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Peter Roehr: Ohne Titel, 1965, Offsetdruck. Wer genau hinschaut erkennt das Rücklicht eines Ford Taunus.
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Peter Roehr: Ohne Titel, 1965, Offsetdruck. Wer genau hinschaut erkennt das Rücklicht eines Ford Taunus.

Peter Roehr in Frankfurt

Die Quadraturen des Kreises

Peter Roehr mit Werken aus Frankfurter Sammlungen im Städel und im MMK: Man taucht ein in die Waren- und Konsumwelt der sechziger Jahre, wenn auch immer nur ausschnittsweise. Von Michael Grus

Von Michael Grus

Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, oder doch zumindest etwas vollkommen anderes. Bei der Annäherung an ein Werk von Peter Roehr halten Gewinn und Verlust einander die Waage. Man taucht ein in die Waren- und Konsumwelt der sechziger Jahre, wenn auch immer nur ausschnittsweise, vielleicht werden verschüttete Erinnerungen geweckt, das in mattem Rot glühende Rücklicht eines Ford Taunus erkannt. Doch aus größerem Abstand betrachtet scheinen von der Collage aus vierzigmal demselben Autoteil plötzlich Katzenaugen vor hellblauem Grund zu funkeln, intoniert sich eine in regelmäßigem Rhythmus gegliederte Farb- und Lichtkomposition und macht die von ihrem Urheber allenfalls beiläufig bedachte poetische Fernwirkung serieller Kunst erlebbar.

Wenn die stets gleichförmige Wiederholung identischer Bildelemente den völligen Verzicht auf eine individuelle Handschrift bewusst in Kauf nimmt, so hat die Rede vom Verschwinden des Autors im Fall von Peter Roehr doch auch einen bitteren Beigeschmack.

Der 1944 geborene Künstler, der ausschließlich nach diesem Konzept arbeitete, war bei seinem Tod infolge einer Krebserkrankung nicht einmal 24 Jahre alt. Zu den Paradoxien dieses allzu kurzen Lebenslaufs gehört ein mit etwa 600 Arbeiten erstaunlich umfangreiches Gesamtwerk von konsequenter, wie zu sehen aber eben auch heiterer Strenge, das in quasi erzwungenem Schnelldurchgang über die vorübergehend angesteuerten Stationen Informel und Zero rasch zu einer eigenen Montagetechnik führte, die einen wichtigen Bezugspunkt für zahlreiche nachfolgende Künstler bot.

Roehr reihte in seinen meist quadratischen Collagen und Assemblagen sonst kaum weiter beachtete Alltagsgegenstände wie Knöpfe, Bierdeckel oder Streichholzschachteln in symmetrischer Ordnung aneinander, schnitt Pappbuchstaben oder Bilder von Kaffee- und Autoreklamebroschüren aus (mit einer gewissen Vorliebe für den VW-Käfer) und verfremdete die jeweils immergleichen Objekte und Ausschnitte zu eigenen neuen Bildwelten.

Dass er selbst nicht auch von der Bildfläche verschwunden ist, verdankt sich vor allem Frankfurter Sammlern und Galeristen wie Adam Seide und Paul Maenz, die das in lediglich fünf Jahren entstandene Werk in seiner Entwicklung betreuten und nach dem frühen Tod des Künstlers bewahrten. Zu einer umfassenden Würdigung haben sich nun das Frankfurter Museum für Moderne Kunst und das Städel als die beiden hiesigen Institutionen verbunden, die über große oder doch wichtige Teile des Nachlasses verfügen, umfangreich beigesteuert haben außerdem Frankfurter Privatsammler, neben anderen vor allem Josef Lindenberger und ein ungenannter, dessen Bestände das Museum Wiesbaden als Dauerleihgabe besitzt.

An beiden Ausstellungsorten spielt die Umgebung, der Kontext der jeweiligen Sammlungen oder augenblicklichen Präsentationen der Häuser keine unerhebliche Rolle. Im MMK hat der von Andreas Bee kuratierte Teil zwar ohnehin ein Heimspiel, aber pikanterweise stellt sich Roehrs künstlerisches Konzept serieller und minimalistischer Reihungen als autochthone, ganz heimische Entwicklung dar, die unabhängig von und zeitgleich mit weit bekannteren Pop-Art-Größen die Wirkung repetitiver Verfahrensweisen auslotete.

Warhols Siebdrucke dürfte Roehr kaum schon wahrgenommen haben, als er Mitte der 60er Jahre seine Fundstücke, bunte Werbefotografien und rot leuchtende Selbstklebeetiketten, in sorgfältiger, mühsamer und manchmal schon manisch anmutender Klein- und Handarbeit zusammenfügte und auf Karton klebte. Konservendosen verwendete Roehr in einer Materialassemblage von 1963, aber da zeigt er uns in einer viereckigen Anordnung nur den runden Dosenboden, mithin die Quadratur vieler blankpolierter Kreise.

Wichtig erschien ihm der Aspekt der Form und der Effekt ihrer fortgesetzten Wiederholung, der ästhetische Reiz bleibt nicht der Oberfläche von Artikeln des Massenkonsums verhaftet.

Aus den USA brachte ihm der Freund Paul Maenz vielmehr Filmmaterial mit, Kamerafahrten durch Wolkenkratzerschluchten, über Brücken und durch Tunnels, bei denen Neonröhren ebenso gleichförmig durchs bewegte Bild rauschen wie Mittelstreifen, Pfeiler und Fahrzeugkolonnen oder, in einer anderen Einstellung, sprudelndes Wasser in ein Abflussbecken. Die Schwarzweiß-Filme wiederholen bei maximal kaum mehr als zwei Minuten Spieldauer die immergleichen Sequenzen, sind also nach dem Prinzip der Wandarbeiten geschnitten, deren Zweidimensionalität hier ins Raumzeitliche ausgedehnt und übersetzt wird.

Mit der in ihnen stattfindenden permanenten Wiederkehr des Gleichen nehmen sie das meditative Element in Roehrs Kunst vorweg, das schließlich in der Serie der "Schwarzen Tafeln" ihren Höhepunkt erreichte.

Im Städel hat Kurator Martin Engler den zehn aus 35 mattschwarzen Täfelchen zusammengesetzten großformatigen Arbeiten einen eigenen Raum eingerichtet, der die Besucher gleichsam selbst ins Werk setzt, wenigstens aber an der ersten Präsentation des zehnteiligen Ensembles in einer Ausstellung von 1967 in der Frankfurter Galerie von Adam Seide teilhaben lässt.

Die ebenfalls großformatig auf eine der begrenzenden Wände aufgezogene Fotostrecke erinnert an dieses Ereignis vor vierzig Jahren. Künstler, Galeristen und ein Pinup-Model posieren in popartigem Bewegungsjargon und Gestus ihrer Zeit und blicken auf den Kassenraum des Museums, der die Besuchermassen der Botticelli-Ausstellung bewältigen muss. Populäre Künste begegnen einander, und die totale Reduktion von Farben, Formen und Inhalten erscheint wie ein Memento, gerichtet an von einem Bildereignis zum nächsten hastende Zeitgenossen.

Museum für Moderne Kunst (MMK), Städel Museum, Frankfurt: bis 7. März. www.mmk-frankfurt.de www.staedelmuseum.de

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