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Grabkreis A auf der Akropolis von Mykene,

Ausstellung

Repräsentation und Überwältigung

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"Mykene ? Die sagenhafte Welt des Agamemnon" ist der Titel einer Ausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Das ist wahrhaftig nicht zu viel versprochen.

Mykene ist oft schon ein weites Feld gewesen. Sagenhafter Sehnsuchtsort seit Heinrich Schliemanns Zeiten, legendäre Ausgrabungsstätte der modernen Feldarchäologie, Sphäre der Spekulationen. Denn regierte hier nicht der einzigartige Agamemnon? So von Schliemann 1876 behauptet. Mythisches Mykene: Im Bannkreis der Legenden wurde der Erinnerungsort zum Gefilde seliger Griechenlandverehrung seit einer halben Ewigkeit, jedenfalls seit rund 150 Jahren. 

„Mykene – Die sagenhafte Welt des Agamemnon“ lautet der Titel einer Ausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe und das ist, anders als bei etlichen Fiktionen, die über Agamemnon und Mykene in Umlauf gebracht wurden, kaum zu viel versprochen. Um dem Besucher eine Vorstellung von der Realität Mykenes zu geben, wird er in eine sepiafarbene Szenografie gestellt, vor Augen das außerordentliche Löwentor, ein Gipsabguss desselben, nahezu vier Meter hoch, umgeben vom Burgberg im Zustand des 19. Jahrhunderts. Die Fotografie war um 1875 ein nicht mehr wegzudenkendes Medium der Dokumentation, jetzt sind es auf Gazevorhänge gedruckte Fotos, die die Ausgrabungsstätte zeigen, darin einkopiert ein monumentaler Schliemann. 

Gegenüber eine Büste von Homer, mit dem ja alles anfing, die Erzählung von Agamemnon und Achill, vom Trojanischen Krieg, vom Mörderpaar Klytaimnestra und Aigisthos, von Mykenes alles überragender Größe, trotz des siebentorigen Thebens. Auf Homers Epen gingen Neugierde und Forschungseifer Schliemanns zurück, mit dem Homer in der einen Hand und dem Spaten in der anderen, auch das eine schöne Geschichte, habe er zu graben angefangen. Als Schliemann eine von mehreren Goldmasken fand, schien der Mythos der Atriden, des Anführers der Griechen gegen Troja, ein Gesicht bekommen zu haben, Agamemnon, der Gegenspieler des Herrschers von Troja, Priamos. 

Objekte, wie sie sich nur eine Elite leisten konnte

Schritt für Schritt führt die von Katarina Horst und ihrem Team kuratierte Schau in die Zeitferne des frühen Griechenland, in eine Realität der Reichtümer – sowie der nicht weniger reichen Legendenbildung. Denn unmittelbar im Anschluss an den Eintritt kann man sich über einen Katalog der Württembergischen Metallwarenfabrik beugen. WMF bot dem Bildungsbürgertum 1903 eine Kopie der Agamemnonmaske an, obendrein Miniaturschwert, Kröte, Lanzenspitze – was so an Galvanoplastiken im Angebot war. Dass das Original, die Maske selbst, eines der Prunkstücke des an Glanzstücken wahrhaftig nicht armen Griechischen Nationalmuseums in Athen, tatsächlich in Karlsruhe gezeigt werden kann, darf man als Sensation ansehen. 

Die in der Tat sagenhaft reiche Schau wäre nicht zustande gekommen ohne so etwas wie vertrauensbildende Maßnahmen. Die Fülle, mit der das Alltagsleben und der so alltägliche Krieg, mit der Handel und Verwaltung, kultisches und religiöses Leben illustriert werden, verdankt sich einer 2014 besiegelten Partnerschaft zwischen dem Badischen Landesmuseum und Griechenlands Kulturministerium. So war es die „Repatriierung“ zweier Kykladenobjekte nach Griechenland, die die Pläne für diese Schau begünstigte. „So viel Mykene in Deutschland gab es noch nie“, sagt der Direktor des Museums, Eckart Köhne. Wo anfangen? Am Ende hat man nicht nur eine stuckierte Steinstele wahrgenommen, nicht nur einen Lehmziegel von einem Palastdach oder das Fragment eines Linear-B-Täfelchens, worauf Möbelstücke verzeichnet sind. 

