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Raster, Punkte und ? Kartoffelmaschinen

  • VonIngeborg Ruthe
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In der Berliner Akademie der Künste zieht Klaus ????Staeck Bilanz seiner Künstlerfreundschaft mit Sigmar Polke

Es gibt viel zu lachen in dieser Schau. Am meisten vor dem bizarren „Apparat, mit dem eine Kartoffel die andere umkreisen kann“ von 1969, Sigmar Polkes subtiler, obskurer Kritik an der Konsumgesellschaft und am Künstlergeniekult.

Aber öfter bleiben einem die Lacher auch im Halse stecken, sieht man, wie der Maler Polke die alte und die vereinigte Bundesrepublik sah und deren Widersprüche, Paradoxa, Absurditäten auf Papier oder Leinwand brachte. In der Berliner Akademie der Künste erwartet uns keine systematisch zusammengestellte Museumsschau. Es ist eine durchweg persönliche Hommage von Klaus Staeck an Polke, 1941 geboren, im Juni 2010 in Köln gestorben. Dabei ist diese Erinnerung überhaupt nicht schwermütig, eher leicht, durchzogen von Ironie. Aber eben sehr persönlich, fast schon intim. Dieses Intime, diese, sagen wir, 40-jährige Geist- und Seelenverwandtschaft, bisweilen wohl auch Zweckpartnerschaft, wird nun öffentlich. Staeck, der politische Plakatkünstler und heutige Akademiepräsident, öffnet sein immenses privates Polke-Archiv und füllt mit Bildern, Grafikmappen, Zyklen und Büchern des letzten Dada-Erben Deutschlands leicht fünf Säle am Pariser Platz.

Wer hat, der kann. „Er hat den Drucker, hat die Logistik, hat den Vertrieb und die Künstler“, meinte schon Polke einst lapidar über seinen engen Kontakt zur Edition Staeck. Wie der ihm allerdings bei den gemeinsamen Druck-Projekten hinterherlaufen musste, damit die Absprachen mit Druckerei, Museen, Buchläden eingehalten werden konnten, davon erzählt nun eine riesige Pinnwand mit handgeschriebenen Faxen Staecks. Er war der immer drängende, dabei alles Chaos, alle Säumigkeit verstehende und ausgleichende Partner des anarchischen Alchemisten Polke, des genialen Bilderverwerters und Jongleurs des Simplen wie Erhabenen.

Staeck war nicht nur der Produzent von Polke, sondern auch sein Sammler. Und er hat ihn immer wieder fotografiert, beim Eier-Essen, beim Montieren, bäuchlings auf den Dielen über Bildern liegend. Sämtliche Polke-Editionen seit den Siebzigern erzählen nun, Wand für Wand, wie ein Klassiker des Metiers entstand: Schwarz zu Weiß, Punkt für Punkt, dann eine Pointe. Mit ihr ist das Triviale gerade noch einmal abgewendet. Dennoch darf daneben das Banale des deutschen Alltags bestehen bleiben – als Blümchenvorhang, als Palme aus dem Inselparadies im Reisekatalog. Vielleicht auch als Hochsitz für den Jagdverein, als Polizist samt einem Hund mit Schweinekopf, gemalt auf Blasenfolie, so dass die Punkte- und Rasterstruktur schön durchkommt.

Diese Mischung aus Alltag und dem Bildpersonal der Demokratie und der deutschen Geschichte findet seinen Höhepunkt im zehnteiligen Zyklus „Wir Kleinbürger!“ Er allein füllt einen ganzen Saal und ist die ätzende Analyse der Wirtschaftswunderzeit und deren sozialen Schattenseiten. Da steht man vor einem Panorama aus Hippietum, Punk, Frauenbewegung und Terrorismus.

Polke, das zeigt sein posthumer Kurator Staeck unverhohlen, war das, was man unter deutschen Malern einen Erfolgreichen nennt. Seine Bilder, auf denen Anzugträger, Bikinimädchen, Hexen, Salamander, Demonstranten und Polizisten durch Reifen springen und punktgenau auf dem Papier landen, hängen in großen Museen der Welt und auch im Reichstag. Der über diese Punkte herrschte („Ich liebe alle Punkte!“), diese kleinsten Nennern der Mediengesellschaft, hätte sich auf seinem Ruhm ausruhen können, ohne aus dem Kunst-Jahrmarkt ausgeschlossen zu werden. Doch Polke war ein Ironiker, ergo ein versteckter Moralist. Er hielt es mit Karl Kraus, der meinte, Ruhm sei ein Pferd, das letztlich ohne Reiter am Höllentor ankomme.

Unersättlich, das vor allem erzählt das Bilderaufgebot aus dem Staeck-Archiv, darunter eine Menge Probedrucke, war Polkes Experimentierlust: malen, rastern, sprühen, fotografieren, montieren, politische Comics zeichnen. Er scheute sich dabei auch nicht, „höhere Wesen“ einzuschalten, die ihn hießen, eine Bildecke schwarz zu malen. Das war – als „Kritischer Realist“– das satirische Statement des gebürtigen Schlesiers, der nach der Flucht vor den Russen in Ostdeutschland landete, 1953 in den Westen ging und schließlich an der Düsseldorfer Kunstakademie ankam – zur nichtfigurativen Malerei, allgewaltig in den Sechzigern, Siebzigern.

Polke wollte den Befehl von höheren Wesen schon 1969 bekommen haben. Auch den, zu fotografieren. Die Momentaufnahme, gerastert und überbelichtet, wurde zum Erkennungszeichen in seinen Montagen, etwa in der Künstlerzeitung Day by Day, einer wilden Mischung aus Sex, linker Revolution und Sensation. Polke fotografierte, das belegen die Bilder, ohne handwerkliche Regeln. Manchmal raubte eine Zweitbelichtung den Fotos die Lichtwerte, sie bekamen einen braun-grau-grünen Ton. Überbelichtungen vernebeln die Szenen, derbe Vergrößerungen zersetzen das Motiv.

Polke wurde so abermals zum Erfüllungsgehilfen höherer Wesen. Die brauchte er, um sich über den Geniekult und am Ende vor allem auch über sich selbst zu mokieren. Polke schonte sich nicht. Die Gesellschaft, die Kunst und die Künstler auch nicht. Und das ist ziemlich erfrischend.

Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz 4: bis 13. März.

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