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Ruth Wolf-Rehfeldt: Sprache wird Form und Farbe

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Von: Ingeborg Ruthe

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Ruth Wolf-Rehfeldt, um 1960, Robert Rehfeldt und Ruth Wolf-Rehfeldt
Ruth Wolf-Rehfeldt, um 1960, Robert Rehfeldt und Ruth Wolf-Rehfeldt ©  Robert Rehfeldt und Ruth Wolf-Rehfeldt

Buchstaben-Avantgarde, wie ins Papier gestickt: Die 90-jährige Schreibmaschinenkünstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt in einer großen Berliner Ausstellung

Berlin war endlich so weit: Die Stadt ehrte eine besondere Künstlerin aus dem Osten. Ruth Wolf-Rehfeldt musste dafür 90 werden. Es mussten 32 Jahre nach der Wiedervereinigung vergehen. Diese Pankower Künstlerin, die bis zum Ende der DDR weltumspannende Kunst mit ihrer Erika-Schreibmaschine schuf, musste erst von jungen Künstlerinnen und Künstlern auf der Documenta 14 euphorisch gefeiert werden.

Nun hat sie den Hannah-Höch-Preis des Berliner Senats erhalten, benannt nach der Dadaistin, die sich vor 100 Jahren einmischte mit ihrer Kunst in Politik, Ästhetik, Gesellschaft. Und Wolf-Rehfeldt hat ihre erste große Berliner Schau im Kupferstichkabinett, das sich einige Arbeiten von ihr anschaffte. Spät, zum Glück nicht zu spät, kommt die Ehrung für das Lebenswerk. Die Künstlerin steckt den Rummel jedoch bescheiden weg. Ach ja, Ruhm, was ist das? Ein wenig Schaum auf ihren poetischen Buchstabenwellen von A–Z, den hüpfenden und fliegenden Sprachketten, der rhythmischen Schwarmintelligenz von Pfeilen, Ornamenten, Architekturen, Schmetterlingen, Kegeln, Kuben, Käfigen, Kästen und Bäumchen-Symbolen. All die ungewöhnlichen Schreibmaschinengrafiken machte Ruth Wolf-Rehfeldt seit den 70er Jahren. Aufgehört hat sie damit abrupt 1990. Die Erika verstummte. „Weil im Zeitalter des Mailsystems die getippte Mail-Art obsolet war“, wie die Künstlerin es unsentimental sagt. Weil Computer die Schreibmaschinen arbeitslos gemacht haben.

Und weil ihrer Kunst mit dem Ende der DDR das Utopische, aber auch das Subversive abhandengekommen sei. Sie hatte über die Mauer hinweg mit anderen Künstlerinnen und Künstlern der Welt korrespondiert, sich global verbunden. „Ich hatte den Ehrgeiz“, sagt sie, „wie eine Spinne im Netz zu jedem Ort der Erde meine Fäden zu spinnen.“ Nun war die Welt offen. Und zunehmend digital.

Wolf-Rehfeldts Kunst sind poetische Buchstabenfäden, die ihrer „Spinnerin“ globalen Austausch aus der Enge hinter der Mauer, Inspiration, Bestätigung bedeuteten. Sie war die Frau eines Künstlers, des staatlicherseits beargwöhnten, observierten Mail-Art-Pioniers und Beuys-Freundes Robert Rehfeldt, der viel zu früh starb. Durch ihn kam sie in die Ostberliner Künstlerbohème. Angefangen hat alles mit dem Type-writing zunächst im Brotberuf, mit dem sie die Familie ernährte. Sie war Schreibkraft, später Büroleiterin in einem VEB, noch später im Archiv der Akademie der Künste. Sie tippte, zeichnete, schrieb lakonische Gedichte, begann zu collagieren.

