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Selbstporträt mit Pfeife: George Grosz.

George-Grosz-Ausstellung

Schätze aus der Kiste

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Beißende Kritik am Lebensstil des modernen Konsumismus: Die Berliner Akademie der Künste wirft einen einzigartigen Blick auf Leben und Werk von George Grosz. Von Harry Nutt

Sein vielleicht berühmtestes Bild, das Porträt des Dichters Max Herrmann-Neiße, sorgte erst kürzlich wieder für Schlagzeilen. Ein amerikanisches Gericht hatte befunden, dass das Neiße-Porträt sowie zwei weitere Gemälde von George Grosz im Besitz des Museum of Modern Art in New York bleiben.

Dabei hatte Grosz, Jahre nachdem er dem Nazi-Terror entkommen war, deutlich den Verlust des Bildes beklagt. Im Kontext von Raub- und Fluchtkunst ist seine Bemerkung darüber inzwischen fast so bekannt wie das Neiße-Bild selbst. An seinen Schwiegersohn schrieb George Grosz 1953: "Modern Museum stellte ein mir gestohlenes Bild aus (bin machtlos dagegen) Sie habens von Jemand gekauft, ders gestohlen."

Die eigenwillig knappe Diktion dieser Zeilen sind charakteristisch für den Maler, Zeichner und Dadaisten George Grosz, dem die Akademie der Künste in Berlin nun eine große Ausstellung widmet.

Sie umfasst mehr als 500 Objekte, Zeichnungen, Collagen, Skizzen und Fotos, die ausschließlich aus dem Akademiebestand stammen und in dieser Form bisher noch nicht zu sehen waren. Die Akademie der Künste hat mit der von Birgit Möckel kuratierten Schau einen fragilen Schatz gehoben, der schon wegen seines konservatorischen Zustands auch in Zukunft wohl nur selten zu sehen sein wird.

Akademiepräsident Klaus Staeck, dessen politische Plakatkunst immer wieder in die Tradition von George Grosz und John Heartfield gestellt worden ist, hob die politische Aktualität der radikalen Kapitalismus- und Militarismuskritik von Grosz hervor. Das Gezeigte könne als Kommentar zu den gegenwärtigen sozialen Verhältnissen gedeutet werden.

Stiernackige Unternehmerfiguren

Auffällig sind aber vor allem die Unterschiede. Grosz stiernackige Unternehmerfiguren sind scharf zugespitzte Charaktermasken, die bis heute eine im kulturellen Gedächtnis verankerte Bilderwelt der Weimarer Republik bevölkern.

Provokant und plakativ ging Grosz auf die politischen Verhältnisse seiner Zeit los und verzichtete weitgehend auf Zwischentöne. Gleich mehrmals musste er sich deswegen vor Gericht verantworten. Immer wieder griff Grosz die Spuren des Krieges auf, die in den libertären Jahren nach 1918 eine skurrile Mischung mit der lasziven Lebensgier der Zwanziger ergaben.

Ein Glücksfall ist die Ausstellung nicht zuletzt deshalb, weil sie Werk und Biographie als umfangreiche Materialiensammlung präsentiert. Die Verheerungen der Zeit durchfurchten auch das Leben des 1893 als Georg Ehrenfried Groß in Berlin geborenen Künstlers. Hatte er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger gemeldet, so trat er später der KPD bei, nach einem längeren Russlandaufenthalt aber auch wieder aus. Dem eigenwillig-anarchischen Temperament des George Grosz stand eine bürgerliche Erscheinung gegenüber, und sein künstlerisches Werk ging nicht zuletzt aus einer ordnungsversessenen Sammelwut hervor. Schon als Jugendlicher hatte Grosz beflissen Zeichnungen von Wilhelm Busch bis Ludwig Richter kopiert und begeistert die preußischen Blücher-Husaren abgemalt. In zahllosen Mappen archivierte er Skizzen und Studien von Körpergliedmaßen oder unterschied wilde Tiere von zahmen. Auf diese früh verinnerlichte Bilderwelt konnte später auch der Gesellschaftskritiker und Collagist Grosz zurückgreifen, dessen affektgeladen wirkendes Gesamtwerk letztlich von einem bemerkenswerten Ordnungsfanatismus geprägt ist.

Unter Pornografieverdacht

Die Berliner Ausstellung zeigt den berühmten George Grosz, der wegen seiner Mappe "Ecce Homo" unter Pornografieverdacht geriet, es bietet aber auch das nach der Emigration entstandene amerikanische Werk zur Entdeckung an, in dem Grosz sich in Form von Collagen mit dem Lebensstil des modernen Konsumismus auseinandersetzt und künstlerisch eine Art Vorgriff auf die Pop-Art unternimmt. Der Höhepunkt der Ausstellung sind jedoch die 23 Porträtskizzen von seinem Freund Max Herrmann-Neiße, die erst 1984, in einer Kiste verpackt, im Kohlenkeller eines Hauses am Berliner Savigny-Platz wieder zum Vorschein kamen.

Schonungslos offen skizziert Grosz auch hier die beschädigte Physiognomie des Dichters. Doch anders als bei den stereotypen Kapitalistenfratzen wird jede körperliche Eigenart mit liebevoller Aufmerksamkeit verzeichnet. George Grosz, der erst 1958 in die Akademie aufgenommen worden war, kehrte 1959 nach Berlin zurück, wo er kurz vor seinem 66. Geburtstag starb.

Akademie der Künste, Berlin: bis 5. April. www.adk.de

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