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Ballspieler, 600–900 n. Chr.
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Ballspieler, 600–900 n. Chr.

Maya

Schattierungen von Grau

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Eine große Maya-Ausstellung in Berlin feiert die Schönheit. Europaweit wird die Schau „Maya – Sprachen der Schönheiten“ nur in Berlin zu sehen sein.

Der Sumoringer soll, so belehrt uns der Vitrinentext, ein Ballspieler sein. Einer von denen also, die mit kunstvollem Hüftschwung einen Kautschukball durch einen wohl in Hüfthöhe angebrachten Eisenring bugsiert haben sollen. Auf den, der uns das vormacht, wartet der auf Archäologiesport gespannte Teil der Menschheit noch immer. Solange wir diese Figur nicht hatten, stellten wir uns die ballspielenden Maya und Azteken als schlanke Fußballer vor, vergleichbar den kretischen Stierspringern. Schon das war angesichts der mexikanischen Physis eine gewagte Hypothese, aber wenn das ein Spieler sein soll, dann muss das Spiel völlig anders gespielt worden sein.

Die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin heißt „Maya – Sprache der Schönheit“. Genau das ist gemeint. Es ist eine Kunstausstellung. Die einzelnen Gegenstände werden als Kunstwerke präsentiert. Man erfährt nur selten, wofür sie gedacht waren. Man sieht zum Beispiel eine Reihe von Reliefs mit Kriegsgefangenen nebeneinander. Alle frontal,mit dem Gesicht im Profil. Alle knien. Die Arme wurden ihnen auf den Rücken gebunden. Schöne, eindrucksvolle Arbeiten. Die Reliefs stehen einzeln nebeneinander. Muss man sich die ursprüngliche Aufstellung vorstellen wie in den vorderasiatischen und ägyptischen Darstellungen? Waren diese Maya-Reliefs auch Teile riesiger Palastwände oder wurden sie einzeln aufgestellt?

Der verunsicherte Betrachter atmet auf, als er einen länglichen Brocken Kalkstein sieht, darauf einen Gefangenen erblickt und erfährt, dass es sich um eine Treppenstufe aus einer großen Palastanlage handelte. Hier traten die Sieger die Besiegten – oder doch wenigstens ihr Abbild – womöglich gar täglich mit Füßen.

Ansonsten feiert die Ausstellung ganz altmodisch die einzelnen Stücke als Kunstwerke. Wie europäische Museen einst nichts waren als Schaukästen für Beuteobjekte, so zeigt auch diese Ausstellung nur Einzelstücke. Sie macht keine Zusammenhänge deutlich. Kein Wort über die Gesellschaften, aus denen sie kommen. Nichts als hier und da ein paar Andeutungen zu den Verwendungszwecken.

Ägypten ist ein Geschenk des Nils, erklärte uns Herodot etwa zu der Zeit, als die Kultur der Maya entstand. In der Schule lernten wir einst, alle Hochkulturen seien an Flüssen entstanden: Nil, Euphrat und Tigris, Indus, Jangtse. Kein Wort in dieser Ausstellung dazu, dass die Maya ein radikales Gegenmodell darstellen. In ihrem Kernland jedenfalls gab es keine Flüsse, kein Süßwasser. Die Hochkultur der Maya entstand nicht aus der Notwendigkeit, den Überfluss an Wasser regulieren, sondern aus der Notwendigkeit, Wasser zu sparen. Man kann daraus weitreichende Schlüsse ziehen, wie gleichgültig die ökologische Situation ist, vorausgesetzt der Mensch ist in der Lage, mit ihr fertig zu werden. Aber es wäre gut, es zu wissen. Es wäre gut, es zu wissen, nicht nur, weil man dann besser wüsste, was für eine Art von Wassergott der Wassergott der Maya war.

„War“ ist hier etwas anders zu sehen als beim Blick auf Ägypten oder den Vorderen Orient. Die Maya gibt es noch. Als ich 1966 das erste Mal in Chichen Itza war, hatte ich Walter Krickebergs „Altmexikanische Kulturen“ dabei. Darin auch die Abbildung eines Maya-Relief und vor ihm das Profil eines heutigen Einwohners von Yucatán, der Halbinsel, auf der sich Chichen Itza befindet. Die Ähnlichkeit war verblüffend.

Gleichzeitig machte diese Gegenüberstellung aber auch klar, dass Hochkulturen kommen und gehen. Ganz ohne Völkerwanderungen. Die Maya, das zeigte mir Krickeberg, waren noch immer da. Aber ihre Hochkultur war seit fast 400 Jahren zerstört. In der Ausstellung sieht man eine weibliche Figur aus Ton an einem Webrahmen auf dem Boden sitzen. Ein Werk der spätklassischen Periode, also aus der Zeit zwischen 600 und 900 nach unserer Zeitrechnung. Genau so sah ich Indiofrauen auf dem Boden sitzen und ihre bunten Stoffe weben.

