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Robin Rhode: „Unter the Sun“, 2017, 36 C-Prints.

Südafrikanischer Künstler

Robin Rhode: Die Kreidekreise von Westbury

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Der südafrikanische Künstler Robin Rhode im Kunstmuseum Wolfsburg.

In dieser Wolfsburger Ausstellung reibt man sich die Augen: Kann es sein, dass der Berliner Kunstbetrieb einen viel zu großen blinden Fleck hat? Viele Künstler leben ja inzwischen in Berlin oder stellen hier aus. Manch einer hat gar ein Dauerabonnement für seine jeweils neueste Produktpalette, stellt gern auch an zwei Orten gleichzeitig aus: nicht kleckern, sondern klotzen. Wie aber konnte in einer Stadt voller Kuratoren und Talente-Scout-Galeristen dieser junge Südafrikaner bislang unentdeckt bleiben?

Robin Rhode, Zeichner, Performer und Videoartist aus Johannesburg, ist schon seit 2002 Wahlberliner, im Jahr 2007 hatte er im Haus der Kunst in München eine große Schau. Aber Berlin übersieht ihn. Keine der mindestens 500 hiesigen Profi-Galerien holte ihn in ihren Künstlerkreis. Passt er womöglich in keine der (markt-)gängigen Schubladen mit seiner multimedialen Kunst? Er verlagert visualisierte Kurzgeschichten per Kreide, Kohle, Farbe, geformt zu Geometrien, auf die Wand, interagiert in Aktionen, hält alles fotografisch fest und übermalt das Ganze. Rhode ist ein bekennender Eskapist. Ausgerechnet dies, so sagt er, eröffne ihm die Möglichkeit, eine andere Realität anzubieten.

Emotional gepackt, auch verwirrt ob dieser energetisch-paradoxen Bildladung, die er soeben im Kunstmuseum Wolfsburg ausbreitet, steht man vor den wände-hohen und wände-breiten Zeichner- und Film-Aktionen. Alles wirkt leicht, komisch, ironisch bis sarkastisch. Und dann begreift man, dass alles, was wie ein aberwitziges, auch slapstick-artiges Spiel aussieht, eigentlich tief politisch und gesellschaftskritisch ist.

Das Wolfsburger Kunstmuseum gleicht also die Berliner Ignoranz aus, lässt entdecken, was Galeristen, Kuratoren und Museumsleute in der Hauptstadt eigentlich schon seit 17 Jahren hätten sehen können. Was Rhode aus dem Township Westbury mitbrachte, verarbeitet er zu Videos, Wand- und Boden-Bildern und Installationen in einer alten Reinickendorfer Industriehalle. Der 1976 in Kapstadt Geborene studierte in Johannesburg, zeichnet seit Jahren mit Kreide, Kohle, sogar Seife, choreografiert eindrückliche Performances.

Er zeichnete in Westbury große Kreidekreise an die Wände der maroden Häuser. Und ein Fahrrad. Auf dieses versucht ein schwarzer Junge zu steigen, natürlich vergeblich. Zum Meisterwerk wird eine mit Kohle gezeichnete Pyramide aus Sektgläsern, in die eine jonglierende Gestalt eine Magnum-Flasche ausgießt. An einer Hauswand lehnt ein riesiger Kamm. Auf den Putz sieht man einen Kreis, rundum schwarze Kringel. Jemand fährt mit dem Kamm hindurch, zieht das Kraushaar eines Jungen brutal zu strammen Linien.

Robin Rhode: „Twilight“, acht C-Prints.

Kämmen als Metaphorik: Rhode kommt aus einer Coloured-Familie, hat schwarze, malaiische und weiße Vorfahren. „Coloureds“ oder auf Niederländisch „Kleurings“ waren zu Kolonialzeiten und während der Apartheid diskriminiert als „Kinder der Sünde“, fühlen sich bis heute eingeklemmt zwischen Schwarzen und Weißen. Und wer den pencil test nicht bestand, galt als minderwertig: Die Beamten des Regimes steckten einen Bleistift ins Haar der „Prüflinge“ – blieb er stecken, war er kein Weißer, selbst bei heller Haut. Seine Kunst, sagt Rhode, sei von seiner hybriden Identität geprägt.

Kreis, Linie, Körper – und eine Hauswand oder ein Straßenpflaster dienen als Bildträger. Dann folgen die Performance und das Filmen. Und aus Lautsprechern Jazz-Musik. Rhode nennt seinen Stil nicht Street-Art, es ist noch etwas anderes. Ihm ist seine Kunsttechnik vielmehr Ergebnis der Erinnerung an die Schulzeit, damals als Jungs mit Kreide ihre Wünsche an die Klo-Tür malten. Er will nicht irgendwo auf urbanen, womöglich verbotenen Flächen seinen „Stempel“, seine Botschaft hinterlassen wie die Sprayer überall auf der Welt. Ihm geht es immer um das Prozesshafte, das der inhaltlichen Aussage dient.

Dafür arbeitete er über Jahre in Abständen immer wieder mit einer Straßengang aus dem Township Westbury bei Johannesburg: 17 Jugendliche und ihr Sozialarbeiter, der selbst mal Straßenkind war. Die grausame Vergangenheit Südafrikas schwingt immer mit. In einer Zeichen-Serie klappt ein Straßenkämpfer sein Messer auf. Es hat einen Ornament-Griff, dann mutiert diese Waffe zu einer regelrechten Messer-Attacke „GRi Vultures – Geier“, so der Titel, nach einer der gefährlichsten Straßengangs. Das Messer stammte aus deutscher Produktion, Solingen vielleicht. Es gibt den Ausstellungstitel „Memory is a Weapon“ – „Erinnerung ist eine Waffe“ – und stammt vom Dichter Don Mattera, einst Anführer der Vultures, zum Widerstandskämpfer gegen die Apartheid und zum Sozialarbeiter in der coloured community geworden.

Nach seinem Vorbild setzte Robin Rhode sich für die Straßenjungen von Westbury ein, als er sie in seine Zeichen- und Filmaktionen einbezog. Daraus entstand ein so sinnlicher wie konzeptueller Spagat – Zeichen und Codes zwischen dramatischer südafrikanischer Geschichte und einem Künstler, der nach Europa ging. Mitunter gleichen Rhodes wandbildgewordene Kurzfilmerzählungen auch Trickfilm-Stills: Ein Pianist versucht, auf einer Klaviatur aus Kreide zu spielen, ein Saxofonist hebt vor einem Engelsflügel an einer Brandmauer förmlich ab. Und in einem raumfüllenden Käfig, Metapher für den Township, versuchen junge Coloureds ihrer hybriden sozialen Lage zu entkommen ...

Unlängst reiste Rhode nach Jericho, zeichnete, malte, drehte in der israelisch-palästinensischen Konfliktregion, diesem Ort des Krieges, der Religionen und der Kämpfe um Land, Ackerboden und Wasser die Serie „Paradise“: Eine junge Frau mit Hijab setzte ihren Körper ein, um mit einer archaischen Steinschleuder einen gewaltigen Polyeder in den Farben der Konstruktivisten-Avantgarde zu manövrieren. Das Motiv erinnert an Albrecht Dürers „Melancholia I“ von 1514 und lässt, während man sich am Anblick erheitert, zugleich an das biblische Gleichnis von David und Goliath denken.

Kunstmuseum Wolfsburg : Bis 9. Februar 2020. Katalog Hatje Cantz.

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