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Blick in die Landschaft:  „Die drei Bäume“, 1643. 

Malerei  

Rembrandt, der Menschensucher

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Amsterdams Rijks Museum und Den Haags Mauritshuis stellen ihr vor 350 Jahren gestorbenes Nationalgenie ins Licht der heutigen Rezeption. 

Wer hat, der hat. Und kann das von den Vätern Ererbte, das Erworbene, Gestiftete, Geschenkte, Gehegte und Gepflegte auch stolz zeigen. Weder ein sündhaft teures Aus-aller-Welt-Leihgaben-Spektakel haben Schatz-Häuser wie das Amsterdamer Rijks Museum und das Den Haager Mauritshuis nötig, noch eine Rechtfertigung, wieso schon wieder auch ihre neuesten Rembrandt-Ausstellungen auf Publikumsrekorde zusteuern.

Der Nationalheilige der Niederlande, Rembrandt Harmenszoon van Rijn, Protagonist der Epoche des Goldenen Zeitalters, starb an einem Oktobertag vor 350 Jahren, mit 63. „Alle Rembrandts“ titelt selbstbewusst das Rijks Museum mit einer exzellenten Schau. Noch nie zuvor, und das ist wahrlich ein Superlativ, zeigte das Haus derart viele der lichtempfindlichen, darum nur ganz selten ausgestellten Papierwerke des gebürtigen Leideners aus eigenen Mappen und Schränken. Sechzig Zeichnungen und 1 300 Radierungen (300 sind zu sehen) besitzt das Rijks, dazu 22 (vom Rembrandt Research Project unbezweifelte) Bilder, vom Selbstbildnis als junger Mann bis zum reifen „Selbst als Apostel Paulus“, von der „Tuchmachergilde“ über die kapitale „Nachtwache“ – die wird ab Sommer öffentlich restauriert – bis zur späten „Judenbraut“.

Letzteres Gemälde, mit seinen faszinierenden Farb-und Lichteffekten und der gröberen, beinahe impressiv flirrenden Malweise, sieht man im Rijks als Spätwerk-Referenz zwischen aufs Wesentliche reduzierten Grafiken aus allen Schaffensphasen. Es hängt dicht neben der bräunlichen Radierung mit dem Porträt des Amtschreibers Coppenol, 1658. Ausgerechnet dieses prägnante grafische Motiv haben sich kürzlich KI-Experimentierende ausgesucht, um per Algorithmen einen „Alten Meister“ zu generieren. Das Künstliche Intelligenz-Ergebnis erwies sich, verglichen mit dem vielschichtigen Original, künstlerisch ziemlich dürftig. 

„Jupiter und Antiope“, 1659 

Rembrandts Stift, die Feder, die Radiernadel und selbstredend der zunächst feinmalende, später furios-lockere Pinselduktus agierten wie selbstverständlich. Der mit Licht und Dunkel bis zur Perfektion inszenierende Rembrandt gelangte schon beizeiten hin zum zutiefst Menschlichen, dem Herbschönen, Emotionalen, ohne Scheu vor Melancholie, Hässlichkeit und Verfall. Er machte zum Bild, was er sah. Und er sah tiefer, erfand dazu, suchend und erneuernd. Er stellte eine lebhafte Interaktion zwischen Figuren und Historienambiente oder alltäglicher Raumszene her. Das Neue, das Rembrandt in die Kunst brachte, war das Dialogische. Die Akteure stellte er oft einander gegenüber, meist mit dem Rücken zum einfallenden Licht hin angeordnet. Das Phänomen der Spiegelung war wohl seine Lieblingsbeschäftigung.

Rembrandt, Sohn eines Müllers und einer Bäckerstochter aus Leiden war ein Wahrheitssucher. Und dazu ein Geschichtenerfinder. Das ist der stärkte Eindruck nach dem ersten Rundgang in den sechs großen Sälen mit Nachtblau bespannten Wänden und auf 50 Lux herabgedimmtem Licht. Seine winzigen, umso bezwingenderen, mit entschiedenen Linien aufs Papier gesetzten Selbstporträts im ersten Raum sind nachgerade zeichnerische Erforschungen seines eigenen Gesichts im Spiegel, jung, wild, ehrgeizig, seiner Kräfte bewusst, alles wollend, alles wagend, später vom Leben gezeichnet, trauernd und schmerzhaft wissend, wie sehr doch alles Streben am Ende in die Irre führt und nichtig wird. 

