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Bridget Tichenor, „Die Surrealisten/Die Spezialisten“.

Schirn Kunsthalle

„Fantastische Frauen“: Keine malte heimlich, aber viele wurden vergessen

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Verwegen, verstörend, vergessen: Die Frankfurter Schirn stellt das facettenreiche Werk von Künstlerinnen des Surrealismus vor.

Eine kopflose Frau, die ihre Augen an einem Handbohrer in den Fingern hält. Ein Mädchen, das sich im Schlaf auf einem Trapez durch ihr Zimmer schwingt und dabei eine Metamorphose durchläuft. Ein weiblicher Akt mit Farben und Pinseln, dessen Konturen mit denen des Interieurs verschwimmen. Die Abbildung von Frauenkörpern und deren Fragmenten ist im Surrealismus nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil: Die Beschäftigung mit dem Weiblichen war ein zentraler Bestandteil der Kunstströmung, deren Ziel es war, Unbewusstes und Verdrängtes – vor allem aus den Bereichen Erotik und Sexualität – zum Vorschein zu bringen.

Ungewöhnlich ist allenfalls, dass diese Bilder von einer Frau stammen. Dorothea Tanning (1910-2012) hat seit den dreißiger Jahren Bilder gemalt, in denen eine unerhörte Begebenheit oder eine ins Unheimliche tendierende Verschiebung der Realität für Unbehagen sorgen. Oft sind es intime Räume, in denen das Seltsame seinen Lauf nimmt. Manchmal sind es auch textile Objekte, mit denen die US-Amerikanerin an tiefer liegende Ängste appelliert, etwa eine angekettete Stoffwurst mit dem Titel „De quel amour (An welche Liebe)“, die an einen gequälten Körper erinnert.

Claude Cahun, „Selbstporträt (I am in Training…)“.

Tanning war beileibe nicht die einzige Frau, die seit den dreißiger Jahren surreale Fantasien in bemerkenswerte Bilder und Objekte gebannt hat, bloß wenn man anfängt zu überlegen, wen es da sonst noch gab, ist man ziemlich schnell fertig. Meret Oppenheim, Lee Miller, Frida Kahlo und äh. Genau. Die Ausstellung „Fantastische Frauen“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle fügt der allzu kurzen Liste, die man im Kopf hat, jetzt etliche Namen hinzu: Sage und schreibe 36 Künstlerinnen aus elf Ländern werden hier gezeigt, alle haben sich – zumindest eine Zeitlang – mit dem Surrealismus befasst.

Darunter Künstlerinnen, die Kennern schon länger ein Begriff sind wie die Französin Claude Cahun (1894-1954) mit ihren androgynen fotografischen Selbstporträts. Oder solche, deren Namen man in erster Linie in Verbindung mit ihren berühmteren Männern kennt, wie Nusch Éluard. Vor allem jedoch sind es Künstlerinnen, von denen man aus unerfindlichen Gründen noch nie gehört hat. Emila Medková (1928-85) etwa, eine tschechische Fotografin, deren Bilder vor Erfindungsreichtum nur so sprühen und die gleichzeitig eine hohe formale Eleganz ausstrahlen. Sie ließ Beine in den Himmel wachsen, Haare aus einem Wasserhahn fließen und Frühstückseier an den unmöglichsten Orten auftauchen. Oder die belgische Künstlerin Jane Graverol (1905-84), die in den 60er und frühen 70er Jahren betörende Collagen von technoiden Wesen geklebt hat, die uns heute noch gespenstisch aktuell vorkommen.

Ithell Colquhoun, Anatomie des Baumes, 1942.

Das Werk von Toyen immerhin wird derzeit auch an anderen Orten wiederentdeckt: Die Hamburger Kunsthalle plant für 2021 eine opulente Einzelausstellung. Der Name ist übrigens ein vom französischen Citoyen (Bürger) abgeleitetes Pseudonym, das sich die Prager Künstlerin Marie Cermínová (1902-80) zugelegt hatte, um geschlechtlichen Kategorisierungen zu entgehen. In den 30er Jahren gründete sie eine Surrealisten-Gruppe und knüpfte Kontakte zu den Pariser Kollegen. In der Folge war sie eine der wenigen Künstlerinnen, deren fast schon gruselige Werke mit abgerissenen Köpfen, endlosen Gängen oder blutigen Schließfächern in sämtlichen internationalen Ausstellungen der Surrealisten präsent waren. Umso merkwürdiger, dass man ihren Namen heute kaum noch kennt.

