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"Verdächtiges Geräusch", undatiert.

Schirn

Ratten im Zelt, Löwen zu laut

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Wilhelm Kuhnert, wie er die Tiere sah - eine kontroverse Ausstellung in der Schirn.

Ein Elefant der majestätisch seinen Rüssel hebt, ein Löwe, der würdevoll in die Ferne blickt. Oder eine Löwin, die mit achtsamem Blick ihre Jungen bestrachtet. Wie könnte man diesen Bildern widerstehen? Bilder von Tieren – vor allem solche von Wildtieren – wecken Sehnsüchte und positive Emotionen. Man schaut sie einfach gerne an. Um 1900, als Wilhelm Kuhnert solche Tierbilder gemalt hat, gab es noch keine Farbfotografie. Um wilde Tiere detailliert zu studieren und lebensecht zu malen, musste man in den Zoo gehen. Kuhnert tat das häufig. Saß da und schaute, zeichnete, malte. Doch irgendwann war ihm das nicht mehr genug. Mit Illustrationen für die dritte Auflage von Brehms Tierleben hatte der Berliner Maler (1865-1926) ausreichend Geld für eine Reise nach Afrika beisammen. Genauer: in die damalige Kolonie Deutsch-Ostafrika, wohin er 1891 erstmals reiste. Dort skizzierte Kuhnert die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung, um sie später auf große Leinwände zu bannen.

Dass er das sehr gut konnte, kann man derzeit in der Frankfuerter Schirn Kunsthalle in der Ausstellung „König der Tiere - Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika“ bewundern. Eine nette, stellenweise gar niedliche Ausstellung, die gleichwohl massiv irritiert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es mehr als zwei Jahre nach seinem Amtsantritt die erste Schau ist, die Direktor Philipp Demandt selbst kuratiert hat (in Zusammenarbeit mit Ilka Voermann). Da erwartet man etwas Richtungsweisendes, etwas, das zeigt, wo die Reise künftig hingehen soll. Tierbilder aus den deutschen Kolonien erscheinen da einigermaßen verstörend. Was nicht heißen soll, dass Kuhnert sein Handwerk nicht bravourös beherrscht hat. Auch nicht, dass er nichts Neues gewagt hat. Allerdings bestand das Neue vor allem in der Tatsache, dass er als einer der ersten ausländischen Künstler in die deutschen Kolonien nach Afrika reiste - wo er von der kolonialistischen Infrastruktur und dem Schutz durch das Militär erheblich profitierte. 

Stilistisch und inhaltlich verharrte Kuhnert im Bewährten: Was er schuf, entspricht einem idealisierten Realismus, der Klischees bestätigte und Vorstellungen prägte. Das westliche Bild von Afrika hat Kuhnert zu seiner Zeit wesentlich mitgeformt. Zumindest soweit es die Flora und Fauna betrifft. Für Menschen hat sich der Maler eher weniger interessiert. Nur selten malte er welche, meistens dienten sie allenfalls als Staffage. Nur einmal zeichnete er einen Gehenkten, das Opfer einer Eifersuchtstat durch einen deutschen Kolonialpionier. „Das muss ich sehen, ich habe noch nie jemanden hängen sehen“, soll Kuhnert vorher ausgerufen haben.

Letztlich waren die Einheimischen ihm vor allem Diener. Bis zu fünfzig Einheimische begleiteten Kuhnert bei seinen Expeditionen, die er zu Fuß durch unwegsames und kaum kartografiertes Gelände unternahm. „Verluste durch Verletzungen, Krankheiten, Attacken wilder Tiere und militärische Konflikte machten die Expeditionen zu wahren Himmelfahrtskommandos“, schreibt Philipp Demandt im Katalog.

Zur Verpflegung war man auf die Jagd angewiesen, was dem Maler zupass kam, war er doch auch ein passionierter Jäger, der von seinen Reisen Dutzende von Jagdtrophäen mitbrachte. Wobei die Tiere vor dem Zerlegen stets noch von Kuhnert skizziert wurden. 

Dass solche Reisen von großen Strapazen geprägt waren, versteht sich von selbst. „Miserabel geschlafen. Hatte mal wieder Ratten im Zelt, die mir sogar den Radiergummi auf dem Tisch auffraßen“, moniert Kuhnert in einem seiner Reisetagebücher. „Dann ließen mich die Löwen, die während der ganzen Nacht brüllten, es müssen mindestens 5 gewesen sein, nicht zur Ruhe kommen.“ Dummerweise gelang es Kuhnert lange Zeit nicht, einen Löwen vor die Flinte oder vor die Staffelei zu bekommen. Als er dann endlich mal einem begegnete, war die Enttäuschung groß: „So ganz ohne jede ,königliche Würde‘, genau wie ein Hund mit gesenktem Kopf und Schwanz, tritt er aus dem Grase heraus“, mosert der Maler. „Hier bin ich enttäuscht!“. 

Es muss dann aber doch noch geklappt haben mit den Löwen, zumindest sieht es auf den Gemälden so aus. So entstanden Tierbilder, die auf dem Kunstmarkt heiß begehrt waren und weiterhin sind. Museen und Ausstellungshallen haben sich bisher allerdings kaum für Kuhnerts Werke interessiert, weshalb die Ausstellung in Frankfurt so gesehen eben doch Neuigkeitswert hat. Vermutlich sind die Bilder hinterher noch teurer.

Um dem Muff, der Biederkeit und dem unangenehmen Gefühl zu entkommen, das sich einstellt, wenn Themen wie Großwildjagd und Kolonialismus sich mit Sammelbildchen-Ästhetik paaren tatsächlich hat Kuhnert Sammelkarten für Stollwerk produziert), hat man der Ausstellung eine schräg designte Ausstellungsarchitektur verpasst, die leider grandios misslungen ist: riesige Gitterstrukturen, die die Räume dominieren und vermutlich an Käfige erinnern sollen, letztlich aber vor allem davon abzulenken scheinen, dass das, was hier zu sehen ist, sehr viel mit Kunstfertigkeit und nicht ganz so viel mit Kunst zu tun hat, die uns heute noch etwas zu sagen hat. Man könnte natürlich einen Bogen zu der Problematik bemühen, dass die Lebensräume der Wildtiere bekanntermaßen massiv bedroht sind, aber das wäre genau das: bemüht.

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