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Ist das womöglich von ...? Blick in die John-Armleder-Schau „Ca.Ca.“ in der Frankfurter Schirn Kunsthalle.

Kunsthalle Schirn

Armleder: Fragen nach Abbild und Wirklichkeit

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John Armleders Kunst, jetzt in der Schirn in Frankfurt zu sehen, wirkt effektvoll und banal, ist aber hochkomplex.

Der zufällige Passant denkt vermutlich an eine aufwendige Partydekoration: In der Rotunde der Schirn Kunsthalle Frankfurt drehen sich zahlreiche Discokugeln in diversen Größen. Das klingt unspektakulär, ist im Detail jedoch geradezu aufregend. Die Kugeln vervielfältigen sich in den sie umgebenden, mit Spiegelfolie beklebten Fenstern auf verwirrende Weise. Wer sie anschaut, sieht sich selbst als verpixelten Fleck, umgeben von einer effektvoll flackernden grauen Struktur.

Dass der Boden der Rotunde mit würfelförmigen Steinen gepflastert ist, die nun mit den quadratischen Spiegelscheiben ein komplexes Geflecht bilden, war einem vorher noch gar nicht aufgefallen. Und natürlich entstehen diese bemerkenswerten Bilder allein im Auge des Betrachters. Das komplexe Flirren ist ja nicht real vorhanden. Oder doch? Ist es überhaupt möglich, die Discokugel, als Discokugel zu sehen? Oder sieht man vor allem das, was sie reflektiert?

„Ca.Ca.“ - jetzt in der Schirn zu sehen

Fragen wie jene nach Abbild und Wirklichkeit stellt John Armleder, dessen Ausstellung „Ca.Ca.“ jetzt in der Schirn zu sehen ist, bereits seit Jahrzehnten. Es sind Fragen, die nicht nur das Wesen der Kunst sezieren, sondern auch unsere tägliche Wahrnehmung betreffen. Die Gegenstände mögen dieselben sein, doch das, was man darin erkennt, ändert sich je nach Laune, Hintergrundwissen oder dem, was uns aktuell beschäftigt. Das, was ein anderer sieht, mag sich kolossal von dem unterscheiden, was wir selbst vor uns zu haben glauben.

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Zum Beispiel dieser Haufen bunter Neonröhren, der im Ausstellungsraum vor sich hin leuchtet. Darin mag einer einen Haufen bunter Neonröhren sehen, ein Zweiter ein komplex geschichtetes Farb-Arrangement. Ein Dritter erkennt vielleicht, dass John Armleder damit auf die Lichtarbeiten des amerikanischen Minimal Artist Dan Flavin verweist. Und ein Vierter hat mit Armleder gesprochen und weiß daher, dass die Idee dahinter folgende ist: Es soll aussehen, als stehe der Aufbau einer Installation von Dan Flavin kurz bevor. Als müsse, das, was hier so unordentlich herumliegt, erst noch in Ordnung gebracht werden.

Armleder hat als Fluxuskünstler begonnen

Auch die übrigen Exponate der Schau funktionieren so: Sie sehen effektvoll und banal aus, sind jedoch auf unterschiedliche Weise hochkomplex. Zum Beispiel dieses sieben Meter breite Schüttbild, auf dem eine große Anzahl von Farben nebeneinander von oben nach unten geschüttet wurden: Es ist knallbunt. Es glitzert und schimmert. Und jemand, der sich vielleicht mit Farben auskennt, weil er zum Beispiel als Lackierer arbeitet, wird die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil die Farben nicht das tun, wofür sie voraussichtlich hergestellt wurden, nämlich eine glatte Oberfläche brillanter Töne zu ergeben.

In der Rotunde.

Armleder hat alle möglichen Farben aus allen möglichen Kontexten verwendet, um zu sehen, wie sie miteinander reagieren: Sie bilden Wellen und Schuppen, kräuseln sich zu Schnecken, klumpen und bröckeln. Hanebüchen. Oder auch: hochgradig faszinierend. Armleder wollte, dass das Bild sich im Wesentlichen selbst herstellt. Der Zufall ist in seiner Kunst stets ein willkommener Autor. Kein Wunder, Armleder, der 1948 in Genf geboren wurde, hat als Fluxuskünstler begonnen. Zusammen mit Jugendfreunden gründete er 1967 die Fluxus-Gruppe „Ecart“, das hat ihn geprägt.

Das Tolle an Fluxus sei die Tatsache, dass seine Anhänger sich nicht entscheiden konnten, ob sie ihre Kunstwerke als Witz verstanden oder als etwas, das Ehrfurcht verdiente, findet Armleder. Dieses Oszillieren zwischen Bedeutung und Spaß, Schrott und Hochkultur zeichnet sein Werk bis heute aus. Zugleich nimmt der Schweizer die Kunst und ihre Geschichte sehr ernst. Alles, was er mache, habe vor ihm schon mal ein anderer gemacht, sagt Armleder und hat damit Recht und Unrecht zugleich. Tatsächlich erlebt jemand, der sich mit der Kunst der Moderne auskennt, beim Betrachten seiner Werke permanent Déjà-vu-Momente. Weiß grundierte Leinwände mit gleichmäßig verteilten Punkten drauf? Kennt man die nicht schon von Damien Hirst? Oder die Totenkopftapete – gab es so etwas Ähnliches nicht schon mal von Andy Warhol? Was ist mit den zwei Stahlblech-Rutschen, die Armleder verkehrt herum an die Wand montieren ließ? Erinnern die nicht irgendwie an die Vierkantrohre von Charlotte Posenenske?

Armleder recycelt Formen und Ideen

Und dieser Katzenkratzbaum erst! Sieht doch aus wie – ja, genau: wie ein handelsüblicher Katzenkratzbaum aus dem Baumarkt. Stimmt. Bloß, dass Armleders Exemplar eigens angefertigt wurde: zehn Prozent größer als das Original.

Armleder hat nicht nur kein Problem damit, Formen und Ideen zu recyceln, die andere bereits vor ihm hatten, er zitiert sich auch beständig selbst. Das aus einem Baugerüst gebaute Podest mit den künstlichen und echten Topfpflanzen, das derzeit in der Schirn steht, stand in einer anderen Version im vergangenen Jahr im Museion in Bozen – als Zitat einer Ausstellung des Künstlers 2005 im Mamco im Genf. Dass der Kontext ein Werk komplett verändern kann, auch das lässt sich bei Armleder wunderbar beobachten.

Das Irritierende an Armleders Kunst ist allenfalls, dass man sie nicht zweifelsfrei als solche erkennen kann. Allen Versuchen, sein Werk auf eine Kunstrichtung festzunageln – Fluxus, Minimal Art, Neo-Geo, Pop Art, Op Art, Konzeptkunst, Appropriation Art – hat der Künstler sich stets geschickt entwunden. Weil er all diese Stile zugleich zitiert, hinterfragt und ironisch demontiert hat. Armleders Kunst empfängt den Betrachter mit offenen Armen. Was der dann daraus in seinem Kopf entstehen lässt, darauf hat der Künstler – so glaubt er – ohnehin keinen Einfluss.

Ausstellungsinfo

Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 1.September. www.schirn.de

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