

Moderne Medizin und moderne Kriegsführung gingen Hand in Hand. Das Hygiene-Museum und die thematisch ganz ähnlich ausgelegte Wellcome Collection haben diese etwa Mitte des 19. Jahrhunderts beginnende Entwicklung untersucht und sozusagen verbildlicht, indem sie mobile Röntgengeräte, chirurgische Feldbestecke, Penicillinphiolen, Kondome, sogar ein Döschen "Scho-ka-kola" (sollte im Zweiten Weltkrieg erschöpfte Soldaten mit Koffein munter machen) und drei in einem gesunkenen U-Boot mumifizierte Äpfel (Vitamine!) zusammentrugen.

Bakteriologen brauchten den Krieg nicht unbedingt für ihre Forschungen, Krankheit und Dreck gab es auch anderswo. Aber Chirurgen schienen sich auf Kriegseinsätzen zu fühlen wie im Schlaraffenland. So war Ludwig Rehn, Chef der städtischen Krankenanstalten Frankfurt, überzeugt, dass ihm 1896 die erste Herznaht (nach einem Messerstich) gelang, weil er einst so schön viel üben konnte. Im Rückblick jubelte er über seine Lazarett-Tätigkeit: "Wie vielgestaltig ist das Bild der Herzverletzung geworden, wie außerordentlich viel größer unsere Einsicht!"

Die Zweischneidigkeit jeder vom Krieg beflügelten medizinischen Forschung zieht sich durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Natürlich profitieren auch Zivilisten in Friedenszeiten von sauberen Toiletten und frischer Luft im Krankenhaus, von dem, was Ärzte anhand von Schuss- oder Giftgasopfern gelernt haben. Andererseits wird einem in Dresden auch klar, dass ein heilender Fortschritt fast immer eine Suche nach einer effizienteren Zerstörung nach sich zieht, nach dem Geschoss, das auch die - noch bessere! - Weste durchschlägt, nach der preiswert auszulösenden Seuche ohne Gegenmittel, nach der den Menschen in Sekundenbruchteilen röstenden Bombe (bei Erhalt der kostbaren Gebäude).

Was im Frieden gilt - lohnt es sich noch, dem 87-Jährigen ein neues Hüftgelenk zu geben? -, gilt erst recht im Krieg. Von der Medizin wird seit jeher auch erwartet, dass sie dem Staat keine übermäßigen Kosten bereitet. Und dass sie Verletzte und Kranke "ermutigt", sich nicht so anzustellen. Früh kam das böse Wort vom Simulanten auf, Psychiater und Psychologen vor allem waren gefordert, jene zu "enttarnen". Im Ersten Weltkrieg riet ein Ausschuss der britischen Regierung Ärzten, dem angeblichen Simulanten zu erklären, "dass man den Betrug durchschaut hat und dass er, falls er nicht sofort seine Symptome abstellt und in den Dienst zurückkehrt, mit ernsthaften Konsequenzen zu rechnen hat". Erkennen könne man das Vorspiegeln einer Nervenerkrankung unter anderem an der "Verschlagenheit" des Gesichts.

Vielleicht auch um klare Verhältnisse zu schaffen, schossen sich Soldaten, die das Leben an der Front nicht mehr ertragen konnten, oft in den Fuß, die Hand - oder gleich den Kopf. In ihren Erinnerungen "Nurses at the Front" erzählt die Krankenschwester Mary Borden von einem Mann wie ein Bär, der Selbstmord begehen wollte und mit einer Kugel im Kopf eingeliefert wird. Die Ärzte bestehen darauf, ihn zu operieren - damit er vors Kriegsgericht gestellt und standrechtlich erschossen werden kann. Denn was, wenn eine solche Drückebergerei Schule machte? Borden protestiert gegen diesen Wahnsinn, ohne Erfolg. Zuletzt sorgt sie heimlich dafür, dass der Operierte sterben kann.

Aber abgesehen von einem solchen Fall, von dem man fürchtete, er bedrohe die Disziplin (und das tat er wohl auch), regierte in allen neueren Kriegen die medizinische Effizienz. Und - so unangenehm es einen berührt - es muss so sein, um der Opfer willen.

Verschiedene so genannte Triage-Karten sind in Dresden ausgestellt, aus den Weltkriegen, aber auch nagelneue. Denn auch heute noch wird mit Hilfe dieser Karten bei größeren Zahlen an Verletzten - das muss kein Krieg, das kann auch eine Naturkatastrophe sein - von medizinischem Personal möglichst schnell vorsortiert: Indem sie die Karte so knicken, dass eine Farbe oben ist, die etwa vom OP-Personal in Sekundenbruchteilen gedeutet werden kann. Rot für sofort, gelb für zügig behandeln. Grün für: kann warten. Weiß für: tot.

