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Beeindruckender Bau: das Stavros Niarchos Cultural Center.

Griechenland

Im Schatten des Parthenon

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Vor einem Jahr eröffnete die Documenta in Athen und endete mit herber Kritik. Ein Streifzug durch die Gegenwartskunst des Landes.

Mindestens ist das mit dem Parthenon wie mit dem Eiffelturm in Paris oder dem Dom in Köln: Egal wo man in Athen geht oder steht, irgendwann fällt der Blick immer auf die antike Tempelanlage, die auf der Akropolis thront. Auch wenn man in der Gegend rund um das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst unterwegs ist, überschattet Griechenlands großes historisches Erbe die modernen Künste Athens. Einer Stadt, die vor genau einem Jahr als zweiter Standort mit der Eröffnung der Documenta 14 am 8. April Schlagzeilen gemacht hatte. Auch das Nationale Museum für Zeitgenössische Kunst war Teil der großen Schau.

„Das hier ist ein richtiges Panorama der griechischen Szene“, sagt Museumsleiterin Katerina Koskina. Bis nächste Woche noch läuft in ihrem Haus die Ausstellung „Theorimata“: 46 griechische Künstler, ausgewählt von 18 Kunstkritikern und Kuratoren der griechischen Sektion der Association Internationale des Critiques d’Art (AICA). „Die Schau zu planen, war nicht einfach. 18 Stimmen, 18 Geister, lassen sich nicht leicht zusammenbringen“, sagt Koskina, als sie durch den verhältnismäßig kleinen Ausstellungsraum im Untergeschoss läuft. Das geschäftige Klackern ihrer Absatzschuhe mischt sich mit sphärischen Klängen verschiedener Videoarbeiten und Installationen. „Trotzdem manifestiert sich über die Ausstellung ein repräsentatives Bild der zeitgenössischen Kunst in Athen.“ Auch die vier Stockwerke über dem Kellerraum allerdings illustrieren drastisch den Zustand der gegenwärtigen Kunstszene des Landes: Sie stehen leer, seit fast 20 Jahren.

„Wir haben mit unseren Aktivitäten schon 2000 angefangen“, sagt Koskina müde, „aber wir kämpfen immer noch, endlich vollends eröffnen und einen normalen Museumsbetrieb aufnehmen zu können.“ Die Geschichte ihres Museums begann abenteuerlich: Als eine ehemalige Brauerei 1997 abgerissen werden soll, um Platz für ein Parkhaus zu schaffen, besetzen Kunstaktivisten das Gebäude im Stadtzentrum Athens. Sie erzielen einen Kompromiss: Die Hälfte des Baus muss weichen, die andere wird dem Staat zur kulturellen Nutzung überlassen. Das Museum für Zeitgenössische Kunst entsteht, ab 2003 werden erste Ausstellungen in der Ruine gezeigt. Von 2007 bis 2013 wird der Bau saniert, das Museum zieht zwischenzeitlich in ein anderes Gebäude und 2014 schließlich in die alte Brauerei. „Alle Aktivitäten, jede Präsenz unseres Museums ist nur auf unserem eigenen Engagement gebaut“, sagt Katerina Koskina. „Es gibt für uns kaum staatliche Unterstützung.“ Die Sparmaßnahmen des krisengebeutelten Landes kriegt eben auch und gerade die Kulturszene zu spüren. „Unser jährliches Budget ist sehr limitiert, es deckt kaum unsere Ausgaben. Es gibt jedes Jahr Verluste“, so Koskina. „Bis zum vergangenen November waren wir bloß 13 Leute, die Tag und Nacht gearbeitet haben. Erst seit fünf Monaten haben wir richtige Techniker, Reinigungskräfte und Museumswärter im Haus.“ Angewiesen sei die Kulturbranche in Griechenland vor allem auf private Geldgeber.

Was mit so einer Finanzspritze passieren kann, zeigt sich etwa im Süden der Stadt: 2017 wurde das Stavros Niarchos Foundation Cultural Center dem griechischen Staat übergeben. Seit dem Tod des Reeders und Kunstsammlers Niarchos 1996 verwaltet die Stiftung einen Großteil seines Vermögens, 566 Millionen Euro sind in das Mammutprojekt in der Bucht von Faliro geflossen. Der beeindruckende Bau von Renzo Piano beherbergt heute die Nationalbibliothek und die Nationaloper, auf den 210 000 Quadratmetern des angrenzenden Parks finden Konzerte und Veranstaltungen statt. „Solche Institutionen, aber auch kleinere produktive Häuser sind immens wichtig für die Entstehung einer richtigen Szene“, sagt Katerina Koskina. „Sie tragen dazu bei, dass die zeitgenössische Kunst und Kultur in Griechenland in letzter Zeit sichtbarer geworden ist.“

