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Halil Altindere: Ballerinas and Police, 2017.
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Halil Altindere: Ballerinas and Police, 2017.

Ausstellung

Schirn vereinigt Statements politischer Kunst

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Unter dem Titel "Power to the People" vereinigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt Statements politischer Kunst.

Die Verhältnisse sind in einer angegriffenen Verfassung. Das liegt nicht an der demokratischen Verfassung. Sicherlich aber an den Verwaltern der Verhältnisse. Sie sind nicht fit. Anstatt aufmerksam zu sein, zeigen sie sich als schlaffe Schläfer. Fit zeigt sich der Polizeiapparat, regelrecht robust. Dagegen stoßen die Verbesserer der Verhältnisse auf taube Ohren. Deshalb arbeiten sie mit Megafonen.

Was mit den Verhältnissen los ist, und wie sehr es mit ihnen im Argen liegt, zeigt jetzt eine Ausstellung in Frankfurts Kunsthalle Schirn. Sie tut dies unter dem Titel „Power to the People“ sehr geballt, ohne aber ein einziges Mal eine geballte Faust direkt zu zeigen. Stattdessen zeigt sie Hände, 77 rechte Hände, wie sie von Politkern und Repräsentanten (gesalbten Häuptern) weltweit vorgezeigt, eingesetzt, in Szene gesetzt werden. Um mit der Hand für den Herrscher einzunehmen, um für sein Herrscherleben zu werben. Edgar Leciejewskis „A Circle Full of Ecstasy“ nimmt die Politikerhand als Geste ernst, ob sie beschwichtigt, droht oder winkt, herunterspielt oder segnet. An der Hand lässt sich die innere Verfassung der Machthaber und Würdenträger erkennen.

Schon der Zugang zur Ausstellung hat's in sich

Nein, die Verhältnisse sind nicht zwangsläufig demokratischer Natur. Denn was ist schon von Natur aus demokratisch? Auch nicht die Demokratie, zumal sie zur Post-Demokratie neigt, wie man in dieser Ausstellung immer wieder zu sehen bekommt, nicht auf Schritt und Tritt, aber bereits in dem Leuchtkasten-Objekt des Frankfurter Konzeptkünstlers Tobias Donat. Aus der Verschränkung von zwei Händen zu einem Handschlag, aus dem vervielfachten Handschlag wird ein abstraktes Muster. Es begrüßt den Schirnbesucher bereits auf dem Zugang zur Ausstellung wie ein bedrohliches Gitterraster. Ist das gerecht gegenüber der Geste? Gegenüber einem sinnentleerten Ritual doch schon. 

43 Werke hat Martina Weinhart für ihre Ausstellung ausgewählt. Die meisten Bestandsaufnahmen stammen aus den vergangenen drei, vier Jahren, darunter „This Lemmon Tastes of Apple“, ein Video des in Kurdistan geborenen Hiwa K, das eine der letzten Demonstrationen im Irak dokumentiert, die durch Tränengas aufgelöst wurde. Gas wurde auch für Kurden zum Trauma seit den tödlichen Giftgaseinsätzen Saddam Husseins, 1988, gegen die kurdische Bevölkerung. 

Die älteste Arbeit stammt aus dem Jahr 2001: 9/11 als Zäsur. Omar Fasts 18 Minuten langes Video ist eine forcierte Medienkritik. In einer Sekunde flackern etwa vier bis fünf Schnipsel des amerikanischen Fernsehsenders CNN über den Videoschirm, das TV-Nachrichtengeschäft erscheint in einer Endlosschleife nichtssagender Hektik, als Aneinanderreihung hysterisch vorgetragener News. Allerdings könnte der medienkritische Impuls zur Präsentation der ruckartigen Inflation aus Wörtern und Bilder heute einen ganz neuen Spin bekommen – etwa durch die handstreichartige Twitterpolitik Donald Trumps.

Was ist politische Kunst? Jedenfalls so etwas wie der Versuch eines Statements, wenn man bereits in der Rotunde der Schirn Phyllida Barlows „100banners2015“ wahrnimmt, eine Zusammenballung von Flaggen. Zusammengekommen ist alles andere als eine Flaggenparade, vielmehr eine Assoziation von Fahnen ohne Signets. Es ist eine freie Fahnenvereinigung jenseits nationaler oder religiöser Farben und Zeichen, allerdings für den besseren Stand beschwert mit Sandsäcken. 

Was bedeutet „Power to the People“? Es geht nicht um ein popkulturelles Statement (um ordentliche Power, echt ok). Es geht vielmehr um die Brisanz, wählen zu können, wie es Osman Bozkurts zehnteilige Fotoarbeit aus der Sammlung der Deutschen Bank zeigt. Auf allen zehn Fingern ein dunkler Fleck, rötlich, dunkelblau, violett, auf dem Nagel, neben dem Nagel. Was wie eine Versehrung aussieht, wie der Bluterguss infolge einer Quetschung (Misshandlung, Folter?), verweist auf die Markierung von Fingern mit nicht abwaschbarer Tinte, um einen Wahlbetrug durch eine zweite Wahrnehmung des Wahlrechts zu verhindern.