Gleich neben der 2008er-Triage-Karte liegt in Dresden ein kleines Aufzeichnungs- und Sendegerät, das ein verletzter Soldat - sofern er dazu noch in der Lage ist - sich auch selbst auf die nackte Brust kleben kann. Dieses Gerät sendet seine vitalen Werte voraus an die Ärzte, während er noch geborgen und, zum Beispiel, zu einem fahr- oder fliegbaren OP gebracht wird.

Beeindruckend sind inzwischen die medizinischen Möglichkeiten (wohlhabender!) kriegführender Länder - dass sie genutzt werden, dafür sorgt dort auch die öffentliche Meinung. Mit einer Ausnahme, da sie schwerer zu beurteilen ist als die Rettung eines von einer Mine zerfetzten Beins: die Verletzung der Psyche. Freilich ist sogar der Laie längst nicht mehr so naiv zu meinen, man könne das "Kriegszittern" durch ein paar Stromstöße vom "Elektrotherapiegerät" oder forsche Befehle eines Arztes heilen - ein im Ersten Weltkrieg entstandener Film soll just dies dokumentieren, die Erniedrigung der Kranken darin ist herzzerreißend.

Das Wort "Kriegszittern" stand damals für verschiedene Formen des psychischen Zusammenbruchs; heute ist vor allem die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) allgemein bekannt. Dass auch die häufige Diagnose PTBS bereits wieder umstritten ist, das muss man allerdings im Katalog (ein Aufsatz des Historikers Ben Shephard) nachlesen. Wie auch eine schier unglaubliche Zahl: 660 Milliarden Dollar sollen die medizinischen Gesamtkosten betragen, die die US-Regierung für Behandlungen ihrer Kriegsveteranen, vor allem die des Irakkriegs, wird zahlen müssen. Und das, obwohl gerade im weiten, dunklen Feld der psychischen Therapien immer noch eher gespart wird - und manchmal sicher auch Druck ausgeübt auf verschreibungsfreudige Ärzte.

Das Hygiene-Museum bringt, wie in allen seinen derartigen Themenausstellungen, auch diesmal wieder nicht nur Gerätschaften, Präparate, Feldpostbriefe, Plakate, Tonaufnahmen und ähnliches ins Spiel, sondern auch die bildende Kunst. Doch ist festzustellen: dass die Lithografien von Conrad Felixmüller ("Soldat im Irrenhaus"), Radierungen Otto Dix' ("Der Krieg"), Holzschnitte Erich Heckels ("Zwei Verwundete") und anderes seltsam verblassen angesichts simpler Fotografien und Dokumente des Echten.

Angesichts des echten Todes, echten Schmerzes, der echten Verzweiflung oder eben auch: Hoffnung. Angesichts der gelassenen Gesichter von Minenopfern. Der schrecklichen Munterkeit eines von Geburt an Armlosen namens Carl Hermann Unthan, der als schreibendes und durch die Lande reisendes leuchtendes Beispiel Kriegsversehrten Mut machen wollte. Angesichts von auf Video dokumentierten Ausschnitten aus Kriegs- und Lebensgeschichten.

Wie denen des Künstlers David Cotterrell, der im Jahr 2007 im Auftrag der Wellcome Collection und als Gast der Joint Forces Medical Group nach Afghanistan geflogen ist. Er hat klugerweise einfach nur seine Kamera in den brummenden Bauch eines Transportflugzeugs, auf das Warten oder die stille Tätigkeit der Mediziner gehalten. Oder das Gerät aufgestellt, wenn er den Anblick einer weiteren blutigen Verletzung nicht mehr ertragen konnte. Nun kann sich der Ausstellungsbesucher in Cotterrells Installation setzen, in einen dunklen, warmen, leicht vibrierenden (das Flugzeug!) Museumsraum, und sich auf eine unaufgeregte, fast tröstliche Reise in den Schrecken begeben. In seinem Tagebuch hat Cotterrell wiederholt notiert, wie sehr ihn die ruhige Effizienz der Mediziner beeindruckte.

Unter ihnen hätte ein junger amerikanischer Sergeant namens Schacht sein können, dem man in einem anderen Video an anderer Stelle zuhören kann. Er sagt, sein medizinischer Einsatz im Irak sei "der beste Job", den er sich vorstellen könne. Und einen Moment später sagt er: "In meinem späteren Leben werde ich dafür bezahlen."

Und dann wird, vielleicht, die Medizin keine Hilfe sein. Weil sie kein Rezept hat. Weil es den Arzt, auf den Sgt. Schacht treffen wird, womöglich gar nicht interessiert. Weil die seelischen Verheerungen des Krieges noch lange nicht so sauber gezeichnet und beschrieben sein werden wie all die Arten, auf die eine Kugel das Fleisch zerfetzen kann.

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