Das glaubt auch Malvina Panagiotidi, die als freie Künstlerin in Athen und Berlin lebt und arbeitet. „In den letzten 15 Jahren ist das Interesse an zeitgenössischer Kunst in Griechenland gewachsen“, sagt sie, „durch große Ausstellungen und durch Stiftungen, die einen klaren Fokus auf gegenwärtige Kultur legen.“ Und trotzdem: „Die meisten großen Einrichtungen konzentrieren sich ganz auf unser kulturelles Erbe.“ Dass aber gerade Berührungspunkte zwischen historischer und zeitgenössischer Kunst spannend sein können, beweisen die Arbeiten Panagiotidis. Inhaltlich widmet sie sich Überschneidungen aus Kulturgeschichte, Anthropologie und Modernität, bearbeitet Themenkomplexe von Folklore bis Aberglaube, setzt sie in einen aktuellen sozialen Kontext oder inszeniert sie im urbanen Raum. Die Serie „Ghost Relief I-V“ etwa besteht aus Wachsmodellen griechischer Gebäude, die als angebliche Geisterhäuser in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind: „Ich interessiere mich für das Überleben und die Transformation dieser Gebäude und ihrer Geschichten.“

Kunst machen in Athen, das gehe in Anbetracht günstiger Mieten und Materialien zwar gut. Ein Fakt aber bleibe, dass die finanzielle Unterstützung für Künstler auf ein absolutes Minimum reduziert wird. „Ohne Zweifel ist besonders die Kulturlandschaft extrem von der Krise betroffen“, sagt Panagiotidi. „Aber das größte Problem bleibt, dass die ganze Balance des Alltags ins Wanken gekommen ist.“ Und das nun mal betreffe jeden Bürger des Landes und nicht nur die Kunstschaffenden.

Neben der prekären Lage erschwert auch die Wahrnehmung der Gegenwartskunst in der Hellenischen Republik den Künstlern die Arbeit: In einem Land, das so unfassbar reich an Geschichte und historischer Kunst ist, haben es moderne Kulturansätze schwer, aus dem Schatten der Antike zu treten. Es sind vor allem die historischen Funde, die kunstinteressierte Touristen in die Stadt, in das Benaki-Museum mit seinen unzähligen Schmuckstücken und Kunstwerken der orthodoxen Kirche etwa, oder zu den Kolossalstatuen im Archäologischen Nationalmuseum locken. So viel Geschichte in so großzügigen Hallen macht die Welt da draußen, das Heute fast vergessen. „Kaum jemand kommt nach Athen, um moderne Künste zu sehen“, sagt denn auch ein Museumsführer im Akropolismuseum, in dem sagenhafte Statuen der Antike, Körper und Büsten aus Marmor zu einem steinernen Wald aufgereiht sind. „Was hier interessiert, ist weniger die Position eines Künstlers als die Entwicklung einer Gesellschaft.“ Deswegen, so glaubt zumindest der Museumsführer, habe auch die Documenta die Griechen nicht im Herzen berührt.

„In Griechenland erreichen moderne und zeitgenössische Kunst kein breites Publikum“, sagt ebenfalls Katerina Tselou und rührt in ihrem Kaffee. Fast ironisch ist es, diesen Satz ausgerechnet im hübschen Café des Museums für kykladische Kunst zu hören: Die Figuren aus der Bronzezeit muten selbst modern an, haben nicht zuletzt Pablo Picasso inspiriert. Katerina Tselou ist Kuratorin, hat einige Jahre in Brüssel und Paris gelebt, ist 2009 in ihre Heimatstadt Athen zurückgekehrt. „Genau als die Krise begonnen hat, was für ein wundervoller Zufall.“ Ihr tiefes Lachen legt sich über diesen einen Satz.

Als eine der Ersten wurde Tselou von dem polnischen Kunstkritiker und künstlerischen Leiter der Documenta, Adam Szymczyk, in das Kuratorenteam für die 14. Ausgabe der weltweit wichtigsten Messe für zeitgenössische Kunst geholt. Erstmals wurde die Ausstellung mit Athen an einem zweiten Standort schon einige Wochen vor der Schau in Kassel eröffnet. „Dass das Format zumindest in der Kunstszene Griechenlands schon bekannt war, hatte nicht nur positive Seiten“, sagt Tselou. „Es gab große Hoffnungen, die sich in aller Konsequenz nicht erfüllen konnten.“ Zwar war die Ausstellung mit rund 340 000 Besuchern allein in Athen ein Besuchererfolg. An einen entscheidenden Wendepunkt für die Kulturszene der Stadt glaubt heute trotzdem lange nicht jeder.

Malvina Panagiotidi aber, die Künstlerin, glaubt. Sie will glauben. „Die Documenta hat die Kunstszene in Athen in einem großen Rahmen reaktiviert und einen internationalen Fokus auf Stadt gelenkt“, sagt sie. „Was davon bleibt, wird die Zeit zeigen.“ Unbeachtet sei die Messe in Griechenland jedenfalls nicht vorübergegangen. Nur wird die künstlerische Leistung der Documenta 14 von der Debatte um einen Millionenverlust überschattet: Das Konzept der zwei Standorte war kostenintensiver als geplant, Defizite sollen allein in Athen entstanden sein, Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff muss mit ihrem Vertragsende im Juni dieses Jahres ausscheiden.

