„Georges-Philippe & Nathalie Vallois“.
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„Georges-Philippe & Nathalie Vallois“.

Ausstellung

Richard Jackson in der Schirn: Von Busen-Augen und von Penis-Nasen

  • vonSandra Danicke
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Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt präsentiert menschenartige Skulpturen Richard Jacksons.

Wahrscheinlich sollte man schockiert sein. Von der weißen Ente in Militäruniform, die eine andere, schwarze, mit ihrem metallischen Penis penetriert. Von dem nackten Mann, der Farbe kackend auf dem Familienesstisch rotiert. Von der bunt verschmierten Bettwäsche im Schlafzimmer. Vielleicht sollte man aber auch belustigt sein. Von der Comichaftigkeit der Figuren, ihren Penis-Nasen oder Busen-Augen. Davon, dass alle fünf Installationen, die in der Frankfurter Schirn Kunsthalle aufgebaut wurden, wild mit Farbe bekleckert sind. Leider ist man weder das eine noch das andere. „Unexpected Unexplained Unaccepted“ lautet der Titel der Ausstellung von Richard Jackson; er klingt verheißungsvoll. Dabei ist das, was hier zu sehen ist, nicht sonderlich unerwartet. Wandtexte erklären das Gezeigte recht detailliert, und akzeptiert ist der Künstler in seinem Heimatland USA allemal. In Deutschland kennt man ihn weniger, was unter anderem damit zusammenhängt, dass seine Kunst durch und durch amerikanisch ist.

Richard Jackson in der Kunsthalle Schirn

Die Ausstellung
Schirn Kunsthalle Frankfurt: bis 3.Mai. www.schirn.de

Der kalifornische Maler, der 1939 geboren wurde und in den siebziger Jahren durchaus radikal agierte, hat seine besten Zeiten offenbar hinter sich. In den siebziger Jahren wirkte Jacksons respektloser Umgang mit der Malerei noch aufregend. Mit selbstgebauten Leinwänden beschmierte er die Wände von Ausstellungsräumen und hob so das Action Painting auf ein neues Level. Seit einigen Jahren nun baut der Künstler Malmaschinen, die sich selbst bespritzen. Es handelt sich dabei um menschenartige Skulpturen, aus deren Mündern, Penissen oder Pos Farbe auf raumartige Ensembles strullert. Der Betrachter sieht die Aktionen nicht, sondern kann sie anhand der Ergebnisse rekonstruieren und sich fragen, ob das noch Malerei ist – wobei Letzteres vor fünfzig Jahren durchaus noch eine relevante Frage war, heute aber eher langweilt.

Installationsansicht in der Schirn: „The War Room“.

In der Schirn sind nun fünf so genannte Rooms ausgestellt, die zum Teil offen einsehbar sind, aber nicht betreten werden können. Manche können auch nur durch ein Guckloch betrachtet werden, etwa „The Delivery Room“ (2006-2007), der eine Art Kreißsaal darstellt, in dem es gerade hoch her geht. Auf einem rotierenden Krankenbett gebiert eine Frau, über der ein Arzt im silbernen Anzug hockt. Überall im Raum liegen beschmierte Babypuppen und Unterleibsprothesen herum; mit Hilfe von Trichtern und Schläuchen wurde offenbar Farbe in sämtliche Körperöffnungen gepumpt. Ein zweiter Mann filmt die unappetitliche Szene, die ein wenig an einen Splatterfilm erinnert, und man fragt sich, worum es hier eigentlich geht. Gibt es womöglich einen interessanten Subtext? Dass es um die Geburt der Malerei gehen könnte, heißt es ein wenig ernüchternd im Wandtext.

„The War Room“ wiederum besteht aus einem vieleckigen Pavillon, dessen Gestalt auf eine vom Architekten Richard Buckminster Fuller entworfene Weltkarte zurückgeht. Darin findet die eingangs erwähnte Penetration einer Ente statt, während außen ebenfalls Comic-Enten herumstehen, die sich offenbar mit ihren Metallröhrenpenissen zuvor bespritzt haben. So kann man die Geschichte der Welt und ihrer Kriege natürlich auch zusammenfassen. Kunst ist ja nicht unbedingt verpflichtet, neue Erkenntnisse zu vermitteln, nur sollte sie dann wenigstens gut aussehen.

Richard Jackson arbeitet mit Schockwirkung

Unwillkürlich fragt man sich, warum einen die chaotischen, schrillen, explizit auf Schockwirkung angelegten Arbeiten so wenig berühren? Liegt es an der Präsentation? Am hellen Fenstersaal, in dem die Installationen ein wenig verloren herum stehen? Sicherlich, aber nicht nur. Jacksons Skulpturen wirken wie leere Versprechen. Sie suggerieren Ausschweifungen und Tabubruch, sind dabei aber so unsinnlich und brav wie ein Besuch in Disneyland. Sie stellen Fragen, die in der Kunstgeschichte längst interessanter verhandelt wurden (und sei es vom Künstler selbst). Und sie wollen witzig sein, kommen aber über den Humorgehalt schlechter Kalauer nicht hinaus.

Unerwartet, unerklärt unakzeptiert? Enttäuschend trifft es besser.

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