Am Anfang ist die Erzählung vom Reichstagsbrand: Bild aus Juliane Ebners Film „Landstrich“.
+
Am Anfang ist die Erzählung vom Reichstagsbrand: Bild aus Juliane Ebners Film „Landstrich“.

Juliane Ebner

Reichstagsbrand und Großmutters Geheimnis

  • vonIngeborg Ruthe
    schließen

Im Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages in Berlin: Mit dem Film „Landstrich“ geht die Zeichnerin Juliane Ebner auf Spurensuche in ihrer Familien-Geschichte

Ungewöhnlich. Im Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages, links der Beton-Segmente mit den Zahlen der Mauertoten des Kalten Krieges, ist eine Filmleinwand aufgespannt, davor Stühle.

Da läuft Juliane Ebners Experimentalfilm „Landstrich“, eine Auftragsarbeit vom Kunstbeirat des Deutschen Bundestages. Die Stimme der Berliner Künstlerin erzählt die Geschichte zu den Bildern. Die – keiner Chronologie folgende – Handlung aber besteht aus wackelnden, kippenden, sich überlagernden Zeichnungen. Alles greift ineinander: Privates und Politisch-Historisches – Bilder der deutschen Vergangenheit gegen das Vergessen.

28. Februar 1933: Der Reichstag brennt. Juliane Ebners Großonkel Hans saß danach als Gutachter im Reichstagsprozess. Aber er war kein Nazi. Das sagte die Oma immer wieder. Der Satz hat sich der 1970 in Stralsund geborenen, Fragen stellenden Enkelin eingeprägt. Großmutter war im Alter dement. Darum nennt die Enkelin, die Künstlerin geworden und nach dem Fall der Mauer nach Berlin gegangen ist, ihre ineinander verschachtelten comic-artigen Zeichnungen „Erinnerungsarbeit als Versuchsanordnung“. Individuelle Erinnerungen innerhalb der Familie und offizielle Geschichtsschreibung gehen selten zusammen. Gerade das betonte auch Bundestagspräsident Norbert Lammert bei der Filmpremiere.

Ein Offizier, der weinte

„Landstrich“ fesselt und irritiert zugleich. Der Film beginnt mit den Worten Ebners: „Nach dem Krieg hatte meine Großmutter ein schlechtes Gewissen, weil sie noch lebte. Ihr Mann, der Frontsoldat, hatte ihr eine Pistole gegeben und gesagt, wenn der Russe käme, sollte sie zuerst die Kinder und dann sich selbst erschießen. Und das hatte sie nicht getan.“ Der Mann starb im sowjetischen Gefangenlager. Die damals noch junge Großmutter bekam 1946 noch ein Kind. Ein russischer Offizier namens Boris musste 1946 zurück in seine Heimat. Er hatte den Jungen im Arm und heulte. Davon gibt es ein Foto. Aber niemand hatte der kleinen Juliane in den späten Siebzigern geantwortet, als sie nach dem Zusammenhang fragte.

Dieser Onkel, der dem Offizier auf dem Foto später so ähnelte, saß wegen Republikflucht in Bautzen, im berüchtigten „Gelben Elend“, das erst NS-Haftanstalt war, dann Sowjetisches Speziallager, später DDR-Gefängnis für „Politische“. Immer wieder in den zeitlich und räumlich in Sekundenschnelle wechselnden Zeichen-Sequenzen taucht das Reichstagsgebäude auf, die Kuppel in brennendes Rot getaucht, Farbflecke wie Feuer oder Blut. Oder es fallen braune Kleckse auf die Szene.

Dazwischen marschieren Rotgardisten mit Kalaschnikows und Soldaten der Nationalen Volksarmee, rollen Panzer, pflanzt ein Russe das Banner auf die Reichstagsruine.

Über die Mauer tappt ein Eisbär. Da sind Vogelschwärme, die hinüber fliegen, Liebespaare, Engel, Häftlinge, Kinder, Pioniere, Soldaten, und manchmal Wesen wie von einem anderen Planeten, schemenhaft und rastlos. Wie zwischen Glück und Katastrophe. Sie lieben und leiden, suchen und finden, warten und hoffen. Und sie verschweigen. Großmutter sieht man in ihrer Bäuerinnen-Schürze, Katzen streifen durchs Bild. Die Mutter der Zeichnerin als Mädchen im getupften Kleid. Die mythenumrankten Großonkel tauchen auf. Phantome.

Das Bildreservoir der Erinnerung und Fantasie, der Gesten und Posen wird zum Animationsfilm über deutsche Geschichte – einer Familie auf einer Ostseeinsel. Etwas, das nicht in den Geschichtsbüchern steht. Und alles wird zum Phänomen der Gleichzeitigkeit.

Mauer-Mahnmal des Deutschen Bundestages in Berlin, Lüders-Haus, Schiffbauerdamm: bis 30. April.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare