Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian: „O You People!“ (Detail).
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Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh, Hesam Rahmanian: „O You People!“ (Detail).

Gigantisches Gemälde

Ausstellung in der Frankfurter Schirn: Der Tod ist eine lächerliche Angelegenheit

  • vonSandra Danicke
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Installationen von Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian sind in der Frankfurter Schirn zu sehen. Ein Gemälde ist so groß, dass man sich die Motive erlaufen muss.

Man steht gleich mittendrin. In der Ausstellung von Ramin Haerizadeh, Rokni Haerizadeh und Hesam Rahmanian läuft man über Köpfe und Bäuche, über haarige Beine, deren Füße in High Heels stecken, manchmal sogar übers Wasser. Die Ausstellung mit dem famosen Titel „Either he’s dead or my watch has stopped. Groucho Marx (while getting the patient’s pulse)“ besteht zuallererst aus einem gigantischen Gemälde, das den kompletten Boden des Saals in der Frankfurter Schirn Kunsthalle bedeckt. Es ist auf zusammengesetzte MDF-Platten gemalt, denn die Künstler, die aus dem Iran stammen und seit mehr als zehn Jahren in Dubai leben, konnten wegen der Pandemie nicht vor Ort arbeiten.

Das Bild ist so groß, dass man keinen Überblick hat. Man muss die Motive erlaufen, stößt dabei auf Fische, Frösche, Absperrbänder und Touristen in Badehosen. Die Touristen haben keine Köpfe und merkwürdige Körperformen, die einem persischen Ornament namens Schamseh entsprechen. Auch die vielen Hände mit Mobiltelefonen sind in der Form des Ornaments gefasst und scheinen damit Tradition und Moderne zu vereinen. Doch was hat es mit den zahlreichen Eselsköpfen auf sich? Warum drängeln sich Menschen mit Tiger- und Elefantenköpfen auf einem überlangen Finger? Warum zeigt der Finger auf einen Wasserstrudel, der in einem Arschloch mündet? Manches kann man vermuten, anderes nachlesen, wieder anderes bleibt ein Rätsel, denn: Was weiß der Durchschnittsdeutsche schon über den Iran, über seine Geschichte und Traditionen?

Ausstellung in der Frankfurter Schirn: Ein so groteskes wie wunderschönes Video

Die drei Künstler, von denen zwei Brüder sind, haben einen Teil ihrer Kindheit im Luftschutzkeller verbracht. Sie wuchsen während des Iran-Irak-Krieges (1980-1988) auf, in einem Land, das noch heute durch Repressionen geprägt ist. Ein Leben, das mit unserem nur wenig gemeinsam hat. Andererseits: Wir alle verwenden Mobiltelefone und informieren uns im Internet über die Katastrophen der Welt. Uns alle betreffen die Folgen einer weltweiten Pandemie. Es gibt also zahlreiche Motive, an denen man andocken kann – und sei es der Esel, das treue, sture Arbeitstier. Selbst wenn man nicht weiß, dass im Iran Esel durch Minenfelder geschickt werden, ist das Tier doch ein starkes Symbol, zumal es an eines der berühmtesten Gemälde der Moderne angelehnt zu sein scheint: Das schreiende Pferd in Picassos „Guernica“.

Auf der Bodenarbeit befinden sich weitere Werke: Objekte, Skulpturen und Filme. Befremdlich wirkt ein gigantisch vergrößertes Foto, das auf einem Vorhang abgedruckt ist. Es zeigt eine Frau mit einem Schädel auf dem Kopf, in der Hand hält sie menschliche Knochen. Es handelt sich um die Mutter eines vermissten Soldaten, der man zehn Jahre nach Kriegsende die Überreste ihres Sohnes übergeben hat. Der auf dem Kopf gehaltene Schädel sei eine Geste aus einem Volkstanz vom Kaspischen Meer, erklären die Künstler, sie vereine Freude und Trauer.

Ebenfalls grotesk, aber auch wunderschön wirkt ein Video, das die Künstler aus Material zusammengeschnitten haben, das sie im Internet fanden. Es zeigt Menschen, die alle einen sehr eleganten, erotisch anmutenden Tanz tanzen, der im Iran verboten ist: ein Bäcker tanzt ihn, eine OP-Schwester, Soldaten. Menschen im Freien, Menschen im Wohnzimmer, vereint in einer subversiven Bewegung. Sie zitieren den offen homosexuellen Choreografen Mohammad Khordadian, der im Iran im Gefängnis saß und mittlerweile in Kalifornien lebt.

Ausstellung in der Frankfurter Schirn: Oft weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll

„From See to Dawn“ heißt ein weiterer Film, der sich mit der Flüchtlingskatastrophe auseinandersetzt. Die Künstler verwendeten dokumentarisches Material, das sie auf obskure Weise verfremdet haben: So wurden die Köpfe von Soldaten durch Stacheldrahtringe und jene von Flüchtlingen durch Marienkäfer ersetzt.

Andere Arbeiten handeln von Corona, von politischen Protesten rund um den Globus oder dem Abtransport eines steinernen Fauns, der einst in Teheran vor dem Nationaltheater stand. Der homosexuelle Künstler Bahman Mohassess war bis zu seinem Tod vor zehn Jahren ein gefeierter Bildhauer, Übersetzer und Theaterdirektor in Rom. Die Aufnahmen werden mit Bildern verknüpft, die die Plünderung des Palastes von Saddam Hussein in Bagdad zeigen. Titel der Arbeit: „If I Had Two Paths I Would Choose the Third“.

Was all diesen Arbeiten gemeinsam ist? Oft weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Das Brutale ist hier stets mit dem Skurrilen verknüpft und der Tod ohnehin eine lächerliche Angelegenheit.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 13.Dezember. www.schirn.de

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