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Giorgio Vasari, Künstler, Kunsthistoriker, Erfinder eines utopischen Menschen.

Giorgio Vasari

Auf dem Schlachtfeld der Kunst

Prophet des modernen Künstlertums: Vor 500 Jahren wurde Giorgio Vasari geboren. Seine Lebensbeschreibungen haben Jahrhunderte lang die Leser zu fesseln vermocht und unser Bild vom Künstler geprägt.

Von xxawi

Kaum jemand kennt heute Bilder von Giorgio Vasari. Noch weniger von ihm errichtete Häuser. Bekannt ist er vor allem als Autor der „Lebensbeschreibungen der berühmten Maler, Bildhauer und Architekten“. Am 30. Juli 1511 kam er in Arezzo auf die Welt. Sein Name soll sich aus dem Beruf seiner Familie (vasaio = Töpfer) herleiten. 1574 starb Giorgio Vasari in Florenz.

Zuletzt kam er 2009 in die Schlagzeilen, als es hieß, dass das in Arezzo befindliche Vasari-Archiv von den Erben für 150 Millionen Euro an eine russische Holding verkauft worden sei. Ein Aufschrei ging durch den noch geschichtsbewussten Teil der italienischen Öffentlichkeit. Wenn Informationen der FAZ vom 10. Januar 2011 stimmen, dann ist der Deal geplatzt. Die 31 Vasari-Faszikel bleiben in Arezzo. Die Geschichte passt zu Vasari.

Vasari ist der Erfinder des kunstbesessenen Künstlers. Seine Lebensbeschreibungen haben Jahrhunderte lang die Leser zu fesseln vermocht, weil er Wert auf die Eigenheiten, ja die Marotten seiner Helden legte. Unser Bild vom Künstler wurde wesentlich von Vasari geprägt. Seine Lebensbeschreibungen hatten zum Ziel, den Künstler vom Handwerker zu trennen. Er hat mit ihnen einen neuen Stand kreiert: Künstler sind keine Bürger, keine Bauern, keine Leibeigenen, keine Sklaven, keine Fürsten. Sie sind Genies.

Sie stehen schräg zu den gesellschaftlichen Hierarchien. Wenn der Künstler gut ist, wenn er in den Augen Vasaris gut ist, dann ist er ein einfallsreicher Erfinder von sich einprägenden Bildern, ein Tüftler, der Verfahren entwickelt, mit denen etwa ein riesiges Deckenfresko in kurzer Zeit fertiggestellt werden kann. Zugleich ist er Herr eines Handwerksbetriebes mit möglichst vielen Angestellten, die nach den Anweisungen des Meisters Kunst produzieren. Und er ist Kaufmann, einer also, der genau auf Soll und Haben achtet, sein Vermögen klug vermehrt und es versteht, auch politische Ämter zu nutzen um seiner Einnahmen und um seiner Kunst willen.

Niemals aber darf er aufhören Künstler zu sein, ein Mensch also, der sich einen Teufel um weltliche und geistliche Hierarchien schert, weil er einen eigenen Gott gefunden hat, den er verehrt, mit dem er hadert, dem er dient und gegen den er auftrumpft: die Kunst.

Man zögert, von Kunstreligion zu sprechen, weil der Begriff nach Kitsch, nach gesenkten Lidern und dem 19. Jahrhundert klingt, aber wenn man sich Religion blutig und geschäftstüchtig vorstellt, dann ist Vasari weniger der „Erfinder der Kunstgeschichte“, wie Jacob Burckhardt ihn titulierte, als vielmehr der Prophet der abendländischen Kunstreligion.

Die freilich kam gerade nicht als Kult des l’art pour l’art auf die Welt, sondern als das Werk gewalttätiger Action-Helden. Zwar verstanden sie die von den Vorgängern geschmiedeten Waffen zu schwingen. Aber ihr ganzer Stolz lag doch darin, Vorgänger und Zeitgenossen, alles und jeden zu übertrumpfen.

