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Renoir: Man hört sie förmlich scherzen

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Von: Sandra Danicke

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„Bildnis von Madame Monet (Madame Claude Monet lesend)“, um 1874. Foto: Image courtesy Clark Art Institute. clarkart.edu
„Bildnis von Madame Monet (Madame Claude Monet lesend)“, um 1874. © Image courtesy Clark Art Institute. clarkart.edu

Die Ausstellung „Renoir. Rococo Revival“ im Städel Museum Frankfurt konfrontiert die Malerei des Impressionismus vortrefflich mit der des Rokoko.

Limonadenstimmung“ schrieb Thea Sternheim vor mehr als hundert Jahren in ihr Tagebuch. Die Autorin meinte damit die Gemälde von Pierre-Auguste Renoir. Heute klingt es abfällig, aber so war es vermutlich gar nicht gemeint. Trotzdem. „Limonadenstimmung“ – wahlweise: lieblich, süßlich – lautet ein Verdikt, das den Bildern Renoirs bis heute anhaftet. Weil viele davon so duftig, leicht und frühlingsfrisch wirken, so sorglos und unbekümmert. Menschen, die in toller Kleidung durch die Landschaft flanieren, zwanglos beieinander sitzen, sich badend ihrem Körper widmen oder gemütlich ein Buch lesen. Das Publikum liebt ihn dafür seit je. Einige Kritikerinnen und Kritiker wiederum fanden, dass es Renoir an Ernsthaftigkeit und Modernität mangele. Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts scheint in diesen Gemälden genauso wenig stattzufinden wie die raue soziale Realität im Frankreich des Second Empire oder die politischen Wirren der Zeit.

Interessanterweise ist es nun gerade der direkte Vergleich mit Werken des Rokoko, der den Eindruck der Banalität relativiert. Zwar demonstriert die Ausstellung „Renoir, Rococo Revival“ im Städel Museum Frankfurt mit vorzüglichen Bildbeispielen wie sehr der Künstler von der Epoche des Rokoko, ihren Themen und Bildideen geprägt war. Aber sie zeigt eben auch sehr eindrücklich, wie modern der Franzose den süßen Müßiggang im Freien, die intimen Momente im Boudoir ins Bild setzte.

Als Renoir die Malerei des Rokoko für sich entdeckte, war er nicht der einzige. Die Jahrzehnte, in denen man die Motive als unmoralisch und schlüpfrig empfand, waren vorbei. Auch Kollegen wie Edgar Degas oder Édouard Manet hatten ein Faible für die dekorativen, bisweilen lasziven Szenen eines Antoine Watteau oder François Boucher, begeisterten sich für deren pastellhaftige Farbigkeit und lebendige Pinselführung.

Als ausgebildeter Porzellanmaler – Renoir kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und erlernte zunächst ein Handwerk – kannte er das Repertoire der Motive der französischen Kunst des 18. Jahrhunderts aus dem Effeff. Selbstredend übernahm er sie in seinen Zeichnungen und Gemälden nicht eins zu eins. Sein Personal gehörte nicht dem Adel an, sondern der Bourgeoisie: Menschen, die sich zwanglos und ohne finanzielle Sorgen im Theater, im Park oder Gartencafé vergnügten. Nicht, wie bei den Vorbildern, in idealisierten Fantasielandschaften, sondern an Orten, die sich oft genug lokalisieren lassen.

Während Antoine Watteau sein Personal zur „Einschiffung nach Kythera“ (1709/10) noch steif und in Prunkkleidung aufstellte, handelt es sich bei Renoirs „Ruderern bei Chatou“ (1879) um eine lässige Ausflugsgesellschaft in Freizeitkleidung. Man hört sie förmlich miteinander scherzen. Selbst das im Rokoko beliebte Motiv der schaukelnden Schönen wirkt bei Renoir wie ein spontan ausgeführter Einfall. Bei ihm steht die Dame denn auch etwas wackelig und mit unsicherem Blick auf dem niedrig hängenden Brett, anstatt weit ausschwingend durch die Luft zu gleiten.

Und wenn der Künstler „Madame Monet mit ihrem Sohn“ (1874) auf einer Wiese abbildet, dann wirkt das eher hingefläzt als fein postiert. Man fragt sich, ob die beiden wohl gleich aufspringen werden, denn von rechts nähert sich ein imposanter gelber Hahn. Pikant wird Renoir vor allem in seinen Boudoir-Darstellungen. Das Boudoir galt als privates Zimmer der Dame, ein Ort für die Morgentoilette, der sich während des Rokoko als Raum etabliert hatte und daher auch im 19. Jahrhundert noch in diesem Stil eingerichtet wurde.

Auch im Freien malte Renoir zahlreiche Akte - häufig handelt es sich um Badende, die einander mit einer Krabbe necken oder sich verträumt den Fuß abtrocknen. Wahrte man jedoch im Rokoko noch eine gewisse Distanz zum Bildpersonal, geht Renoir in seinen Bildern oft ganz dicht heran. Erstaunlicherweise fühlt man sich dadurch weniger als Voyeurin, denn man sitzt ja schon mitten zwischen den Nakedeis, statt aus der Entfernung die Fernglasperspektive einzunehmen.

Die vibrierenden Pinselstriche verstärken noch den Eindruck, dass hier etwas in Bewegung ist, an dem man als Betrachterin oder Betrachter teil hat. Einzigartig ist bei Renoir die fast schon hyperrealistische Strahlkraft der Farben. Der Maler erreichte sie durch eine Bleiweiß-Grundierung, die er als zweite Schicht auf eine erste weiße Grundierung auftrug.

Dass Renoir auch Landschaften und Stillleben gemalt hat, vergisst man leicht, denn seine Personendarstellungen wirken schlicht ungemein stärker. Das gilt auch für eine Reihe bezaubernder Pastellzeichnungen, die das Zarte, Sinnliche in seinem Werk noch hervorheben.

Limonadenstimmung? Durchaus, aber wer liebt nicht hin und wieder ein süßes Prickeln?

Städel Museum Frankfurt: bis 19. Juni. www.staedelmuseum.de

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