Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Yoko Ono: Wish tree.
+
Yoko Ono: Wish tree.

Kunstparcours

„Rohkunstbau“ in Schloss Lieberose im Spreewald: Wir alle sind Natur

  • VonIngeborg Ruthe
    schließen

Am Wunschort: Auf Schloss Lieberose im Spreewald hat der brandenburgische Kunstparcours „Rohkunstbau“ eröffnet.

Hoffnung ist die kleine Schwester der Angst. Kann Kunst eine weitere Schwester sein, ausgebreitet in einem alten Schloss? Der Versuch ist es wert und siehe, es gelingt mit eindringlich-sinnlicher Wirkung. Die in den 1990er Jahren von Berliner Medizinstudierenden im Rohbau einer einstigen LPG-Maschinenhalle im Spreewald begründete Sommerschau für junge Kunst war lange Nomadin in maroden märkischen Schlössern. Seit einigen Jahren hat sie ein Domizil. Das im Besitz der Brandenburgischen Schlösser GmbH befindliche Barockschloss Lieberose nahe Cottbus ist zum Wunschort des Vereins Rohkunstbau geworden, dem der Gründer und Augenarzt Arvid Boellert vorsitzt. Und der Landkreis Dahme-Spreewald fördert das Projekt. Erstmals ist auch das Brandenburgische Landesmuseum mit Plakaten zur Ökologie Partner.

„Ich bin Natur – Von der Verletzlichkeit. Überleben in der Risikogesellschaft“, so der dramatische Titel der Ausstellung. 22 Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und aller Welt begeistern sich an diesem Refugium in der Provinz und setzen ihre Arbeiten ins historische Ambiente. Sie zeigen auf ihre Weise, was geschehen muss, um heilendes Handeln im Umgang mit der Natur und deren erschöpflichen Ressourcen zu befördern.

Die Welt steckt in Krisen. Nihilisten und Verschwörungstheoretiker bekamen in der globalen Corona-Pandemie Auftrieb. Im Nahen Osten herrscht weiterhin Krieg. In anderen Teilen der Welt wird die Natur gnadenlos für Ackerbau und Viehzucht ausgebeutet oder nach Bodenschätzen durchbohrt. Gletscher schmelzen, die Ozeane ersticken am Plastikmüll, Schweröl verseucht das Wasser. Tierarten sterben aus, und in Sibirien tauen die Permafrostböden.

Für diesen dystopischen Zustand findet die von der Kuratorin Heike Fuhlbrügge und von dem Rohkunstbau-Verein eingeladene Künstlerschaft bewegende Bilder über die Verletzlichkeit unserer Umwelt, zugleich auch gegen die Angst. Die Kunstwerke unter den Gewölben und Ornament-Stuckdecken von Lieberose senden Botschaften aus. Keine agitatorischen, vielmehr sinnlich erfahrbare, ästhetische, feingeistige. Die Bildsprache ist gleichsam feminin, doch hart in der Ansage. Als wären die Künstlerinnen und Künstler Magnolien aus Stahl.

Nein, es ist nicht die lähmende, melancholische Dystopie, die Claudia Chaseling in ihren raumgreifenden Wandbildern vorführt, mit denen sie die Atomreaktor-Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima meint. Und die Uran-Abbaugebiete der Erde, so in Australien, wo die Lebensräume der Aborigines zerstört werden. Hoffnung auf Vernunft spricht aus den Bild-Montagen, wo zwischen den expressiven Farbgebilden silbrige Alu-Lachen fließen, gefährlich strahlend als Metapher für die unsichtbare, lautlose, tödliche Radioaktivität.

Noa Gur aus Israel lässt ihr Video „Silent Killer“ von einem an Teer verendeten Wal-Jungen am Mittelmeerstrand nahe Libanon auf dem Fußboden laufen. So haben wir Betrachter die Draufsicht: Sie hat am 17. Februar 2021 mit einer Drohne gedreht. Alles beginnt idyllisch: badende Kinder. Dann kippt die Szenerie ins Unbehagliche. Der Walkadaver führte zur einem beinahe eskalierenden politischen Streit. Das Desaster geschah infolge des Lecks eines iranischen Öltankers vor der Küste. Israel aber beschuldigte den Libanon und die Palästinenser eines terroristischen Anschlags. Und die Bezichtigten gaben Israel die Schuld. Unbehaglich wirken auch die altarartig gehängten „Nature morte“–Motive der Brasilianerin Luzia Simons – eine bizarr-grandiose Paraphrase auf die gefühligen Stillleben vom Vergehen in Schönheit aus dem Goldenen Zeitalter der Niederlande. Draußen, an einem Stück der Mauerruine des Schlosses, prangen ihre riesigen Drucke von Blumen, Blüten und Vogelfedern. Ein Requiem auf die gnadenlos zerstörte Flora und Fauna durch den Tsunami 2004 in Südostasien und nach der Reaktor-Explosion von Fukushima 2011.

Auch das Londoner Maler-Duo Gilbert & George symbolisiert in einem riesigen Bild von Blüten, Früchten und Blättern die Vergänglichkeit, zugleich aber den optimistischen Glauben an die Rettung der Natur. Die Bildgewalt ist fast erschlagend, suggestiv, exotisch. Die Botschaft? Die Erde könnte ein Paradiesgarten sein, wenn die Menschen das selbst nicht verhinderten. Diese Mahnung steckt ebenso in den brandigen Tusche-Zeichnungen des Belgiers David Claerbout, die sein Video „Wildfire“ begleiten. Sofort denkt man an die verheerenden Waldbrände in den grünen Lungen der Erde – am Amazonas, in Kalifornien, auf Borneo, in Sibirien. Und fast kommt man zu dem traurigen Fazit, dass die Klimakrise schon vor Urzeiten begann, als unsere Vorfahren das erste Feuer machten.

Manchmal ist das Feuer ganz nah. Auch in der Lieberoser Heide, nach dem Krieg bis zur Wende im Jahr 1989 Übungsgelände der Sowjetarmee, brennt bei großer Sommerhitze oft der Wald, weil Blindgänger explodieren: Erbe des Kalten Krieges.

Doch die düsteren Gedanken vertreibt die New Yorker Künstlerin Yoko Ono. Sie hat drei „Wunschbäumchen“ in den Festsaal des Schlosses gesetzt: Weißdorn, kurz vor der Blüte. Auf dem Tisch liegen Zettel an Fäden. Man soll darauf seinen Wunsch für die Zukunft der Natur und der Erde schreiben. Am 9. November vergräbt sie die Zettel am Imagine Peace Tower im isländischen Reykjavík. Seit 1991 sammelt John Lennons Witwe für „Wish Tree“ diese Wunschzettel. Millionen sind es schon. Am Anfang war das Wort, heißt es in der Heiligen Schrift. Worte haben Kraft. Bilder hoffentlich auch.

Schloss Lieberose, Landkreis Dahme- Spreewald: bis 3. Oktober. www.rohkunstbau.net

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare