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Künstlerfreunde: Sigmar Polke (links) und Klaus Staeck im Jahr 1997.
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Künstlerfreunde: Sigmar Polke (links) und Klaus Staeck im Jahr 1997.

Akademie der Künste Berlin

Raster, Punkte, Kartoffelmaschinen

  • VonIngeborg Ruthe
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Malen, rastern, sprühen, fotografieren: In der Akademie der Künste erwartet uns keine systematisch oder thematisch zusammengestellte Museumsschau. Es ist eine durchweg persönliche Hommage von Klaus Staeck an Sigmar Polke.

Es gibt viel zu lachen in dieser Schau. Am meisten vor dem bizarren „Apparat, mit dem eine Kartoffel die andere umkreisen kann“ von 1969, Sigmar Polkes subtile, obskure Kritik an der Konsumgesellschaft und am Künstlergeniekult. Aber öfter bleiben einem die Lacher auch im Halse stecken, sieht man, wie der Maler Sigmar Polke die alte und die vereinigte Bundesrepublik sah und deren Widersprüche, Paradoxa, Absurditäten auf Papier oder Leinwand brachte. In der Akademie der Künste erwartet uns keine systematisch oder thematisch zusammengestellte Museumsschau. Es ist eine durchweg persönliche Hommage von Klaus Staeck an Sigmar Polke, 1941 in Schlesien geboren, 2010 in Köln gestorben. Dabei ist diese Erinnerung überhaupt nicht schwermütig, eher leicht, durchzogen von Ironie. Aber eben sehr persönlich, fast schon intim. Dieses Intime, diese, sagen wir, 40-jährige Geist-und Seelenverwandtschaft, bisweilen wohl auch Zweckpartnerschaft, wird nun öffentlich. Staeck, der politische Plakatkünstler, der Heidelberger Editions-Verleger und heutige Akademiepräsident, öffnet sein immenses privates Polke-Archiv und füllt mit den Bildern, Grafikmappen, Zyklen und Büchern des letzten Dada-Erben Deutschlands leicht fünf Säle in der Akademie am Pariser Platz. Wer hat, der kann. „Er hat den Drucker, hat die Logistik, hat den Vertrieb und die Künstler“, meinte schon Polke einst lapidar über seinen engen Kontakt zur Edition Staeck. Wie der ihm allerdings bei den gemeinsamen Druck-Projekten hinterherlaufen musste, damit die Absprachen mit Druckerei, Museen, Buchläden eingehalten werden konnten, davon erzählt gleich im ersten Saal eine riesige Pinnwand mit zahllosen handgeschriebenen Faxen des an einzuhaltende Termine mahnende, um die Zusendung der Originale, um Rückantwort oder Treffen bittende Staeck. Er war der immer drängende, dabei alles Chaos, alle Säumigkeit verstehende und ausgleichende Partner des anarchischen Alchemisten Polke, des genialen Bilderverwerters und Jongleurs des Simplen wie Erhabenen.

Produzent und Sammler

Staeck war nicht nur der Produzent von Polke, sondern auch sein Sammler. Und er hat ihn bei zig Gelegenheiten fotografiert, beim Eier-Essen, beim Montieren, bäuchlings auf den Dielen über Bildern liegend. Sämtliche Polke-Editionen seit den Siebzigern erzählen nun, Wand für Wand, wie ein Klassiker des Metiers entstand: Schwarz zu Weiß, Punkt für Punkt, dann eine Pointe. Mit ihr ist das Triviale gerade noch einmal abgewendet. Dennoch darf daneben das Banale des deutschen Alltags bestehen bleiben – als Blümchenvorhang und Vorgartenrabatte, als Palme aus dem Inselparadies im Reisekatalog. Vielleicht auch als Hochsitz für den Jagdverein, als Polizist samt einem Hund mit Schweinekopf, gemalt auf Blasenfolie, so dass die Punkte- und Rasterstruktur schön durchkommt. Diese bizarre Mischung aus Alltagsdingen und dem Bildpersonal der Demokratie und der deutschen Geschichte findet seinen Höhepunkt im zehnteiligen Zyklus „Wir Kleinbürger!“ Er allein füllt einen ganzen Saal und ist die ätzende Analyse der Wirtschaftswunderzeit und deren sozialen Schattenseiten. Da steht man vor einem Panorama aus Hippietum, Punk, Frauenbewegung und Terrorismus. Sigmar Polke, das zeigt sein posthumer Kurator Staeck unverhohlen, war das, was man unter deutschen Malern einen Erfolgreichen nennt. Seine Bilder, auf denen Anzugträger, Bikinimädchen, Hexen, Salamander, Demonstranten und Polizisten durch Reifen springen und punktgenau auf dem Papier landen, hängen in großen Museen der Welt, selbst im Reichstag. Der über diese Punkte herrschte („Ich liebe alle Punkte!“), diese kleinsten Nennern der Mediengesellschaft, hätte sich auf seinem Ruhm ausruhen können, ohne aus dem Kunst-Jahrmarkt ausgeschlossen zu werden. Doch Polke war ein Ironiker, ergo ein versteckter Moralist. Er hielt es mit Karl Kraus, der meinte, Ruhm sei ein Pferd, das letztlich ohne Reiter am Höllentor ankäme.

Unersättliche Experimentierlust

Unersättlich, das vor allem erzählt das Bilderaufgebot aus dem Staeck-Archiv, darunter eine Menge an Probedrucken, war Polkes Experimentierlust: malen, rastern, sprühen, fotografieren, montieren, politische Comics zeichnen. Er scheute sich dabei auch nicht, „höhere Wesen“einzuschalten, die ihn hießen, eine Bildecke schwarz zu malen. Das war – als „Kritischer Realist“– das satirische Statement des gebürtigen Schlesiers, der nach der Flucht vor den Russen mit den Eltern in Ostdeutschland landete, 1953 erneut floh, in den Westen ging und schließlich an der Düsseldorfer Kunstakademie ankam – zur nichtfigurativen Malerei, allgewaltig in den Sechzigern, Siebzigern. Polke wollte den Befehl von höheren Wesen schon 1969 bekommen haben. Auch den, zu fotografieren. Die Momentaufnahme, gerastert und überbelichtet, wurde zum Erkennungszeichen in seinen Montagen, etwa in der ausgestellten Künstlerzeitung „Day by Day“, einer wilden Mischung aus Sex, linker Revolution und Sensation. Polke fotografierte, das belegen die Bilder, ohne handwerkliche Regeln. Manchmal raubte eine diffuse Zweitbelichtung den Fotos die Lichtwerte, sie bekamen einen braun-grau-grünen Farbton. Überbelichtungen vernebeln die Szenen, derbe Vergrößerungen zersetzen das Motiv, grobkörnige, beinahe staubige Unschärfen irritieren das Sehen. Polke wurde so abermals zum Erfüllungsgehilfen höherer Wesen. Die brauchte er, um sich über den Geniekult des Künstlertums, die hehre Symbiose von Maler und Sujet – am Ende vor allem auch über sich selbst zu mokieren. Polke schonte sich nicht. Die Gesellschaft, die Kunst und die Künstler auch nicht. Und das ist ziemlich erfrischend.

Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz 4, bis 13. März.

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