Anthony van Dycks Porträt von Charles I. entstand 1635/36.
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Anthony van Dycks Porträt von Charles I. entstand 1635/36.

Royal Academy London

Nur als Sammler fähig

  • Sebastian Borger
    vonSebastian Borger
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Die Royal Academy versucht eine Rehabilitierung Charles I., indem sie seinen Kunstsinn feiert.

Durchschnittlich einmal im Jahr kommt Königin Elizabeth II. ins Londoner Parlament, um die neue Session zu eröffnen. Auf dem Weg zwischen dem Monarcheneingang und dem Oberhaus hängt an prominenter Stelle eine Kopie des Todesurteils gegen Charles I. vom Januar 1649 – eine immerwährende Mahnung an englische Monarchen, sich dem im Parlament repräsentierten Willen des Souveräns nicht zu widersetzen. Verschwender und Nichtskönner hat es auf dem Thron reichlich gegeben, der 1600 geborene Charles kann als schlimmstes Beispiel gelten.

Aufgewachsen im Schatten seines erfolgreichen Bruders klammerte sich „der stotternde Wicht“,wie ihn der Cambridger Historiker John Morrill kennzeichnet, nach dem Tod des Kronprinzen an die göttliche Vorsehung – schließlich hatte diese ihm ja den Weg zum Thron freigemacht. Im Bewusstsein seines Gottesgnadentums verfiel der seit 1625 regierende Stuart-König dem Irrglauben, ein König müsse sich weder mit den Untertanen verständigen noch im Parlament rechtfertigen.

Diese Verbohrtheit stürzte das königstreue Land in den blutigen Bürgerkrieg der 1640er Jahre, an dessen Ende Charles seinen Kopf verlor. Selbst der überaus royalistische Autor Andrew Gimson urteilt über den kompromisslosen Charles, dieser habe „als Staatsmann und Kriegsherr versagt“ und „einige seiner treuesten Gefolgsleute im Stich gelassen“.

Eine bei allem dennoch positive Eigenschaft dieses politischen Versagers feiert jetzt die Royal Academy anlässlich ihres 250-jährigen Bestehens: Charles liebte die Kunst. Während auf dem europäischen Kontinent der Dreißigjährige Krieg ganze Landstriche verwüstete und kunstsinnige Fürstenhäuser in den Ruin trieb, raffte der englische König die Werke hervorragender Renaissance-Künstler an sich und holte Antoon van Dyck (1599-1641) als Hofmaler nach London. „Charles I“ heißt die opulente Ausstellung mit 140 Objekten aus dessen Sammlung. Ebenso gut hätte sie „van Dyck“ heißen können, stellen doch dessen Gemälde den Kern und das Herz dieser Zusammenschau dar.

Immer wieder bannte der Hofmaler den Monarchen, die Königin, den König hoch zu Pferd oder im Kreis der Familie auf die Leinwand. Ein Gemälde ist großartiger als das andere. Da hatten sich zwei gefunden: Van Dyck gilt ja als steifer als seine Zeitgenossen Rembrandt und Velazquez, ganz erkennbar entsprach dies der Persönlichkeit seines Arbeitgebers.

Gleich im ersten Raum lässt sich darüber streiten, wer denn nun der Wichtigere ist: Namensgeber Charles I. oder doch eher der Künstler van Dyck, dessen dreiköpfige Studie des Königs den Saal dominiert. Das Gemälde wurde nach Rom geschickt, wo Bildhauer-König Gian Lorenzo Bernini eine Büste des Monarchen anfertigte. Die Skulptur fiel später einem Feuer zum Opfer; das wunderbare Gemälde böte Gelegenheit, über mindestens drei Charakteristika des Monarchen zu reflektieren: die persönliche Unsicherheit, die politische Unfähigkeit, der Kunstsinn. 

Nichts davon leistet die „Traumausstellung“, von der RA-Chef Christopher le Brun schwärmt. „König und Sammler“, lautet ihr Untertitel, aber vom verheerend schlechten König ist kaum die Rede. Gerühmt wird der Sammler. Und breiten Raum nimmt die Tatsache ein, dass Charles’ Sammlung nach dessen Hinrichtung in alle Himmelsrichtungen zerstreut wurde. Das lag an der Skepsis der tiefreligiösen Puritaner, die nun angeführt von Oliver Cromwell die Republik einführten. Es lag aber auch daran, dass der Monarch hohe Schulden hinterlassen hatte, nicht zuletzt bei seinen Lieferanten und Handwerkern. 

Und so landeten die Tizians, Holbeins und Dürers an den Wänden von Goldschmieden und Klempnern, eine Entwicklung der Hochkultur, die mit keinem Wort berücksichtigt wird. Die Restauration unter Charles II. holte viele der rund 400 Sammlungsstücke wieder zusammen, heute gehören noch rund 200 zur königlichen Sammlung.

Manche britischen Kunstkritiker sind der Propaganda auf den Leim gegangen. Vom „verleumdeten König“ schreibt die „Financial Times“; die öffentlich-rechtliche BBC erklärt dessen Nachfolger Oliver Cromwell zum „Idioten“. Was er aber hätte machen sollen mit den Millionenschulden des Vorgängers, bleibt offen.

Die Königliche Sammlung umfasst dreimal so viele Kunstwerke wie die Nationalgalerie am Trafalgar Square. Queen Elizabeth II., so heißt es offiziell, verwaltet sie „treuhänderisch für ihre Nachfolger und die Nation“ – man beachte die Reihenfolge. Zu sehen sind in der Queen’s Gallery neben dem Buckingham-Palast stets nur winzige Teile der gewaltigen Sammlung. Insofern ist es durchaus begrüßenswert, dass die Royal Academy einige Schmuckstücke zeigen darf, wofür der Monarchin untertänigst gedankt wird.

Royal Academy, London: Bis 15. April. royalacademy.org.uk

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