Zur Realität zählt, dass um 1600 v. Chr. die bronzezeitliche Hochkultur Mykenes sich entwickelte, von der minoischen Kultur auf Kreta inspiriert. Belege für die vitalen Beziehungen sind Schwerter und Dolche, Pfeile und Messer, das kriegerische Repertoire, aber auch ein Kamm, eine Pinzette, ein Rasiermesser. Der Gräberkreis A, den Schliemann auf der Akropolis freilegte, führte Objekte vor, wie sie sich nur eine Elite leisten konnte. Nicht vorsätzliche Geschichtsklitterung trieb Schliemann an, gewiss aber ein aus seinen (prä-archäologischen) Zeiten als äußerst erfolgreicher Kaufmann stammendes Marketingkonzept. Wenn denn ein Agamemnon überhaupt gelebt hat, dann, darauf pocht die Ausstellung, rund 400 Jahre vor dem so titulierten Fürsten. 

Schliemann war nicht der erste, der sich in die antiken Texte vergrub, in seinen Homer, zudem in die Schriften des Pausanias aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Drei Jahre nachdem Schliemann in Troja erfolgreich gewesen war, und den „Schatz des Priamos“ freigelegt hatte, wandte sich der Quereinsteiger Griechenland zu. Das Vorgehen des „Pioniers und Abenteurers“ in Mykene, Tiryns oder Pylos war recht rabiat, aber dermaßen erfolgreich, dass er weitere Ausgräber auf die Spuren von Schmuck, Waffen und Geschirr setzte, angefangen mit Wilhelm Dörpfeld. In Karlsruhe darf sich der „schönste Fund Schliemanns“, als den man Dörpfeld bezeichnete, wie auch andere aus der Ahnengalerie der Archäologen vorstellen. Das geschieht über eine Ohrmuschel – wie die Schau überhaupt Hilfsmittel raffiniert nutzt, angefangen mit den Monitoren, auf denen die zum Teil nicht einmal fingergroßen Artefakte, Siegelringe, Rollsiegel, Ohrringe oder Knöpfe, wie unter ein Vergrößerungsglas gelegt und bündig erläutert werden. 

In einem nachempfundenen Tholosgrab steht der Besucher vor weiteren Schätzen, einer Krone, Siegelsteinen, einem Kamm aus Elfenbein, Schmuck aus Amethyst und Lapislazuli – die 1956/57 vorgefundenen Gräber waren von Grabräubern unentdeckt geblieben. Religiöse Riten wurden aus Kreta importiert, die Doppelaxt ebenso. Aber nein, es herrschte in Mykene kein Matriarchat. Derbe Doppelaxtexemplare sind ebenso zu sehen wie filigrane zum Umhängen (nicht zum Umlegen). 

Mit Griechenlands Frühzeit war unsere eigene Vorväterzeit auch deswegen so einverstanden, weil es eine unbedingt kriegerische Zeit war, in der Tugenden wie Tapferkeit und Heldentum monumental groß geschrieben wurden. Dafür stehen die Vielzahl der Schwerter, stoisch, wie sie in den Vitrinen liegen, verlangen sie nicht viel Phantasie, dass die Zeit der Helden eine Ära nicht nur besonnener Herrscher, sondern ausgemachter Schurken war – wie es Homer nun mal nahelegt. Das Ethos richtete sich auf Raub, auf Plünderung, die reale Welt der Bronzezeit basierte auf dem agonalen Prinzip. Männer waren Krieger und Jäger. Es herrschte Konkurrenz, die Konkurrenz war beherrschend, innen- und außenpolitisch. Diese Konkurrenz verlangte nach einem Ausdruck, nach Selbstdarstellung. Die Ausstellung zeigt sehr schön und sehr deutlich, dass es angesagt war zu imponieren. Der tiefere Sinn der Repräsentation lag in der Überwältigung. 

Augen durften übergehen, Gegner sollten in die Knie gehen. Das Tragen des Eberzahnhelms, berühmt schon durch Homer, war nur möglich, weil sein Träger 70 Wildschweine erlegt hatte. Ein gravierter Achatsiegelstein, 2015 bei Grabungen in Pylos geborgen, wird in Karlsruhe erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Er ist ein künstlerisches Meisterwerk, unbegreiflich, wie die kaum daumengroße Szene einer Gewalttat in ihren Details in den Stein geschnitten werden konnte ohne eine Lupe. 

Das kulturelle Gedächtnis hat blendend funktioniert

Auch ein 1:1 rekonstruierter Thronsaal veranschaulicht farbenprächtig den Anspruch auf Repräsentation. Die Fußböden waren bemalt, die Friese, mit denen sich der Herrscher umgab, versammelten eine bunte Welt aus Bestien, Barbaren und übermenschlichen Wesen, all dem, was Kraft gab. 