„Liegender Löwe“, ca. 1660

Blatt für Blatt, Bild für Bild führt uns Rembrandt – so uneitel wie monomanisch – und dabei sprunghaft im Stil – den Verlust des jugendlichen Aussehens, der Vitalität, der Gesundheit vor. Und so ganz nebenbei amüsiert uns Betrachter, wie er das damals unter hochmütigen Adligen wie würdevollen reichen Bürgern übliche Barett mit größter Aneignungs-Geste als Attribut des Künstler-Habitus etablierte. Im Alter versah er die markante Kopfbedeckung mit reichem orientalischem Design, was einen frappierenden Kontrast bildet zu den grauen Haarfusseln, den wie Jahresringen aussehenden Stirnfurchen, den Tränensäcken unter den gealterten Augen und der großporig aufgeworfenen Altmännernase.

Rembrandt brachte in die Welt der Künste eine Befragung des Menschlichen schlechthin, was noch nie, auch nicht in der Renaissance, da war. Als er alt, krank, zudem wegen seiner geschäftlichen Misswirtschaft verarmt starb, war in Europa, auch in den Niederlanden, der Klassizismus modern geworden. Moden und Trends aber konnten sein Lebenswerk nie nivellieren, im Gegenteil, es wirkt auf uns immer grandioser und einzigartiger. Und spätestens avancierte Rembrandt in seinem Heimatland postum zum nationalen Hero, als Belgien sich samt der Verehrung des übermächtigen Barock-Maler Rubens 1830 staatlich separiert hatte. Instanzen der Kunstwelt rühmten seither den genialen Geschichtenerzähler, seien seine Sujets nun historisch, biblisch oder alltäglich – bis hin zum Intimsten.

Rembrandt erforschte zeichnend, radierend, malend, sich selber und seine Umwelt, genau – und gnadenlos: die alte verhärmte Mutter, seine schöne, aber jung verstorbene Frau Saskia, den ebenfalls nicht alt gewordenen Sohn Titus, die mollige Lebensgefährtin des Witwers, Hendrickje Stoffels, die groben Marktweiber und die Straßenmusiker Amsterdams, die Bettler und Vagabunden. All die Mühseligen und Beladenen eben. Er erlangt gerade beim Zeichnen und Radieren schon früh eine Freiheit, Leichtigkeit und einen nervösen, emotionalen Ausdruck, was nahelegt, dass er dafür kaum akademischer Unterweisung ausgesetzt gewesen war. Auch fallen schon früh das suggestive Zusammenspiel von Hell und Dunkel und die atmosphärische Perspektive mit Hilfe disparatester Schraffuren auf. So anders als die stilisierten Linien vieler seiner Zeitgenossen. Logisch, dass er für diese Erkundungen voller Hingabe selbst sein dankbarstes Objekt war. Und er porträtierte, mit und ohne Auftrag, alle – die hohen Persönlichkeiten seiner Zeit, die Protagonisten der einflussreichen Gilden, die Amtsträger und ihre schmuckbeladenen Damen, die stolzen Bürger Amsterdams, die gleichnishaften, tief lotenden Bibel-Kapitel. Seltsam, dass dieser Maler Zeit seines Leben nur einen einzigen höfischen Auftrag erhielt. 

Aufträge der Bürgerschaft kamen umso mehr: 1631 malte er den „Anatomieunterricht des Dr. N. Tulp“, das einst vom König für das Museum angekaufte Bild ist gleichsam das erste Kronjuwel des Den Haager Mauritshuis. Der Erwerb von den in Geldnot steckenden Witwen der Amsterdamer Chirurgengilde nach 1800 war gar eher eine Rettungsaktion. Das grandiose Gemälde hing nämlich seit Rembrandts Zeiten in der Küche des Gildehauses „De Waag“; es war Fett- und Kochdämpfen ausgesetzt und nicht in bestem Zustand. Der ist heute tadellos, und das Mauritshuis zeigt es an seinem besten Platz, zwischen elf unbezweifelten und zwei derzeit noch mit Fragezeichen versehenen Gemälden des Meisters.

Rijks Museum, Amsterdam: bis 10. Juni. www.rijksmuseum.ne
Mauritshuis, Den Haag: bis 15. September. www.mauritshuis.nl

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