Eine zentrale Botschaft der Lebensbeschreibungen Vasaris ist: „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Dass ein Talent sich in der Stille bilden könnte – nichts lag Vasari ferner. Im Handgemenge erprobt sich der angehende Künstler. Die Auseinandersetzung, der Kampf eines jeden gegen jeden, bestimmt das Arbeitsklima. Leben heißt Überleben auf einem Schlachtfeld. Das Schlachtfeld ist nicht der Markt. Der beginnt gerade erst zu entstehen. Auf ihm erreicht man die Höhen nicht, deren Luft – und Geld – das Genie braucht, um atmen zu können. Es sind die Höfe, auf denen man sich durchsetzen muss. Argwöhnisch beäugen die um die Gunst des Fürsten buhlenden Künstler einander. So selbstherrlich sie sich geben, am Ende sind sie abhängig von der Laune eines Mächtigen oder vom Dolchstich, mit dem der Neffe den Onkel ins Jenseits befördert.

Als 1537 Herzog Alessandro de Medici, der illegitime Sohn von Lorenzo II. de Medici und einer schwarzen Dienerin, von seinem Vetter Lorenzino de Medici ermordet wird, ist Vasari tief verstört. Sein schneller Aufstieg in höchste Würden wird durch den Tod seines Gönners jäh gestoppt. Vasari beschließt, sich aus den Höfen zurückzuziehen, zu unsicher, zu wankelmütig erscheint ihm das Glück dort. Er sucht klösterliche Auftraggeber. Er findet sie. Wie er später auch wieder am Hof der neuen Medici aufsteigt.

Man begreift das Pathos vom Künstler, von der Autonomie des künstlerischen Subjekts nicht, wenn man es für die Realität hält. Vasaris Lebensbeschreibungen, diese Gesänge auf den Menschen, der sich selbst erschafft, sind Wunschträume, Vor-Bilder einer noch ganz anders gearteten Wirklichkeit. Die Künstler sind abhängig von der Gunst der Fürsten. Sie mögen keine Handwerker mehr sein – freie Bürger sind sie darum noch nicht. Sie sind Höflinge.

In der Regel konkurrierten die Künstler um den Platz möglichst weit oben in der Hierarchie des Hofes. Aber es gab Ausnahmen. Um die konkurrierten die Höfe miteinander. Es gab noch keine Globalisierung, aber in Rom konkurrierten Maler nicht nur aus Italien um die vom Papst zu vergebenden Aufträge. Und um die besten Maler aus Italien, den Niederlanden und Deutschland konkurrierten die großen Höfe. So wurde zum Beispiel der Augsburger Hans Holbein der Jüngere in London Hofmaler Heinrichs VIII..

Vasaris Michelangelo-Biografie ist die Stelle, an der der Traum immer mal wieder Wirklichkeit zu werden scheint: Die Auseinandersetzung des Künstlers mit dem Papst, bei der der Künstler ab und an der Mächtigere zu sein scheint. Jedenfalls entschuldigt sich einer der berühmtesten Machtmenschen der europäischen Geschichte, sein Beiname war: der Schreckliche, Papst Julius II., Vater dreier Töchter, Inbild eines Renaissancefürsten, beim Künstler. Er buhlt mit großen Schenkungen und dicken Batzen Bargeld um Michelangelos Gunst.

Es sind solche Szenen, die die Fantasien der Künstler und Nichtkünstler anheizten. Giorgio Vasari hat nicht nur die Begriffe „Renaissance“ und „Gotik“ geprägt. Er hat ein neues Bild vom Menschen und von seinen Möglichkeiten entworfen. Er hat es den Bildern der Künstler, mehr aber noch ihnen selbst nachgezeichnet. Am wirkmächtigsten aber tat er es als Schriftsteller. Vasaris „Lebensbeschreibungen“ sind Utopien, die sich als Geschichtsschreibung ausgeben. Seit sie 1550 das erste Mal erschienen, haben die Lebensbeschreibungen Tausenden, Zehntausenden Söhnen kleiner Handwerker, Beamter in ganz Europa vorgeführt, dass der Stand nicht alles ist. Dass auch die Mächtigsten von der Kunst, vom Künstler in die Knie gezwungen werden können. Vasari öffnete den Untertanen – wohl auch noch dem Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche aus Röcken bei Lützen – die Augen für wilde, herrschsüchtige Naturen, für die Lust an der Macht und dafür, dass sie zusammengehen kann mit der am Denken und an der Schönheit.

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