Zu den Hinterlassenschaften der Mykenezeit zählt nicht zuletzt ein Schriftsystem, die in den 1950er Jahren von Michael Ventris entzifferte Linear B-Schrift, womit deutlich wurde, wie sehr die Welt von Mykene ein durchorganisierter Kosmos war, ein durch eine straffe Verwaltung kontrolliertes Herrschaftsgebiet im Südwesten des Peleponnes. Die Blüte im 14. und 13. Jahrhundert v. Chr. gründete in der Bürokratie eines hocheffizienten Apparats. Dabei war Mykene, anders als das Imperium der Hethiter und Ägypter, kein Großreich, vielmehr ein Großraum rivalisierender Fürsten. 

Rund siebenhundert Jahre währte die Periode der mykenischen Kultur, die Ausstellung bebildert bereits die Vorgeschichte, macht die Schachtgräberzeit und die drei Phasen der Palastzeit anschaulich – der Kenner wird seine Freude haben. Der Augenmensch schon deswegen, weil Mykenezeit auch durch den fein geschnittenen Männerkopf aus Elfenbein ein Gesicht bekommt. Die weiblichen Idole sind dagegen von einer noch unsicheren Hand gestaltet. 

Mykene als Herrschaftsraum und Handelsmetropole griff unvorstellbar weit aus. Es ist seit ein paar Jahren schick geworden, die antike Welt als eine globalisierte zu bezeichnen. Tatsächlich ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Beziehungen Mykenes bis nach „Südengland“ reichten, wegen des Bernsteins bis nach „Niedersachsen“, im Südosten weit über den vorderen Orient hinaus. Die Rollsiegel wurden aus Babylon bezogen, die Kontakte wurden immer weiter ausgedehnt, wegen des Lapislazuli und des Amethyst bis nach „Afghanistan“. Nicht bloß die reine Neugier ließ die Fürsten bis nach „Süditalien“ aufbrechen, ein enges Netzwerk sowieso bis nach Kreta, darüber hinaus bis nach Ägypten, der Keramik wegen. 

Die Geschichten, die seit Homers Zeiten überliefert sind, sanken nicht ab. Die Geschichte Mykenes ist auch eine über die Beschaffenheit des Gedächtnisses. Denn was Homer, wenn es ihn denn in der von uns vorgestellten Form gab, im 8. Jahrhundert v. Chr. überlieferte, lag ja bereits rund fünf Jahrhunderte zurück. Das kulturelle Gedächtnis der Griechen muss also blendend funktioniert haben, tatsächlich über rund 15 Generationen weitergereicht worden sein, noch dazu präsent geblieben sein während der „dunklen Jahrhunderte“. 

Für die Katastrophe, die um 1200 den gesamten östlichen Mittelmeerraum heimsuchte, gib es keine einzelne schlüssige Erklärung, allenfalls mehrere. Dass Wachtruppen der mykenischen Palastwelt an die Küsten des Reiches beordert wurden, darüber gibt es schriftliche Zeugnisse, Linear-B-Täfelchen. Auch in der syrischen Hafenstadt Ugarit muss man einem Aggressor entgegengesehen haben, warnen doch Briefe vor fremden Schiffen. Die Paläste von Mykene, Tiryns, Midea und Theben gingen in Flammen auf, ebenso wie Ugarit. Was dem Erdboden gleich gemacht wurde, wurde von Nachgeborenen nicht wieder aufgebaut (Tiryns ausgenommen). Für Zerstörung, Verwüstung und Untergang der hochstehenden Kulturen macht die Forschung jedoch nicht nur die Invasion der Seevölker verantwortlich, die Angst und Schrecken auch in zwei Großreichen verbreiteten, unter den Hethitern und Ägyptern, sondern womöglich eine Hungersnot infolge einer niederschmetternden Naturkatastrophe. Nein, nicht des Ausbruchs des Vulkans von Thera/Santorin, denn dieses den Mittelmeerraum auch durch einen Tsunami erschütternde Ereignis lag schon 300 Jahre zurück, fiel somit in die Vorpalastzeit, in der die mykenischen Eliten dem Vorbild Kretas nacheiferten und ihre Herrschersitze befestigten. 

Der Dramendichter Euripides nannte die Argolis das „kyklopische Land“, in Anspielung darauf, dass die gewaltigen Mauern von Tiryns nicht das Werk von Menschen sein konnten, sondern von riesenhaften Kreaturen sein mussten, den Kyklopen. Mussten? Fabelhafte Geschichte! Auch die Mauern der Mykenezeit zeigen, wie Menschengemachtes nach Mythen verlangt. 
 
Badisches Landesmuseum, Karlsruhe: bis 2. Juni. Der beeindruckende Katalog ist im Verlag Philipp von Zabern (392 S., im Museum 29,90 Euro) erschienen. www.landesmuseum.de

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