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Johann Nepomus Strixner: Hg. Veronika, 1820.
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Johann Nepomus Strixner: Hg. Veronika, 1820.

Goethe-Haus

Vom Rhein aus in die Welt

Eine Goethe-Haus-Ausstellung widmet sich Goethes Zeitschrift „Kunst und Alterthum“. Hochwertige Kunstabbildungen ergänzten die Texte.

Auch Goethe selbst reiste schließlich stichprobenartig an den Rhein. Dies geschah zuerst 1814, nicht früh in seinem Leben, wenn man bedenkt, dass er ein Frankfurter war, aber auch nicht zu spät. „Zu spät“ war für Goethe ohnehin keine ernsthafte Maßgabe. Eher scheint es, wenn man mit Kurator Wolfgang Bunzel durch die neue Ausstellung im Goethe-Haus schweift, dass die Zeit reif war. Auch hatte sich die politische Situation am strittigen Fluss beruhigt – Goethe suchte Größe, aber nicht Gefahr – und war in Wiesbaden wenige Jahre zuvor ein neues, mondänes Kurhaus eröffnet worden.

Erst kurte er, dann sah er sich um. Dabei pflegte er sich nicht zu wiederholen und orientierte sich beim zweiten Aufenthalt 1815 schon wieder etwas anders. Straffheit und maximale Wirkung zeichneten die Aufenthalte des 65-, 66-Jährigen aus, die man in der Ausstellung vorzüglich nachvollziehen kann. Eigentlich geht man sogar an der Wirkung entlang, bietet doch auch der Arkadensaal eine Flussschlaufe, mit jenen Gelegenheiten abzuschweifen und anzulanden, wie es seinerzeit der noch unbegradigte Rhein anbot. Eine Auenlandschaft geradezu zeigt sich an der linken, ersten Wand, in ihrer Mitte die Rochuskapelle bei Bingen, die zu Goethes Zielen gehörte. 

Ebenfalls folgenreich, denn nicht nur erlebte er hier eine dem Protestanten fremde Volksfrömmigkeit, da just eine Wallfahrt im Gange war. Er war auch nachhaltig genug fasziniert, um der Kapelle zwei Jahre später, 1816, allen Ernstes ein Gemälde zu stiften. Natürlich wusste er genau, was darauf zu sehen sein sollte, fertigte Skizzen an und beauftragte die Malerin Louise Seidler mit der Ausführung: Keine Nazarener-Frömmigkeit weit und breit, wenn Jung-Rochus in äußerst klassizistischer Umgebung und mit durchaus nicht himmelwärts gewandter Heiterkeit sein Heim verlässt. Für die Dauer der Ausstellung hängt das Bild, ein einziges Mal nach 200 Jahren, im Goethe-Haus. Man sieht unverbrämt, dass Goethes Interesse mehr dem antiromantischen Programm als der exquisiten Kunst galt.

Im selben Jahr 1816 – ein Jubiläum also – probte auch Goethe einen erneuten Aufbruch. Dieser Aufbruch ist es, der im Mittelpunkt der von Bunzel zusammen mit Hendrik Birus und der Leiterin des Hauses, Anne Bohnenkamp-Renken vorbereiteten Ausstellung steht. Der Weg beginnt in Wiesbaden und führt in die Ferne: „Von den ,Rhein und Mayn Gegenden‘ zur Weltliteratur – Goethes Zeitschrift ,Ueber Kunst und Alterthum‘“.

Goethe war, Bunzel muss uns daran erinnern, kaum als Herausgeber tätig, hatte es auch finanziell nicht nötig. Anders als sein erstes, einflussreiches, aber doch nur über zwei Jahre laufendes Projekt „Propyläen“ bestand „Ueber Kunst und Alterthum“ aber immerhin 16 Jahre lang. Die letzte Ausgabe erschien posthum. Die Auflage lag Bunzel zufolge im hohen Hunderter-Bereich, ein denkbar exklusives Unterfangen – die Reichweite, bis heute die Hoffnung des periodisch erscheinenden Druckerzeugnisses, dürfte freilich ungleich größer gewesen sein, zumal die zu Bändchen gebundenen Ausgaben in die gepflegte Leihbücherei gehörten. Die Ausstellung macht deutlich, dass wir hier auf einen wesentlichen, womöglich gar den programmatischsten Teil von Goethes Alterswerk blicken.

Goethe, auf seine Weise ein Karl Kraus, schrieb praktisch sämtliche Texte selbst, kümmerte sich ohnehin um alles selbst. Rasch war ein Titelblatt skizziert, auf dem sich Antike und Mittelalter sinnig vereinen. Sogar ein Bischofsstab darf neben römisch-griechischen Tonvasen mit aufs Blatt. Hinter dunklem Gewölk bricht die Sonne hervor.

Die erste Ausgabe fußte auf einem vom Freiherrn vom Stein persönlich bestellten „Memorandum“ zum auch in der nachnapoleonischen Zeit delikaten Thema der Kunstrückführung. Reiseberichtartig – denn wenn Goethe reiste, hatte man sich dafür schon allein deshalb zu interessieren – ging es dann weiter zu Rhein und „Mayn“. Nach drei Ausgaben war klar, dass da noch mehr ging und dies weit über die Reise- und Kunsterlebnisse der Region hinaus. Verleger Cotta ließ dem Erfolgsautor freie Hand, in unregelmäßigen Abständen sein nun untertitelfreies Projekt als Zeitschrift voranzutreiben.

„Ueber Kunst und Alterthum“ schaute jetzt über die Ufer des Rheins hinaus. Einerseits ging es natürlich darum, sich gegen die Romantik in Stellung zu bringen, andererseits ging es auch um ein immenses Neugierigbleiben. Hochwertige Kunstabbildungen ergänzten die Texte. Wenn ein Schweißtuch mit Heiliger Veronika in hochelegantem Druck in die Zeitschrift fand, nahm damit der Herausgeber selbst innerste Affären des Katholizismus unter seine aufgeklärten, ästhetisch und historisch informierten Fittiche.   

Nach Rheinfahrt und Zeitschrift – mit bequemen Lesegelegenheiten – widmet sich der dritte Abschnitt, immer in Verbindung mit „Ueber Kunst und Alterthum“, dem weitschweifenden Goethe. Er registriert die Übersetzungen seines Werks, interessiert sich seinerseits für Übersetzungen fernliegender (auch arabischer, asiatischer, zum Teil immer noch um internationale Aufmerksamkeit kämpfender) Literaturen, entwickelt sein Konzept einer Weltliteratur. Kein borniertes, ein wahrlich weltumspannendes Konzept.

Goethe-Haus Frankfurt: bis 13. November. Dazu ein ausführlicher Katalog. Infos unter: .

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