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Schirn-Direktor Sebastian Baden: „Unsere Aufgabe ist es, Debatten voranzutreiben“

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Von: Lisa Berins

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Für die aktuelle Ausstellung: Kunstwerk „Kuh mit Sonnenschirm“ von Marc Chagall.
Für die aktuelle Ausstellung: Kunstwerk „Kuh mit Sonnenschirm“ von Marc Chagall. © Andreas Arnold/dpa

Sebastian Baden, Direktor der Frankfurter Schirn Kunsthalle, über geplante Ausstellungen, Attacken im Zeichen des Klimaprotests und neugewonnene Freiheit.

Herr Baden, bevor Sie nach Frankfurt kamen, waren Sie Kurator an der Kunsthalle Mannheim, die eine eigene Sammlung besitzt. Jetzt sind Sie Leiter der Schirn Kunsthalle – und haben somit das Privileg, mit einer hauseigenen Sammlung zu arbeiten, verloren.

Man könnte auch sagen, ich habe Freiheit gewonnen.

Wie das?

Die Freiheit besteht darin, mit Partnern international zusammenzuarbeiten und neue Ideen zu entwickeln, die unabhängig sind von einem Sammlungsschwerpunkt. Häuser mit Sammlung sind oft daran gebunden, mit Ausstellungen zu zeigen, welchen Wert die angekauften Werke im Kanon besitzen. Wir als Kunsthalle ohne eigene Sammlung erfinden uns von Ausstellung zu Ausstellung neu. Für unsere laufende Chagall-Ausstellung beispielsweise brauchte es vor allem ein überzeugendes kuratorisches Konzept: Was macht den Künstler zur heutigen Zeit so relevant, welche Werkphase wurde bisher weniger berücksichtigt? Chagall ist der Beweis dafür, dass wir keine eigene Sammlung brauchen, sondern gute Ideen. Und die haben wir.

Eine zunehmend große logistische Herausforderung ist eine solche Ausstellung vor dem Hintergrund der schwierigen weltpolitischen Situation aber sicher schon. Ihre Kolleginnen und Kollegen anderer Häuser berichten zum Beispiel von großen Problemen, Kunst aus Russland zu leihen. War das bei der Vorbereitung der Chagall-Ausstellung ein Thema?

Es wäre ein Problem geworden, hätten wir Werke zum Beispiel aus der Eremitage angefragt. Aber für die Ausstellung waren keine Leihgaben aus Russland vorgesehen. Sie nimmt Chagalls Kunst der 1930er- und 1940er-Jahre in den Blick, also die Zeit des Exils. Hier befinden sich die relevanten Werke heute vor allem in Europa, den USA und in Israel.

Welche Ideen haben Sie für die Zukunft der Schirn?

Wir wollen Rezeptionsmuster hinterfragen und damit neue Sichtweisen eröffnen, dazu gehört auch, die Diversität und die Internationalität im Programm weiter auszubauen. Wir konnten im November gleich mit einer ersten Intervention starten: eine ortsspezifische Malerei der sudanesischen Künstlerin Amna Elhassan auf der Glasfassade in der Rotunde. Das war auch für mich als neuer Direktor der Schirn ein wichtiger Startpunkt und ein erster Akzent im Programm. Ab Februar werden wir eine Ausstellung über Niki de Saint Phalle präsentieren, die in Kooperation mit dem Kunsthaus Zürich entstanden ist und aktuelle Perspektiven auf das Werk der Künstlerin bietet, – von den frühen Arbeiten, den Objekten und Schießbildern, bis zu den „Nanas“.

Werden Sie sich auch stärker den - bei uns noch immer unterrepräsentierten - Positionen aus marginalisierten Teilen der Welt widmen?

Das berührt aktuelle Diskussionen in der Gesellschaft und der zeitgenössischen Kunst und die Frage: Wie erreicht man eine bessere Repräsentation? Warum wurden Künstler:innen mit einem wegweisenden Werk bisher kaum wahrgenommen? An dieser Revision der Kunstgeschichte sind wir sehr interessiert und werden uns weiterhin kräftig beteiligen.