Katerina Koskina vom Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst Athen ärgert sich über die anhaltende Diskussion. Auch sie war Teil der Documenta 14, gastierte mit einer Schau ihres Hauses im Kasseler Fridericianum. „Die Kritiken drehen sich bloß noch um die finanzielle Seite. Ellenlage Texte darüber, dass die Klimaanlagen in Athen zu teuer waren“, schimpft sie. „Das ist für mich keine ernsthafte Diskussion.“ Dabei sei die Documenta in Kassel und Athen, in Deutschland und Griechenland, nicht nur auf künstlerischer, sondern auch auf politischer Ebene von Bedeutung gewesen.

Mittlerweile in ihrem Büro angekommen, umgeben von den großen leeren Räumen ihres Museums, tippt Katerina Koskina energisch auf ein Bild im Katalog zu ihrer Ausstellung in Kassel. Darauf sind Flaggen aller EU-Staaten in Form von Glasplatten zu sehen, die auf dem Boden liegen, eine Arbeit von Costas Varotsos. „Das war eines meiner liebsten Werke auf der ganzen Documenta“, sagt Koskina, ihr Finger bleibt auf dem Bild liegen. Die Besucher sollten auf den dünnen Glasplatten umherlaufen, sie so zerbrechen, die Scherben der Flaggen kontinuierlich miteinander vermengen. Ein Gleichnis: „Menschlich gab es auf der Documenta definitiv eine Annäherung“, sagt Koskina. „Für mich ist einmal mehr deutlich geworden, dass wir Teil einer größeren Familie sind, der europäischen Familie. Und das ist in diesen Zeiten sehr wichtig und wertvoll.“

Katerina Koskinas Stimme wird brüchig, als sie über die vielen, die lauten Stimmen spricht, die diese Familie zerstören wollen. Die Demokratie zerstören wollen. „Ich finde die Kunst hat durch die Documenta einmal mehr bewiesen, dass sie Verbindungen aufbauen kann, und dass sie in dieser Fähigkeit der Politik oder der Wirtschaft viel voraushat.“ Sie habe Gemeinschaft geschaffen, diese Kunstmesse, Gemeinsamkeiten gesucht, wo die Politik zu oft auf Unterschiede pocht. Dass diese Annäherung jetzt in Vergessenheit gerät, dass wieder Geld zum entscheidenden Faktor der europäischen Gemeinschaft stilisiert wird, mache sie traurig.

„Das hat mit der Ära zu tun, in der wir leben“, sagt Kuratorin Katerina Tselou im Café des kykladischen Museums bloß. „Eine Ära des Geldes.“ Da sei es doch gerade wichtig, durch kulturelle Veranstaltungen die Aufmerksamkeit auf andere Dinge, auf kreative Dinge zu lenken. „Es ist sehr schade, dass es ausgerechnet zwischen Griechenland und Deutschland nach dieser Schau schon wieder nur ums Geld geht“, sagt die Kuratorin. Gerade, weil die beiden Staaten eine so ambivalente Beziehung verbinde. „Angefangen bei der Romantik des 19. Jahrhunderts über die Besetzung Athens durch die Nazis im Zweiten Weltkrieg bis hin zu Merkels Finanzkurs für Griechenland und die EU“, so Tselou. „Insofern ging es bei der Documenta auch darum, praktisch und symbolisch nicht nur einen Dialog zwischen Athen und Kassel, sondern auch zwischen Deutschland und Griechenland zu inszenieren.“

Streit und Krise als Ausgangspunkt für kreatives Schaffen, das hat schließlich Tradition. „Adam Szymczyk hat Athen auch als Symbol für das Leiden ausgewählt“, sagt Museumsleiterin Katerina Koskina. Im Regal hinter ihr drücken sich Kunstbände und Ausstellungskataloge aneinander, auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Papiere. Hier wird gearbeitet, gekämpft. „Die Stadt hat Jahrhunderte hindurch auf ganz unterschiedliche Weise gelitten. Kriege, Diktaturen, die Finanzkrise, die Flüchtlingskrise, unerfüllte Träume.“ Solche Brüche in der Landesgeschichte allerdings begünstigten auch eine Entfaltung der Kultur, „Frustration kann ein wahnsinnig guter Katalysator für künstlerisches Schaffen sein.“ Diese kreative Tatkraft aber muss nicht nur kanalisiert, sondern auch unterstützt werden. Und sie muss wahrgenommen werden. „Als bewahrenswerte Kunst wird in Griechenland aber meist nur unsere schwerwiegende historische Kultur betrachtet“, sagt Koskina noch einmal. Aus ihrem Büro hat man einen Blick auf die Akropolis. Der Parthenon darauf glänzt in der Sonne.

Weitere Informationen zu Athen und der Region Attica finden Sie unter www.visitgreece.gr und www.athensattica.gr

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