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Sandra Mujinga im Hamburger Bahnhof: Ode an den Elefanten

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Von: Ingeborg Ruthe

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„I Build My Skin with Rocks“ von Sandra Mujinga. Foto: Jens Ziehe/Courtesy The Artist Croy Nielsen & The Approach
„I Build My Skin with Rocks“ von Sandra Mujinga. Foto: Jens Ziehe/Courtesy The Artist Croy Nielsen & The Approach © Jens Ziehe/Courtesy The Artist Croy Nielsen & The Approach

Die Norwegerin Sandra Mujinga wagt im Hamburger Bahnhof einen eigenwilligen und packenden Blick in die Zukunft.

Sandra Mujinga mag Steine. Und spröde Poesie. Sie liebt das Metaphorische. Das Sinnbild Elefant, dieses intelligente Krafttier, das nie vergisst. Elefanten besitzen die Zuneigung der Menschen, vor allem der Kinder. Und so bezieht die aus dem Kongo stammende Norwegerin mit Atelier in Berlin das Publikum von Anfang an ein in ihre Kunst.

Das jüngste Werk hat sie, 2021 mit dem Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst geehrt, in ihre damit verbundene Schau hineingebaut, in die imposante historische Halle des Museums Hamburger Bahnhofs. Ein gewaltiger tiefschwarzer Hexaeder reckt sich hoch zum Kuppeldach als rätselhafter Monolith. Ohne Eingang, fast zehn Meter hoch und 19 Meter lang. Die Vorderseite, durch drei Stufen vom Hallenboden getrennt, dient als LED-Videoleinwand. Darauf pulsieren und flackern als enigmatische Filmfetzen Elefantenhaut-Gebilde in Rot, Blaugrün, in Blei- oder Silbergrau. Ab und an auch golden aufleuchtend. Das imaginierte Dickhäuterkleid ist übersät mit Steinen, von der Künstlerin zusammengenäht aus Leder, Kunstleder, rauem Stoff zu Body-Suits für eine Performerin vor der Kamera. Manchmal sind für Sekunden ein Arm, eine Hand zu sehen. Da wird das Elefantenhafte plötzlich menschlich.

Je näher ich der Installation komme, um sie herumgehe, desto mehr scheint sich auf mysteriöse Weise alles vor meinen Augen zu vergrößern. Mujinga behandelt den Raum als formbares digitales Bild: Sie „beschneidet“ ihn, zoomt in ihn hinein und verändert seine Proportionen. Sie will mit unserer Wahrnehmung, unseren Gedanken und Emotionen spielen. Immer wieder graben sich unter der seltsamen Musik Formen aus Pixeln heraus, um blasige Fragmente einer mit digitalen Sedimenten bestäubten ledrigen Haut freizulegen, gleich darauf in sich zusammenzufallen und in schwarzen Felsbrocken und Hautfetzen zu vergehen.

Es ist, als wolle die Künstlerin auf eine andere Art des Lebens auf dieser Erde verweisen. Poetisch, melancholisch, aber nicht dystopisch, nicht mit der drohenden biblischen Apokalypse, auch mit keiner Arche der Erlösung. Durch die pulsierende imaginierte Elefantenhaut mahnt sie an, Gesellschaft und Natur anders zu sehen, Vergangenes in seinen verborgenen Welten zu begreifen, um sich zur Zukunft zu öffnen. Um Hoffnung zu haben: Da muss ich an den gerahmten Spruch denken, der bei meiner Tante überm Schreibtisch hing: „Ich wünscht’, ich wär’ ein Elefant, dann würd’ ich jubeln laut. Es ist mir nicht ums Elfenbein, nur um die dicke Haut.“ Und ich begreife: Das bewegte Bild von Mujingas melancholischem Urtier trauert nicht ums eigene Verschwinden auf einer von den Menschen kaputt gemachten Erde. Es sorgt sich um jene, die überleben

Ihre Videoskulptur steht weder für eine Ethnie noch eine Nationalität, nicht für Hautfarbe, Kultur oder gesellschaftlichen Rang. Sie will vielmehr daran erinnern, dass wir Menschen für unser Überleben auf andere Lebewesen Rücksicht nehmen müssen, um von ihnen evolutionäre Strategien zu lernen, sich an die Umwelt anzupassen. Damit trifft Mujingas eigenwilliger „Weltenbau“ den Nerv der Zeit, weil er über das anthropozentrische Paradigma hinausweist.

