Anna Di Prospero: „Selbstporträt mit meiner Mutter“, 2011.  
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Anna Di Prospero: „Selbstporträt mit meiner Mutter“, 2011.  

Fotografie Forum Frankfurt

Die Sammlung Donata Pizzi im Forum: Frauen, die staubsaugen

  • Sylvia Staude
    vonSylvia Staude
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Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt Arbeiten aus der Sammlung Donata Pizzi, die ausschließlich Künstlerinnen gewidmet ist.

Bereits vor der Diskussion um eine Gleichberechtigung auf künstlerischen Gebieten hat die italienische Fotografin Donata Pizzi einen Stein ins Wasser geworfen: Sie gründete die Collezione Donata Pizzi mit Werken von ausschließlich Frauen. Sie interessiert sich für den „engagierten Blick“ der Fotografinnen, dafür, wie diese aus anderer Perspektive auf die Welt schauen. Aber es geht doch auch darum, ein Ungleichgewicht anzugehen.

Das Fotografie Forum Frankfurt zeigt Donata Pizzi

Von den rund 270 Arbeiten, die die Sammlung inzwischen umfasst, sind beeindruckende 156 jetzt nach Frankfurt gereist, wo das Fotografie Forum die entstandene Ausstellung in Anspielung auf einen berühmten Roman Jane Austens „Resistance & Sensibility“, Widerstand und Gefühl, genannt hat. Dicht gehängt sind die Foto-Werke, dazu von einer bestechenden Bandbreite. Die Collage oder mit anderen Techniken ergänzte Fotografie steht neben dem Dokumentarischen, das Porträt neben dem Stillleben oder fast Abstrakten.

Letizia Battaglia: „Das Mädchen und die Düsternis“, Baucina, 1980.  

Es handelt sich vielfach um künstlerische Statements, auch das Private ist hier politisch. Alba Zari, Jahrgang 1987, versucht, mittels DNA-Test und fotografischer Vermessung ihrer selbst, einen Avatar ihres leiblichen Vaters zu errechnen, den sie nicht kennt. Daniela Comani, Jahrgang 1965, ist mit der Arbeit „Eine glückliche Ehe“ vertreten – sie gibt Mann wie Frau, ist gleichsam mit sich selbst verheiratet. Simona Ghizzoni, 1977 geboren, hat sich mit ihrer Magersucht auseinandergesetzt, zeigt unter anderem einen ausgestreckten knochigen Arm, Blumen in der Hand, „Simona’s Arm With Flowers“. Ihre Serie über Esstörungen ist „seltsame Tage“ überschrieben.

Rund 50 Jahre italienischer Fotografie-Geschichte umfasst die Sammlung Donata Pizzis. Eine der ältesten vertretenen Fotografinnen ist die 1935 geborene Letizia Battaglia, die in Palermo für die kommunistische Zeitung „L’Ora“ arbeitete und die blutigen Spuren der sizilianischen Mafia dokumentierte – dies aber weit jenseits irgendwelcher Straßen-Schnappschüsse. Auf einer ihrer Fotografien wird ein Opfer vom Rücksitz eines Wagens geborgen, es ist weitgehend von anderen Menschen verdeckt, aber durch den angehobenen, in einen Schoß gebetteten Oberkörper entsteht die Assoziation einer Pietà. Auch ein Mädchen im Sonnenlicht hat sie fotografiert; man möchte es für die geliebte Tochter eines Dunkelmannes halten, so herausgeputzt ist das Kind, so demonstrativ wie ein Leibwächter baut sich vor ihm ein Mann mit Sonnenbrille auf. Eine ähnlich aufgeladene Stille herrscht in einer im Fotografie Forum gezeigten Arbeit Elena Givones, die Mitte der nuller Jahre nach Sarajevo gereist ist und die dort entstandene Serie „Achtung, Mine“ überschreibt.

Kunst als eine Art Widerstand

Die Ausstellung

Fotografie Forum Frankfurt: bis 26. April. www.fffrankfurt.org

„Die Mädchen der Prima Linea“ hat Giovanna Borgese, geboren 1939, eine ihrer Fotografien genannt: Sie zeigt eine Gruppe junger Frauen hinter Gittern, man meint, sie provozieren und schimpfen zu hören. In den späten 70ern war die Prima Linea (Frontlinie) eine marxistisch-leninistische Terrorgruppe. Borgese hat den Prozess gegen Linea-Mitglieder begleitet.

Das Kränzchen im Haar mit der kämpferisch erhobenen Faust kombiniert 1970 Agnese De Donato. Ottonella Mocellin zeigt sich selbst als traurige Karaoke-Sängerin und nennt ihre Fotografie „Das Ende der Illusion“. Libera Mazzoleni hat sich in alte Holzschnitte collagiert, als Hexe auf dem Besen zum Beispiel. Das feministische Kollektiv Gruppo del Mercoledì, Mittwochsgruppe, bildete sich rollenspielend und fratzenschneidend ab.

Viele der Arbeiten scheinen in der Tat vom Bedürfnis angetrieben, eine Art von Widerstand zu leisten. Gegen die Klischeebilder, die Männer sich von Frauen machen. Gegen die Zumutungen der Gesellschaft. Für die Randständigen und Prekären, es müssen dies nicht nur Frauen sein. „Welt der Besiegten“ hat Paola Agosti, Jahrgang 1947, eine Serie genannt; die Betrachterin treffen die nüchternen, manchmal ergebenen Blicke derjenigen, die es im Leben zu nichts mehr bringen werden. Bei Liliana Barchiesi, geboren 1945, sind es Frauen beim Staubsaugen, auf die sie den scharfen Blick gerichtet hat; auf einer der Fotografien lümmelt ein gelangweilter Junge auf dem Sofa. Das ganz Profane, Alltägliche, kann eben Bände sprechen.

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