Ihre entgrenzte Fantasie ließ sie aus langweiligen Buchstaben und Zahlen grafische Bilder „umschreiben“ zu rhythmischen Versen, Symbolen, Gebilden. An ihrem Küchentisch tippte sie auf der Erika (Bestseller unter den DDR-Schreibmaschinen) aus A–Z, Nullen, Kommas, Pluszeichen serielle Muster. In den Achtzigern schaffte sie sich zudem eine Kugelschreibmaschine an, die ermöglichte ihr nunmehr feinste Strukturen – Felder und Ornamente, fast, als habe sie die Texturen ins Papier gestickt.

Im Kupferstichkabinett ist anhand von Leihgaben und ihrem dem Bremer Museum Weserburg bereits geschenkten Vorlass ausgebreitet, was das Alleinstellungsmerkmal der Kunst dieser Frau aus dem Osten ist – ihre intellektuelle und künstlerische Leistung. Was wir sehen, ist mit spielerischer Ernsthaftigkeit, analytisch und zugleich sinnlich ausgeführt. Ein solch grafischer Kosmos wird in der Kunstgeschichte „visuelle“ oder „konkrete Poesie“ genannt.

Die junge Kunsthistorikerin Jenny Graser kuratierte die Schau mit gutem Blick und feiner Hand. Sinnlich fassbar reiht sie Wolf-Rehfeldts Werk ein durch den Kontext mit Arbeiten internationaler Protagonisten der konkreten Poesie wie Joseph Kossuth, Gerard Hemsworth, Robert Barry, Peter Roehr, Sol LeWitt. Oder auch zur aktuell mit Sprache und Schrift arbeitenden Berliner Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn. Wolf-Rehfeldts getippte „Faltungen“ korrespondieren ebenso mit den farbigen Faltungen des Dresdner Konstruktivisten Hermann Glöckner und der ins Märchenhafte weisenden Typewriting-Ornamentik der Kölner Tobias-Zwillinge.

Und dann stehen wir vor Blättern, die einen starken, auch politischen Bezug zu den Fotocollagen der Namensgeberin des Preises, der Berliner Dadaistin Höch, haben. In der Fotocollage einer Frauenhand türmen sich bei Wolf-Rehfeldt fliegende und zugleich nach Bindung suchende Buchstaben zu Friedens- und Natursymbolik. Unter ihren tippenden Händen fügten sich schwarze und rote Buchstaben zur kunstvoll gewobenen Poesie des Elementaren: Bewegung, Wasser, Luft. Eins ihrer Lieblingsgebilde ist die Welle, ein anderes der Planet Erde, bedroht von Ressourcenverschwendung, Krieg, Naturzerstörung, der Gier der Menschen nach mehr, mehr, mehr.

Auf vergilbtem Schreibmaschinenpapier hat Wolf-Rehfeldt, die einige Semester Philosophie studierte, als sie aus Wurzen nach Ostberlin kam, in den 70ern ein „Manifest“ getippt. Sie überschrieb es mit „Science Fiction“. Da liest man Begriffe wie: Zeit, Utopie, Natur, Kultur. Mensch. Ihr Credo besagt, warum sie auf ihrer Erika Mail-Art herstellte, in die Welt verschickte und Antwort bekam. Faszinierend, wie sie Sprache zu Bild verwandelte, zu Wort- und Assoziationsketten, zu Zeichen, Gegenständen, Figuren. Sprache wird Form und Farbe. Den Epilog der Schau bilden ihre „Sprengungen“. Auf schwarzem Karton montierte sie ihre 1990 zerrissenen Maschinenschrift-Fragmente: „Etwas, das die Welt nun nicht mehr braucht.“

Kupferstichkabinett, Kulturforum Berlin: bis 5. Februar. www.smb.museum.de

„Save Nature“, Mitte der 80er Jahre (Typewriting, Collage). Privatsammlung Berlin/Courtesy of the artist and ChertLüdde, Berlin
„Save Nature“, Mitte der 80er Jahre (Typewriting, Collage). Privatsammlung Berlin/Courtesy of the artist and ChertLüdde, Berlin © Privatsammlung Berlin/Courtesy of the artist and ChertLüdde, Berlin

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