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„Tu mich nicht nochmals verlassen“, Videoinstallation, 2015.
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„Tu mich nicht nochmals verlassen“, Videoinstallation, 2015.

Pipilotti Rist in Zürich

Sanfte Anarchistin der Fantasie

  • VonIngeborg Ruthe
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Die Schweizerin Pipilotti Rist, eine Nachfolgerin des Dada, verwandelt das Kunsthaus Zürich in ein videodurchzucktes Körperorgan.

Womöglich kam Pipilotti Rist ihre Idee bei einem sommerlichen Berliner Taschenlampenkonzert der Philharmoniker in der Waldbühne oder vielleicht bei einer Exkursion in Unterwelten. Gar nicht so abwegig, schließlich trat die weltweit gefragte, auf Biennalen und in Museen gefeierte Schweizer Video-Künstlerin im Jahr 2004 eine Honorar-Professur an der Universität der Künste an. Somit wurde sie ja ein wenig zur Berlinerin.

Und Taschenlampen braucht man auf jeden Fall, will man ihr spektakuläres Züricher Gesamtkunstwerk durchqueren. Rist, die sich von Kind an nach ihrem Alter Ego – Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf – nennt, hat den abgedunkelten Bührle-Saal des Züricher Kunsthauses in ein videodurchzucktes Körperorgan verwandelt, durch das man sich mit- hilfe einer Lichtquelle den Weg suchen muss. Es geht durch Vulkan-, Wasser- und Körperlandschaften, die nicht nur die Künstlerin selbst in ihren virtuellen Selbstversuchen als Schwimmerin, Erdnymphe oder Körpersonde zu verschlingen drohen, sondern den Betrachter gleich mit. Man schaut durch Tüllgardinen, über die rätselhafte Filmsequenzen zucken und gerät dann mitten hinein in eine Herde grasender, urplötzlich aufgeschreckter und wild über eine Bergwiese rasender Schafe.

„Administrating Eternity“ nennt die 1962 geborene Schweizerin eines dieser Videospektakel. Und in denen gibt es nicht nur mystische Verschlingungen und Bergritte, sondern auch schön bizarre Nahaufnahmen von Haut und Haar, von Blumen (wahrscheinlich Astern), Brombeeren und Pastagerichten mit Tomaten, die kurz deutlich zu sehen sind, um gleich wieder zu verhuschen.

Eigentlich ist ja derzeit im Kunsthaus Zürich alles auf Dada und dessen Geburtsstunde vor hundert Jahren in der Spiegelgasse Nr. 1 eingestellt. Die Anarcho-Nonsens-Bewegung aus der Zeit um 1916 – mitten im Ersten Weltkrieg also – wird dort umfassend, historisch, chronologisch und wissenschaftlich beleuchtet, erklärt und interpretiert.

Im riesigen Sonderausstellungssaal des Hauses aber betreibt Pipilotti Rist ihr augenzwinkerndes Spiel mit doppeltem Boden und Magie. Es gibt auch ein Wiedersehen mit einer Arbeit, die das New Yorker MoMA und die Nationalgalerie Berlin erwarben: „Over is Over All“ (Immer ist überall/Immer ist vorbei) zeigt eine junge Frau im blauen Kleid, die mit Anmut in Zeitlupe mit einer Fackellilie die Fenster geparkter Autos einschlägt. Polizisten nähern sich der schönen Vandalin – lächeln und gehen freundlich grüßend vorbei.

Welch sanfte Anarchistin der Fantasie, könnte man sagen über eine Künstlerin, die ihr seltsames Tun so erklärt: „Ich bin ein großer Fan davon, die Freude, die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein.“ Vielleicht ist solch sanftmütig-provokanter Trotz ja auch Dadaismus, anno 2016, wo wieder mal alles in der Welt aus den Fugen zu geraten scheint und in der Kunst schon alles dagewesen, gemacht, abgehakt, verkauft worden ist.

Dass Pipilotti Rist ihre Großschau mit dem pathetisch-lyrischen oder vielleicht auch bloß ironisch gemeinten Titel „Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes“ überschreibt, ist und bleibt freilich ein Rätselspiel. Da tastet man sich mit seiner Taschenlampe von den hüpfenden Schafen in eine „Wohnzone“ mit Schminktisch, Bar und Sofalandschaft, einem gewaltigen Kingsize-Bett, einem Kronleuchter aus Schlüpfern und einer Handtaschen-Parade. Sobald man in eine der Taschen schaut, kommen einem aus deren Innerem Videobilder entgegen: Münder, Zungen, Ohren, Augen, Sexanspielungen. Was den einen Exerzitien über die Wahrnehmung, sind den anderen „Augapfelmassagen“. So lautet denn auch das euphorischste Urteil über Rists Pixel-Paradiese aus der Steckdose. Ein riesiger Video-Lampen-Wald aus 3000 LED-Leuchtkörpern zieht einen hinein.

Es schwebt, leuchtet, zuckt. Dauernd wird unser Blick aus größter Nähe auf Dinge oder Körperteile gerichtet. Stets ist die Kamera in Bewegung, kriecht die Oberflächen entlang wie ein gieriges Reptil. Rist verschachtelt und verschränkt die Realitäten, Zeiten, Ebenen. Alles fließt, wird destilliert zu einem doppeldeutigen Bild-Gebräu, das halb Wohlgefühl, halb Beklemmung aufkommen lässt.

Kunsthaus Zürich: bis 8. Mai. www.kunsthaus.ch

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