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Cornelia Badelita, "Exercitiu #2", 2015.

Museum Morsbroich

Revolution auf Taubenfüßen

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Das Museum Morsbroich in Leverkusen entdeckt das Rokoko in der Gegenwartskunst.

Aus manchen Spottnamen wurden in der Kunstgeschichte Ehrentitel, wie Impressionismus oder Gotik. An anderen klebt der Hohn dagegen hartnäckig wie Leim. Das Rokoko beispielsweise gilt immer noch als verschnörkelter Wurmfortsatz des erhabenen Barock, als Zuckerbäckerstil für den europäischen Adel, der sich überkandidelte Fantasiewelten errichten ließ, um der eigenen Überflüssigkeit zu entfliehen. Tatsächlich machte die Französische Revolution dem tändelnden Spuk ein jähes Ende.

Aber so ist es mit hartnäckigen Klischees: Sie verfehlen den Kern der Sache oft nur um Haaresbreite und führen doch vollends in die Irre. Schaut man das Rokoko mit anderen Augen an, sieht man darin eine Welt böser Vorahnungen und ungezügelter Sehnsüchte, ein pastellfarbenes Traumreich, dessen Bewohner sich in Sicherheit wiegten, obwohl sie das eigene Ende kommen sahen. Mit anderen Worten: Aus der Perspektive unserer heutigen, durch die Globalisierung unter Druck geratenen Wohlstandsgesellschaften wirkt das Rokoko wieder erstaunlich aktuell.

So nahe uns das Lebensgefühl des Rokoko möglicherweise ist, so fremd erscheint uns weiterhin die Kunst, die aus diesem Lebensgefühl entstand. Daran ändert auch die neue, dem Rokoko in der Gegenwartskunst gewidmete Ausstellung im Leverkusener Museum Morsbroich nichts. Sie zeigt vielmehr, dass zum äußeren Gepränge der „taubenfüßigen Revolution“ des Rokoko (so der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr) wohl kein Weg zurückführt.

Jedenfalls steht man geradezu erschlagen vor den floralen Kabinetten des Brüsseler Floristen Thierry Boutemy, der das einstige Leverkusener Lustschloss verschwenderisch mit Lavendelblüten, Spiegeln, Federn und Säulen dekorierte. Immerhin deutet das wie durch kräftige Winde verteilte Laub unmissverständlich darauf hin, dass diese Beschwörung prallen Lebens dem Untergang entgegen sieht.

Abgesehen von dieser bühnenhaften Annäherung an den Originalzustand sind die Kunstwerke in „Der flexible Plan“ (so der verrätselte Ausstellungstitel) durch und durch spätmodern – die Künstler nehmen das Rokoko entweder als Baukasten und Zitatenschatz wahr oder als historische Lektion. So empfängt Karla Black die Besucher mit großen, rosa und hellblau gepuderten Folienbahnen, die ähnlich luftig von der Decke hängen wie die gepinselten Paradiese der galanten Deckenmalerei. Gleich nebenan zerbricht Rachel Kneebone das Porzellan des adligen Rokoko-Haushalts, um es als fein ziselierte Höllenfahrt aus Gliedmaßen und Blumenranken wieder zusammenzusetzen.

Glenn Brown schließlich aktualisiert ein Porträt des Malers Jean-Honoré Fragonard, indem er die Farben wie Fleischfetzen um ein Paar schwarzer Augenhöhlen flattern lässt; ein grüner Randstreifen täuscht als „verräterisches“ Zeichen der Verfremdung eine fehlerhafte Bildübertragung vor.

Die beiden Kuratorinnen der Ausstellung, Stefanie Kreuzer und Heike van den Valentyn, interessieren sich gleichwohl mehr für die ideengeschichtlichen Parallelen zum Rokoko und finden diese sowohl in der Liebe zur Selbstinszenierung wie auch in der Verteilung von Wissen. Aus der Bühne des prunkvollen Heims wird bei ihnen die Selfie-Kultur mitsamt Ausläufern in den sozialen Netzwerken und aus Denis Diderots bahnbrechendem Aufklärungsprojekt einer Enzyklopädie die Wissensspeicher des Internets. In beiden Fällen könnte man von einer Demokratisierung des Rokoko im digitalen Zeitalter sprechen.

Allerdings muss man oft um die Ecke denken (oder sehen), um die – für sich genommen überzeugenden – Leitideen der Ausstellung in den Exponaten wiederzufinden. Am einfachsten fällt dies bei Lois Renners Fotografien aus der Stiftsbibliothek Admont, in dem 70 000 Bände das Wissen des Zeitalters unter einem überreich verzierten Gewölbe aufbewahrten. Doch wo ist das digitale Gegenstück? Hier wie anderswo bleibt die Verbindung zu unseren Wissensspeichern im Ungefähren.

Besser funktioniert das Konzept bei der Liebe zur Selbstinszenierung, denn in der Eitelkeit finden wir uns ebenso leicht wieder wie in der Sehnsucht nach Unterhaltung. Vielleicht sogar zu leicht, denn es gab wohl keine Epoche, die ihr Glück nicht in der Zerstreuung suchte. Das Besondere am Rokoko war dagegen, dass es sein höchstes Glück gerade dort fand, wo es am flüchtigsten ist: in der Illusion. Wer mit dieser Erkenntnis von der Lustreise ins Museum Morsbroich heimkehrt, wird sich den Spott fortan verkneifen.

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