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Ruth Wolf-Rehfeldt zum 90. Geburtstag: Avantgarde mit den Typen der „Erika“

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Von: Ingeborg Ruthe

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Ruth Wolf-Rehfeldt um 1960. Foto: Lutz Wohlrab Verlag
Ruth Wolf-Rehfeldt um 1960. © Lutz Wohlrab Verlag

Vor fünf Jahren war die Pankower Typewriterin Ruth Wolf-Rehfeldt die Newcomerin und zugleich der älteste Star auf der Documenta. Jetzt wird sie 90 und bekommt den Hannah Höch-Preis.

Muse, eine der mächtigen Göttinnen der Künste, ist launisch. Küsst sie zu früh, lässt sie mitleidlos zu, dass alle Energien sich vorzeitig verbrennen und die Kreativität sich erschöpft. Andere lässt sie alt, grau und gebrechlich werden. Bis Erfolg und Anerkennung auf sie einprasseln wie Sturzregen.

Die Pankower Grafikerin Ruth Wolf-Rehfeldt, die am heutigen Dienstag 90 Jahre alt wird, ist zwar grau geworden und sehr fragil, doch sie steckt den späten Rummel um sie und ihre Schreibmaschinenbilder kregel weg. Die auf der Documenta 14 im Jahre 2017 von der jungen Künstlerschaft für ihre „Konkrete Poesie“ gefeierte Königin des einzigartigen „Typewritings“ nimmt es jetzt heiter und gelassen.

Und die in Wurzen Gebürtige, die ein paar Semester lang Philosophie studiert hat, ehe sie die Haupternährung der Familie übernahm, hält es mit Balzac: Der Dichter der „Menschlichen Komödie“ schrieb, Ruhm sei ein Gift, das der Mensch nur in kleinen Dosen vertrage.

Also genießt sie ihren Erfolg homöopathisch: Im Jahr 2020, mitten in einer der vielen Corona-Sperren, verlieh man ihr den Gerhard-Altenbourg-Preis, ausgelobt vom Altenburger Lindenau-Museum, das ihr eine Retrospektive ausrichtete. Berlin musste warten. Dort wird Wolf-Rehfeldt am 1. November den begehrten Hannah Höch-Preis und die dazugehörige Ausstellung des Kupferstichkabinetts der Staatlichen Museen bekommen. Auch das Wendemuseum in Los Angeles zeigt ihre Schreibmaschinenkunst. Und zuvor wird das im Frühjahr eröffnende Minsk in Potsdam, das vom Barberini-Gründer Hasso Plattner geschaffene Museum für Kunst der DDR, der lange verkannten Avantgardistin aus Pankow eine Werkschau widmen.

Ihre ungewöhnlichen Schreibmaschinengrafiken macht sie seit den 1970er Jahren. Angefangen hat es zunächst mit ihrem Brotberuf als Schreibkraft, dann als Büroleiterin in einem Ost-Berliner Betrieb. Ihre Fantasie ließ sie aus langweiligen Buchstaben und Zahlen grafische Bilder „schreiben“. Daheim am Küchentisch tippte sie auf ihrer „Erika“, Bestseller unter den Schreibmaschinen in der DDR, aus A–Z, Nullen, Kommas und Pluszeichen serielle Muster und Ornamente.

Unter ihren Händen wurden die schwarzen und roten Zeichen zu Schmetterlingen, Wellen, fließenden Strukturen und kunstvoll gewobene Poesie. Das Blatt „Concrete Shoe“ (70er Jahre) zeigt Heerscharen von Cs, Os und Ns, die sich diszipliniert zu einem klobigen Damenschuh mit hohem Absatz formen. Dies kann ebenso als ironisches Beispiel konkreter Poesie gelesen werden wie auch als Symbol für die Enge im Mauerland. Und die Sehnsucht, diese zu überwinden.

Sie verschickte ihre kleinen „Grafiken“ als Mail-Art. Doch weil andere Künstlerinnen und Künstler das Unikate in diesen Werken erkannten, wurde sie in den Verband Bildender Künstler aufgenommen. Ihr Mann, Robert Rehfeldt (1931–1991), war zwar der Mail-Art-Star der DDR. Doch der Beuys-Freund, der im Kontakt mit der ganzen Welt stand, galt ob dieser Internationalität als „subversives Element“. Die Staatssicherheit ließ ihn nicht aus den Augen. Durch ihn kam sie in die Ost-Berliner Künstlerboheme. Sie arbeitete im Archiv der Akademie der Künste, begann dann zu zeichnen, zu malen und lakonische Gedichte zu schreiben.

Achtungserfolge kamen eher von außen für ihr Spiel mit den Buchstaben. Sie verschaffte ihren „Typen“ räumliche Dimensionen, formte Kuben, Kästen, Käfige – ein Variationsspiel zwischen Verdichtung und Begrenztheit. Als die Mauer fiel, ließ Ruth Wolf-Rehfeldt ihre „Erika“ verstummen. „Es gab schlichtweg keinen Bedarf mehr dafür“, sagt sie heute.

Ruth Wolf-Rehfeldt hatte ihre Schreibmaschinengrafiken zu DDR-Zeiten nach Westeuropa, in den Ostblock, nach Nord- und Lateinamerika, Asien, Neukaledonien geschickt. Ihre „Kunstpostbriefe“ boten Freiräume für das Zur-Schau-stellen von Kunst, für Austausch und unzensierte Korrespondenz. Ihr Atelier in der Mendelstraße entwickelte sich zu einem Szenetreff. Die originalen Blätter bewahrt sie auf, während Kopien ihrer Mail-Art in der ganzen Welt kursieren. Nach dem Mauerfall interessierten sich immer mehr Grafik-Fans für ihre „konkrete Kunst“, obwohl sie doch damit aufgehört hat.

Seit der Documenta 2017 wurde es turbulent. Preise, Retrospektiven in Altenburg, Potsdam, Los Angeles, Berlin. So wird ihr Lebenswerk und damit auch ein Kapitel DDR-Kunstgeschichte gewürdigt.

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