„IBMSWR – I Build My Skin With Rocks“ („Ich baue meine Haut mit Felsen“), wie Mujingas karibischer Lieblingsphilosoph Édouard Glissant 1969 schrieb, lautet der Titel der Preisträgerinnen-Schau, von Daniel Miles subtil kuratiert. Sobald die Videos laufen, ertönt elektronische Musik, dunkel, in Moll, bisweilen vom Trompeten eines Elefanten durchdrungen. Die Künstlerin hat, was sie filmte, nicht nur genäht, sie komponierte auch diesen sanft-dramatischen Hintergrund.

Mujinga, geboren 1989 im kongolesischen Goma, kam als Kind nach Oslo, wo sie später Kunst studierte. Sie wurde mit der Malerei Munchs, der Musik Griegs, der Dramatik Ibsens, Hamsuns und Fosses vertraut. Die Kultur der fernen Heimat, die oft erbarmungslose Macht der Sonne, die afrikanischen Mythen und die schwermütige Dunkelheit des nordischen Winters verwoben sich in der Fantasie des Kindes zur Synthese. Mujingas Kunst eröffnet unbegrenzten Raum für Imagination und Assoziationen.

Packend war das schon 2021 in der Kandidatenschau zum Preis der Nationalgalerie, diese fast magische Fähigkeit Mujingas, uns in einen „Spiegel“ für unterschiedlichste, auch widersprüchlichste Gefühle, Gedanken, Erfahrungen schauen zu lassen. Damals thronten ihre grotesk schönen Geistergestalten im grün fluoreszierenden Kunstlicht. Was erst bedrohlich wirkte, vermittelte nach und nach, dass diese Geister auch Beschützer sein könnten.

Kein Wunder, dass auch jetzt in „IBMSWR“ geraunt wurde, man fühle sich erinnert an Stanley Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, diesen Ausblick aufs Schicksal der Menschheit und deren Suche nach Unendlichkeit. Besuchte Kubrick unsere prähistorischen, affenähnlichen Vorfahren, um dann Jahrtausende zu überspringen, so tut Mujinga das mit visuellen Effekten auf einem „Weltenbau“ mit fluiden Bildern von Elefantenhaut auf menschlichen Armen und Beinen. Wir stehen davor, lernen das Gebilde meditativ kennen. Diese Installation ist kein von den Menschen abgelehntes, zur Aggression gegen seinen Schöpfer mutiertes Frankenstein-Monster, sondern es ist eine gütig mahnende und tröstliche Science Fiction. Geprägt von den Recherchen der Künstlerin über die Überlebensstrategien der Tiere. Insbesondere der Elefanten.

Der Monolith und die Videobilder auf dessen Stirnfassade erzählen vom Wachsen einer neuen Haut-Landschaft, davon, was der Mensch werden kann, um den Planeten von Machtmissbrauch, Neokolonialismus, Ausbeutung, Rassismus, Gewalt und ökologischer Zerstörung zu befreien und damit bewohnbar zu erhalten.

Hamburger Bahnhof – Nationalgalerie der Gegenwart, Berlin: bis 1. Mai 2023. Zur Ausstellung erscheint eine Publikation (Distanz Verlag, 28 Euro).

Sandra Mujinga Foto: Gustave Muhozi
Sandra Mujinga Foto: Gustave Muhozi © Gustave Muhozi
Videostill „IBMSWR“ Foto: S. Mujinga
Videostill „IBMSWR“ Foto: S. Mujinga © S. Mujinga

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