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Sigmar Polke 1997 in Bonn. Marc Leve, Nachlass Manfred Leve
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Sigmar Polke 1997 in Bonn. Marc Leve, Nachlass Manfred Leve

Sigmar Polke

Punkte, Raster, höhere Wesen

  • VonIngeborg Ruthe
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Sigmar Polke war wohl der letzte Dadaist der Bundesrepublik. Eine Erinnerung zum 80. Geburtstag.

Schwarz zu Weiß, Punkt für Punkt, dann eine Pointe. Mit ihr ist das Triviale gerade noch mal abgewendet. Dennoch darf daneben das Banale des deutschen Alltags bestehen bleiben – als Blümchenvorhang, als Palme aus dem Inselparadies im Reisekatalog. Als Hochsitz für den Jagdverein, gemalt auf Blasenfolie, so dass die Punkte und Raster schön durchkommen.

Sigmar Polkes sehr besondere Mischung aus Alltäglichkeiten und dem Bildpersonal der Demokratie und der deutschen Geschichte fand ihren Höhepunkt im zehnteiligen Zyklus „Wir Kleinbürger“ – ätzende Analyse der Wirtschaftswunderzeit und deren sozialen Schattenseiten, ein Panoptikum aus Hippietum, Punk, Frauenbewegung und Terrorismus.

Polke war damit erfolgreich. Seine Bilder, auf denen Anzugträger, Bikinimädchen, Hexen, Salamander, Demonstranten und Polizisten durch Reifen springen und punktgenau auf dem Papier landen, hängen in großen Museen der Welt und sogar im Reichstag. Der über diese Punkte herrschte („Ich liebe alle Punkte!“), diese kleinsten Nenner der Mediengesellschaft, hätte sich auf seinem Ruhm ausruhen können, ohne aus dem Kunst-Zirkus ausgeschlossen zu werden. Doch Polke war Ironiker, ergo ein versteckter Moralist. Er hielt es mit Karl Kraus, der meinte, Ruhm sei ein Pferd, das letztlich ohne Reiter am Höllentor ankomme.

Der letzte Dadaist

Das war die Bildwelt des Sigmar Polke, Jahrgang 1941 und 2010 zu früh gestorben, der letzte große Dadaist der Bundesrepublik und Duchamp-Fan. Doch wo Duchamp dauernd auf dem Grat zwischen Kunst und Alltag herumspielte, da zerrte Polke die Historie an den Haaren. So manches Motiv liest sich wie Kritik an der Moderne: Widersprüche, Paradoxa, Absurditäten. Geschichte hat Polke immer interessiert: die politische Situation in Europa. Die Ängste der Menschen wurden sein Bildthema wie die deutsche Teilung, das Monster Berliner Mauer. Und dann sorgten 1989, die östlichen „Wir sind das Volk“-Rufe, der Mauerfall und die euphorische Wiedervereinigung für neue Bildkommentare. Das zentrale Gemälde „Aufschwung Ost“ wurde von der Nationalgalerie angekauft. Das riesige A auf der Rasterfläche gleicht verdammt dem pfeilartigen A-Logo für Arbeitsamt, erstmal die neue Heimat für Millionen Ostler. Die Lacher bleiben einem im Halse stecken.

Polke war selbst Transitmensch zwischen Ost und West. Er floh 1953 aus der DDR nach Düsseldorf, studierte an der Akademie, gründete 1963 zusammen mit dem gleichfalls in den Westen „abgehauenen“ Künstlerfreund Gerhard Richter und mit Konrad Lueg die Gruppe „Kapitalistischer Realismus“. Was immer dem Wirtschaftswunder-Spießer aus Politik und Werbeindustrie versprochen und suggeriert wurde – es war bildwürdig. Analog der US-Pop Art waren für Polke vor allem die Konsum-Klischees interessant.

Mitte der 80er Jahre machte er das Atelier zur Alchimistenküche: Experimentieren mit Silberchlorid, Meteoritenstaub, Lacken und Alkohol. Polke wollte Farben, die ihr Aussehen je nach Feuchtigkeit ändern. Bald begann er, auf Dekostoffen und transparenten Folien zu malen. Er bekam eine Einladung zur Biennale Venedig des Jahres 1986.

Der zeitgeistige Minimalismus wurde von ihm in Kitsch aufgelöst, und das Geometrische des logisch-rationalen Denkens durch den Zufall konterkariert. Die Unschärfen der Übergänge in den Punkte-Bildern verwirren, mitunter hängt im Blickfeld nur noch lapidar eine schwarze Linie. Oder es taucht auf einem Geflecht aus Handtüchern Dürers „Feldhase“ auf, um im Herzchen-Muster daneben zu verschwinden. Auf Tücher malte er den Mercedes-Stern, eine russische Kampfuniform und auf einen VEB-Tisch die Story von Honeckers Asche, in einer Urne in einer Schrankwand in Chile.

Alles Ironie, zugleich Distanz. Bei Polke darf man sich nach dem ersten Schreck schief lachen über den Slogan von der Freiheit der Kunst. Selbige betrieb er als Aufreihung politischer Klischees. Malen, rastern, sprühen, fotografieren, montieren, Comics zeichnen. Er scheute sich dabei auch nicht, „höhere Wesen“ einzuschalten, die ihn hießen, eine „rechte obere“ Bild-Ecke schwarz zu malen, satirisches Statement zur allgewaltigen abstrakten Malerei in den Sechzigern. Polke wollte den Befehl von höheren Wesen schon 1969 bekommen haben. Auch den, zu fotografieren ohne handwerkliche Regeln.

Mit Spott gegen Geniekult

Die Momentaufnahme, gerastert und überbelichtet, war Erkennungszeichen seiner Montagen. So wurde er zum Erfüllungsgehilfen höherer Wesen. Die brauchte er, um sich über den Geniekult und vor allem auch über sich selbst zu mokieren. Polke schonte nicht die Gesellschaft, die Kunst und die Künstler. Und am allerwenigsten sich selber gegen den Krebs. Darum kann er seinen 80. Geburtstag am heutigen 13. Februar nicht erleben. Und so guckt er wohl von oben herunter, wie wir mit der verstörenden Zeit zurechtzukommen versuchen.

Geplante Ausstellungen: Die Polke-Stiftung Köln bereitet in der Kunsthalle Düsseldorf für den Herbst unter dem Titel „Produktive Bildstörung“ eine Retrospektive für den Maler vor. Auch das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in Regensburg erinnert an Polke.

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