Dass alle Macht vom Volke ausgehe, macht auch Guillaume Bijls „Wahlkabinenmuseum“ zum Thema. Worauf die Nachbauten von Originalkabinen verweisen, ist alles andere als ein museales Verständnis von demokratischer Willensbildung, zumal mit der Ausstellung eine Promenade eröffnet wird, auf der sich die Künstler mit der Post-Demokratie überhaupt nicht abfinden.  Was tun? Etwas tun. Das mag gelegentlich etwas kurios anmuten, so bei Marinella Senatores „Protestbike“, einem Bonanza-Fahrrad, ganz 70er Jahre, hochgradig getunt, denn anstelle des Fuchsschwanzes und der schnellen Pulle ist es ausgestattet mit Wimpeln und Megafonen. Der Spaß kann gemietet werden. Ein Vehikel, das sich kaum bewegen lässt, demonstriert Andrea Bowers „Radikal Feminist Piraten Ship“. Bastelarbeit. Plattform. Ein Freibeutertraum zur Unterstützung von Baumpiraten in Kalifornien, mit einer feschen Art-Deco-Figur auf dem Bugspriet. 

Zur Ausstellung ist kein (pflastersteinschwerer) Katalog erschienen, sondern als Begleitpublikation ein so kritisches Medium wie eine Zeitung. In ihr aufgelöst die übliche Anordnung, das Geleitwort findet sich erst im Anschluss an die Beschreibung der poetisch-ironischen Beschäftigung des türkischen Künstlers Halil Altindere mit der restriktiven Politik Erdogans. Energischer Widerstand, getanzt von Schwanensee-Ballerinen auf Spitze. Allein, das ist nicht alles. Ein Grund 9:38 Minuten vor dem Video zu verbringen. 

Megafon statt Fuchsschwanz

So heterogen die Ausdrucksformen, so verschieden und eigenwillig die Protestformen, die durch Installation oder Film, Fotografie, Zeichnung und Malerei vorgebracht werden. Man könnte es für Beliebigkeit halten, es sei denn, man sieht in der vehementen Betriebsamkeit eine Absage an ein allgemein verbindliches Prinzip politischen Widerspruchs oder zivilen Widerstands. Die Zeiten, in denen politische Opposition als ein Heilsversprechen unmissverständlich daherkam, sind vorbei. Und da die Künste immer schon keine klare Linie in Aussicht gestellt haben (es sei denn, sie ließen sich instrumentalisieren), sind die hier dokumentierten Einsprüche von einer zwar nicht mehr neuen, sondern Unruhe verbreitenden Unübersichtlichkeit.  

Die Gruppe Forensic Architecture rekonstruiert in ihrem Video „The Killing of Bassem Ibrahim Abu Rahma“ den tödlichen Schuss auf einen Palästinenser bei einer Demonstration in Westjordanland. Julius von Bismarck lässt eine Kamera rotieren, das Gerät lässt an etwas Pistolenartiges denken. Der unangenehme Apparat ist so konstruiert, dass mit ihm Fotos bearbeitet, manipuliert werden können – so zu sehen auf drei großformatigen Inkjet-Prints. Auf der Brustpartie eines Polizisten in Straßenkampfmontur strahlt der Bundesadler, grell, grotesk, gefährlich. 

Auch diesmal ist es so, dass der schmale Schirn-Ausstellungsraum nicht nur zur Rückkehr, sondern zur Umkehr zwingt, vorbei an den bisher gesehenen Werken. Allerdings ist die Promenade so eingerichtet, dass der Besucher – nicht aus gesinnungsfesten Gründen, aber doch – linker Hand den Weg durch zwei „Kunststofftüren“ nehmen kann. Zwei martialische Polizeischilde hat Ahmet Ögüt als „The Swinging Doors“ montiert. Der Künstler spricht von einem sozialen Readymade. Gut gesagt, in der Schirn kann man durch den Schild treten wie durch eine Schwelle. Auch wie durch eine Saloon-Tür, was als Grenzüberschreitung so lustig überhaupt nicht gemeint ist. 

Dann, ein weiteres Mal, nun rechter Hand, tritt man in einen dunklen Raum, vor die Videos von Nasan Tur. „Preparation No. 1“ nennt der 1974 in Offenbach geborene und in Berlin lebende Künstler seine Arbeit, und was da präpariert wird, ist offensichtlich, es ist die Vorbereitung zu einer Demonstration. Die Zurüstung zu einem Akt zivilen Ungehorsams? Oder die Aufrüstung zu einem Gewaltakt? Was da in eine Tasche gestopft wird, auch eine Kette, spricht für vieles. Doch nicht mit Sicherheit ist auszumachen, was die Folge der Handlungen ist, die man auf den Videowänden sieht, auf denen es ungemein hektisch zugeht. Zum Demo-Kit gehört ein Gerät, das, keine Waffe, mit Batterien geladen wird wie mit Patronen. Hässlich auch die Geräusche, ein Sägen, Tackern, ein Meserschärfen. Was geht da vor bei der vehementen Vorbereitung im Verborgenen?

Etwas nur Dringliches? Trotz der forciertes Nahaufnahmetechnik bleibt der Sinn vage. Steht der ungemeinen Verve der Sinn nach Zuspitzung oder Zivilisierung der Verhältnisse? Das Video zeigt, dass was abgeht. 

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