Sebastian Baden vor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt.
Sebastian Baden vor der Schirn Kunsthalle in Frankfurt. Foto: Gaby Gerster © Gaby Gerster

Das bedeutet, Sie möchten die Kunstgeschichte umschreiben?

Der Kanon wird ständig umgeschrieben, anders als etwa in der Bibel. Als öffentliche Kunstinstitution sind wir dazu aufgefordert, Setzungen kritisch zu hinterfragen und neu zu bestimmen. Die Schirn hat im Bereich der Neuentdeckungen und -bewertungen bereits Wegweisendes geleistet, insbesondere was die Künstlerinnen betrifft, ich erinnere an Ausstellungen wie jüngst „Fantastische Frauen“ oder Einzelausstellungen von Lee Krasner oder Paula Modersohn-Becker. Niki de Saint Phalle ist eine weitere wichtige Position, eine bekannte Künstlerin, deren Werk bis heute aber eher eindimensional rezipiert wird. Wir zeigen deswegen auch weniger bekannte Facetten ihres Werkes, zum Beispiel ihre politischen Arbeiten

Bei einer Neubetrachtung des Kunstkanons spielen sicher auch weitere, identitätspolitische Themen eine Rolle?

Fragen der Identität spielen in unser pluralen und globalen Gesellschaft eine zentrale Rolle. Welche Perspektiven werden in der Gesellschaft wahrgenommen und welche nicht? Welchen Hintergrund, welche Geschichten bringen unterschiedliche Menschen mit und ein? Das prägt auch die Kunstwerke, die geschaffen werden. Und auch viele Künstlerinnen und Künstler sind stark politisch und sozial engagiert. Gauri Gill, deren Fotografien aus dem nichturbanen Indien wir gerade zeigen, engagiert sich stark für die Menschen in der Wüstenregion, sie lebt dort mit ihnen und tritt in einen engen kollaborativen künstlerischen Austausch.

Zur Person

Sebastian Baden ist seit dem 1. Juli 2022 Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Von 2016 bis 2022 war er Kurator für zeitgenössische Kunst, Skulptur und Neue Medien an der Kunsthalle Mannheim. Zuvor lehrte er Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. 2014 promovierte er über „Das Image des Terrorismus im Kunstsystem“. Baden, Jahrgang 1980, studierte Kunsterziehung und Literaturwissenschaft in Karlsruhe sowie freie Kunst an der Hochschule der Künste Bern.

Der Übergang zwischen Kunst und politischem Aktivismus ist zunehmend fließend. Auch die Grenzen zu Bereichen wie Dokumentation und Recherche lösen sich auf. Die Definition von bildender Kunst und ihre Ästhetik ändern sich gerade sehr stark, wie wir auch bei der documenta fifteen gesehen haben. Wird es schwieriger, das zu vermitteln?

Dass sich Kunst weiterentwickelt, ist generell nichts Ungewöhnliches. Die Impressionist:innen waren zu ihrer Zeit ein Skandal. Ich würde mit Blick auf die heutigen Entwicklungen sagen, es ist wichtig, dass die Kunst zunächst eine „Irritation im System“ verursacht – so nennt es Niklas Luhmann -, und dann eine Anschlusskommunikation ermöglicht. Sobald dieser Austausch beginnt, verändert das die Gesellschaft. Unsere Aufgabe und unser Anliegen sind es, uns in diese gesellschaftlichen Diskussionen einzumischen, sie am Haus widerzuspiegeln und voranzutreiben. Es geht darum, die Wahrnehmung und das eigene Framing zu hinterfragen, und unsere Besucher:innen sind dafür sehr offen.

Das Museum als Plattform für Diskurse… Haben Sie Verständnis für die Aktionen der Klimaaktivist:innen?

