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Rebecca Raue in der Nikolaikirche Berlin: Radikale Liebe

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Von: Ingeborg Ruthe

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Rebecca Raue im Atelier. Foto: Bernd Borchardt
Rebecca Raue im Atelier. Foto: Bernd Borchardt © Bernd Borchardt

Die Künstlerin Rebecca Raue hat für eine Kapelle der Nikolaikirche in Berlin ihre eigensinnige Version des 1945 verschollenen Wandbildes „Auferstehung“ gemalt

Keine Sekunde hat Rebecca Raue gezögert, als sie gefragt wurde, ob sie ihre Version des zu Kriegsende 1945 verschollenen Kirchenbildes malen wolle. Und dann – so kurz vor Weihnachten, vor Christi Geburt – setzte sie eine Auferstehungsszene in die leere Sandsteinfassung der Krautkapelle in der Berliner Nikolaikirche. Schon neun Malerinnen und Maler brachten zuvor seit 2021 ihre jeweiligen Bildideen zur Auferstehung ein. Die stilistisch disparate Bildfolge aller zwei Monate ist das Projekt des Stadtmuseumskurators Albrecht Henkys. Mit wenig Geld entstand eine einzigartige Kunstreihe.

„Auferstehung – das ist schon lange mein Thema“, sagt die 1976 geborene Berlinerin, deren wichtigste Lehrerin an der Universität der Künste Rebecca Horn war, diese „Magierin“ in der deutschen Kunstszene. „Himmel und Erde, Werden und Vergehen, Tod und was danach kommt, das interessierte mich schon als Kind“, so Raue. Und sie sagt, dass sie sich mit ihrem Hang zum Bildpoetischen, der Synthese von Farbe, Form und Schrift von der berühmten Lehrerin und sogar Namenspatin schon im Studium bestärkt fühlte.

Sie sei katholisch aufgewachsen, erzählt sie: Der prominente, als Filou der Kunstszene wie als Profi seiner Juristenzunft beliebte Kulturanwalt Peter Raue ist Katholik. Die evangelische Mutter, auch sie Juristin, meinte, es könne nicht schaden, wenn Rebecca „das ganze katholische Brimborium“ mal näher kennenlerne, gerade auch wegen ihres intensiven Kunstinteresses, geweckt durch die Kunstleidenschaft der Eltern und durch die frühzeitige Begegnung mit Künstlern, die im Hause Raue ein- und ausgingen. Rebecca ging aufs Canisius-Kolleg. Heute, sagt sie, sei sie nicht mehr gottgläubig, höchstens pantheistisch. Sinnsuchend-sendungsbewusst als Malerin. Und Yogalehrerin. Vor Jahren hat sie noch diese Ausbildung gemacht. Vor allem inspiriere es sie, zusammen mit anderen Leuten Stille, Kontemplation zu erleben. Ein Kraftquell für Körper und Nerven sei das, sagt die zweifache Mutter.

So konsequent, wie sie sich mit ihrem Gemälde „Radical Love“ auf das historische Umfeld der barocken Grabkapelle in der Nikolaikirche bezieht, so wenig knüpft sie an Komposition und Ikonografie des zu Kriegsende verschwundenen, idealistischen Auferstehungsgemäldes an, wovon dem Museum ohnehin nur eine alte Fotografie geblieben ist. Bei Raue gibt es keine „Ismen“, sie sucht beim Malen das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“. Cy Twombly und Mark Rothko waren für sie Maler, die diesem Mysterium auf der Spur waren. Dem Ariadnefaden will sie folgen. Auch, wenn immer ein Rest Unfassbarkeit bleibt.

Raues Kapellenbild hat drei Ebenen: Die untere setzt das Schachbrettmuster des Kapellenbodens fort und wir könnten es als Hier und Jetzt „lesen“, als das irdische Dasein mit seinen Traditionen, Normen, Gesetzen, abgesteckten Lebens- und Kulturräumen sowie Grenzen. Im geometrischen Schwarz-Weiß-Muster, wie es der Kapellenboden vorgibt, typisch auch für die alte niederländische Genremalerei, entdecken wir schemenhafte Gestalten, dunkle und gelbe. Sie hantieren mit sonderbaren Körben, so als würden sie damit etwas fangen, freilassen, abermals fangen.

Erst muss ich an die seltsamen Körbe denken, mit denen der flämische Maler Pieter Bruegel um 1568 seine „Imker“ versah. Die surreal anmutende Zeichnung gehört dem Berliner Kupferstichkabinett. Rebecca Raue muss lachen beim Vergleich mit den summenden, stechenden Honigbienen. Dann erklärt sie, dass sie mit den Körben vor allem auf die archaische Tradition der Hahnenkämpfe anspiele, einem maskulinen Wettstreitritual in Afghanistan und Lateinamerika.

Den mittleren Bildteil dominiert melancholische Schwärze, durchbrochen von Farbfetzen und einem Gebilde wie ein Gefäß oder der Bug eines (Flüchtlings-)Bootes, innen rot. Bunte, popartige Formen entsteigen in einem geradezu explosiv-abstrakten Prozess der dramatischen Schwärze. Wie Ballons, hinausgeschleudert ins Himmelsblau zur Kapellendecke hin. Aus dem dramatischen Dunkel heraus passiert das Eigentliche. Von unten her aufsteigend hat sich Energie gesammelt, eine hinaufstrebende Kraft. Aber mit den Fragen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?

Oben ist abermals eine Szene der Hahnenkampfmännchen zu sehen, wie ein Verweis, dass Gewalt und Machtstreben der Spezies Mensch in den Genen sitzt. Kein Paradies. Aber Schrift. Am deutlichsten lesbar: „Radical Love“, zwei Worte, die in Zeiten fehlender Visionen den Kategorischen Imperativ formulieren.

Und vielleicht nur so lässt der Tod sich überwinden, gibt es Zukunft für die nachfolgenden Generationen? In einem für alle Menschen lebbaren, würdigen Dasein auf diesem vor dem Öko-Kollaps zu rettenden Planeten. Es tobt Krieg in der Ukraine, im Iran werden für ein Mindestmaß an Freiheit protestierende junge Leute ermordet. Darum malt sie intuitiv die kommunizierenden Farben als „Schönheit der Weisheit“. Sie wünscht sich, dass die Betrachter das Gemalte „vollenden“ mit ihren Gedanken und Gefühlen. Jemand schrieb, Rebecca Raue male „kardiokratische Studien, die auf der Herzebene funktionieren“. Sie sagt es viel schlichter: „Ich glaube einfach an die Kraft der Malerei!“

Museum Nikolaikirche im Berliner Nikolaiviertel. stadtmuseum.de

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