Das Erstaunliche ist: Nicht nur Toyen war in der Szene sehr aktiv. Keine der ausgestellten Künstlerinnen war Einzelgängerin, keine hat ihre Bilder heimlich im Wohnzimmer erstellt. Tatsächlich waren sie alle in surrealistischen Gruppierungen vertreten, wurden mal von André Breton gefördert oder auch von René Magritte, fanden Anerkennung – und wurden schlichtweg wieder vergessen. Und: ja, das gilt auch für Frida Kahlo, die erst Jahrzehnte nach ihrem Tod 1954 zur Kultfigur stilisiert wurde und deren auratische Selbstporträts mittlerweile für Kissenbezüge herhalten müssen.

Die Ausstellung

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: Bis 24. Mai. www.schirn.de

Auffällig ist allerdings, dass fast sämtliche Frauen erst spät zum Surrealismus fanden. „Die meisten Künstlerinnen waren jünger als die männlichen Mitglieder und stießen erst ab etwa 1930 zu der Gruppe“, schreibt Kuratorin Ingrid Pfeiffer im Katalog. Sobald sie aber dabei waren, nahmen sie an zahlreichen internationalen Ausstellungen teil. Ein Wunder ist das nicht. „Insgesamt“, so Pfeiffer, „erscheint die Bewegung in vielerlei Hinsicht als ausgesprochen ,feminin‘, da sie alle traditionell maskulinen, patriarchalischen und imperialistischen Strukturen ablehnte. Die bürgerliche Familie galt als Hauptursache für die Unterdrückung der Frau und wurde ausdrücklich bekämpft – somit war die Gruppe ein starker und in jener Epoche äußerst seltener Anziehungspunkt für freiheitsliebende junge Künstlerinnen.“ Schade nur, dass der Schwung dieser Bewegung in den vergangenen fünfzig Jahren auf der Strecke geblieben ist.

Bemerkenswert ist nicht nur die Anzahl der teils großartigen Malerinnen, Bildhauerinnen, Filmkünstlerinnen und Fotografinnen. Auch die enorme Bandbreite überrascht: Sie reicht vom eher klassischen Gemälde mit Frauenakt (und nicht selten auch mit Männerakt, etwa von der Argentinierin Leonor Fini) über die unterkühlten Landschaften von US-Amerikanerin Kay Sage und die filigranen Zeichnungen der Deutschen Unica Zürn bis hin zu den erotisch aufgeladenen Objekten der Französin Louise Bourgeois. Und obwohl Letztere vor allem als zeitgenössische, nicht als surrealistische Künstlerin wahrgenommen wird, wirken ihre Werke in diesem Kontext durchaus stimmig.

Natürlich zeigt die Schirn auch Arbeiten von Star-Surrealistin Meret Oppenheim (1913-85), die die Kunstszene zuerst ganz klassisch – als Geliebte von Max Ernst und Aktmodell von Man Ray – kennenlernte, bis sie 1936 das „Frühstück im Pelz“ erfand: eine komplett mit chinesischem Gazellenfell überzogene Tasse, Untertasse und Teelöffel, deren Benutzung in der Vorstellung ein diffuses Unbehagen auslöst. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Objekt zur Ikone und Oppenheim zur gefeierten Künstlerin. In Frankfurt ist nun ihr erstaunlicher Facettenreichtum zu entdecken.

Dass es auch in Mexiko eine lebendige Szene von Künstlerinnen gab, die aus diversen Ländern hergezogen waren, zeigt die Ausstellung mit beeindruckenden Werken: Remedios Varo aus Spanien, Leonora Carrington aus Großbritannien und die Französin Alice Rahon verband das Interesse für Magie und Okkultismus. Sie beschäftigten sich mit traditionellen Ritualen und Glaubensformen. Rahons Bilder sind kleinteilige Gemälde, in denen sich mexikanische Landschaften, Mythen und Legenden auf geheimnisvolle Weise verbinden. Varos Malerei ist bevölkert von geisterhaften Wesen, die sich beim Herrenschneider treffen oder unvermittelt durch eine hölzerne Wand brechen. Und Carrington schuf traumgleiche, von Hieronymus Bosch inspirierte Welten, bevölkert von Frauen und Tieren, die sich bisweilen in einer geheimnisvollen Symbiose zu Mischwesen verbinden.

Die in Frankreich geborene Britin Bridget Tichenor stieß erst 1953 dazu und widmete ihren neuen Freundinnen umgehend ein magisch aufgeladenes Bild „Los surrealistas/Los especialistas (Die Surrealisten/Die Spezialisten)“ zeigt ein eingeschworenes Grüppchen aus Frauen, die sich in ihre farbigen Gewänder geradezu verpuppt zu haben scheinen und von einem zarten Schleier umweht werden. Dass zum Kreis der Freundinnen auch eine weitere Malerin zählte, belegt ein Gemälde von Alice Rahon. Es trägt den Titel „Ballade von Frida Kahlo“.

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