Ausstellungen waren schon immer eine hervorragende Plattform für politische Aktionen. Das zeigt auch, wie gesellschaftsrelevant Kunst ist! Der Protest und zivile Ungehorsam der Aktivist:innen sind in Anbetracht der aktuellen Dringlichkeit der Klimalage nachvollziehbar und wichtig, die Beschädigung von Kulturgut allerdings nicht. Das Festkleben an Kunstwerken würde ich mit einem Begriff aus meiner Dissertation als „Mindbomb“ beschreiben, einen Akt zur Aufmerksamkeitsgewinnung durch Guerillatechniken. Allerdings zeigen die Attacken auf das Kulturgut eine Missinterpretation vonseiten der Klimaaktivist:innen; denn sie greifen damit keine Gegenposition an. Als Kulturinstitution, die aktuelle Diskurse aufgreifen und voranbringen möchte, verstehen wir uns vielmehr als Verbündete.

Das klingt, als wäre es für Sie gar nicht so abwegig darüber nachzudenken, Klimaaktivist:innen in die Schirn einzuladen.

Wir beschäftigen uns mit dem Thema Klimaschutz seit Jahren, und unser Haus ist prinzipiell für neue Dialoge bereit. Nächstes Jahr zeigen wir die große Themenausstellung „Plastic World“, die die Geschichte des Kunststoffs als Material für die Kunst, für plastisches, skulpturales Arbeiten verfolgt: von der Mitte des 20. Jahrhunderts, als man an diesen „Wunderstoff“ aus Erdöl glaubte, bis zu ökokritischen Positionen in der Gegenwart. Ein Format, bei dem man sagen könnte: Hier könnte man wirklich im Programm konstruktiv diskutieren.

Lassen Sie uns kurz über die documenta fifteen sprechen. Wie haben Sie die Ausstellung wahrgenommen?

Ich war euphorisch, und zunächst sehr angetan. Das Prinzip des Kollektivs hat eine an vielen Stellen herausragende Ausstellung produziert. Eigentlich wäre das ein „Game Changer“ für die Kunstgeschichte, der in der Teilhabe und Mitsprache besteht. Aber es wurde deutlich, dass die kuratorische Arbeit bei der Auswahl und Vermittlung der Werke sensibel und professionell sein muss, um eben keine Vorurteile und Diskriminierungen zu reproduzieren, sondern im Gegenteil abzubauen. Dies gilt gerade mit Blick auf unterschiedliche kulturelle Kontexte.

Ein gelingender Diskurs ist nicht einfach, weil es eine Menge an Partikularinteressen gibt. Eine Institution wie die Schirn Kunsthalle, die den Diskurs vorantreiben will, muss sicher sehr sensibel sein, um zum Beispiel bestimmte Gruppen nicht zu benachteiligen oder zu verärgern. Wie handeln Sie das?

Dies ist eine wichtige Aufgabe der Kuration, aber auch unserer Vermittlungsarbeit, die sich immer an ein möglichst großes Publikum richtet. Konkret bedeutet das für unsere Arbeit, dass wir verstärkt und umfangreicher mit unterschiedlichen Expertinnen und Experten zusammenarbeiten, die wir beratend in unser Team holen. Es sind Lern- und Dialogbereitschaft sowie Kritikfähigkeit, auch bei uns, notwendig. Das ist natürlich ein Mehraufwand, der aber wie unsere Erfahrung zeigt, sehr erfolgreiche Resultate bringt und neue Communities erreichen und einbinden kann.

Viele Kulturinstitutionen leiden stark unter den Auswirkungen der Coronapandemie. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Auch wir spüren die zahlreichen Herausforderungen deutlich. Aber es gibt auch sehr positive Signale. Nach der Phase der Isolation haben die Menschen wieder verstärkt das Bedürfnis, sich Kunst anzusehen. Aktuell erhält unsere Chagall-Ausstellung und unser begleitendes Programm einen enormen Zuspruch, die Rückmeldungen sind äußerst positiv. Das ist für uns ein wichtiges Signal, dass sich unsere Strategie auszahlt, weiterhin ein anspruchsvolles, hochwertiges Programm zu zeigen. Um die Anzahl der Besucher:innen zu steuern, bieten wir Zeitslots an und selbstverständlich können diejenigen, die sich damit wohler fühlen, weiterhin eine Maske tragen.

Interview: Lisa Berins

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