In Mérida, der Hauptstadt Yucatáns, gibt es seit ein paar Jahren ein großes Maya-Museum. Die erläuternden Texte sind auf Spanisch, Maya und Englisch. Maya ist für ein Drittel der Bewohner Yucatáns Muttersprache. Man kann an der Universität von Mérida seine Dissertation auf Maya schreiben. Die Maya sind wieder erwacht. Es hat sie immer gegeben. Aber sie wurden nicht nur immer neuen Genoziden unterworfen. Sie sollten sich auch – in den Ruhepausen dazwischen – ihrer Herkunft schämen.

Daneben gab es freilich in Mexiko immer auch Perioden des Stolzes auf die indianische Herkunft. Der kosmopolitische Dichter Octavio Paz (1914–1998) hat sie immer als ein wichtiges Element der eigenen, der mexikanischen, ja der südamerikanischen Identität überhaupt betrachtet. Gerade nach dem Massenmord an den Ureinwohnern.

Es gibt eine Maya-Renaissance. Die Globalisierung wird dazu ein Gutteil beigetragen haben. Das einerseits einigermaßen unangenehme Gewese um die „Spiritualität“ der Maya hat neben dem Bildungstourismus auch die Industrie der Sinnsucher auf die mexikanische Halbinsel getrieben und damit die Bedeutung der Maya für den Tourismus – eine der Haupteinnahmequellen Mexikos – erheblich gesteigert.

Die Tonfigur, die die Weberin von vor 1000 Jahren zeigt, hat im Laufe der Jahre ihre Bemalung verloren. Auch der Ballspieler war nicht immer so graublass. Eine Kunstausstellung, habe ich gesagt. Eine altmodische Kunstausstellung dazu. Sie zeigt, insofern doch ganz archäologisch, die Fundstücke so, wie sie zu Tage gefördert wurden. Wir haben es vor allem mit Ton und Kalk zu tun. Wer einen Raum betritt, sieht vor allem Schattierungen von Grau. Falscher könnte der Eindruck von Maya-Kunst nicht sein. Es ist, als stünden wir noch schwärmend vor den Statuen von Venus und Apoll – ganz in Weiß. Sie waren aber bunt, knallbunt. Eher noch bunter waren Quetzalcoatl und die jungen Männer aus Campeche oder auch der „Herr der Unterwelt“.

Was wäre verwerflich daran, wenn man denn schon eine „Kunst“-Ausstellung macht, einen Saal einzurichten, in dem bemalte Kopien versuchen, eine Vorstellung von dem zu erwecken, wie die Gegenstände damals wirklich aussahen?

Es gibt zwei Gegenstände, von denen leider keine Fotos vorliegen, für die allein der Besuch der Ausstellung – die es übrigens in Europa nur in Berlin zu sehen geben wird –, sich schon lohnt. Erstens eine plastische Kalkstein-Darstellung jener Szene auf der Pyramidenspitze, für die die Maya-Kultur berühmt ist. Ein junger Mensch wird rückwärts über einen Stein gebeugt und der Priester schneidet ihm das Herz mit einem Messer aus dem lebendigen Leib. Der Kalkstein zeigt den über den Stein gekrümmten Körper. Die Herzgegend ist eine flache Fläche. Hier, so denkt sich der Betrachter, wurden Opfer dargebracht. Ist dieser – wohl lebensgroße – stark verwitterte Stein Ausschnitt einer vollplastischen Szene, vergleichbar der der Blendung des Polyphem durch Odysseus und seine Gefährten in der Höhle des Tiberius, im südlich von Rom gelegenen Sperlonga?

Keine Assoziation falscher als diese, nichts scheint dem alten Mesoamerika ferner zu liegen. Wäre da nicht der „Torso einer schwangeren Frau“ aus Mayapán, postklassisch, sagt der Hinweis in der Vitrine. Also zwischen 900 und 1550 unserer Zeitrechnung entstanden. Wenn die Ärchäologen, wenn die Kunsthistoriker des Museo Regional de Antropologia Palacio Cantón in Mérida es für ausgeschlossen halten, dass dieser Torso nicht etwa eine Fälschung ist und tatsächlich aus präkolumbianischer Zeit stammt, dann ist die Assoziation zu Pergamon und Sperlonga nicht definitiv falsch. Dann muss die Ausstellung ganz sicher „Maya – Sprachen der Schönheiten“ heißen.

Martin-Gropius-Bau, Berlin: bis 7. August.

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