Persiflage auf einen Berliner Museumsstreit: ?Performance zum Richtfest des Museums der Moderne?
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Persiflage auf einen Berliner Museumsstreit: ?Performance zum Richtfest des Museums der Moderne?

BRD-Kunst

Der Prächtigkeits-Himmel über Berlin

  • vonIngeborg Ruthe
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Mauerfall wird Meisterwerk: Zwei Ausstellungen würdigen den achtzig Jahre alten Maler Matthias Koeppel.

Ist das Hohn? Spott? Oder eher eine Art Liebeserklärung? Das weiß man bei Koeppel nie so genau. Das Gemälde „Die „Performance zum Richtfest des Museums der Moderne“, 2016/17, jedenfalls hat wieder diesen typischen lila Himmel, samt Flugzeug. Hochdramatisch, wie bei den Romantikern, zugleich hat er die Szene mit der „Scheune“, den Architektur-Wettbewerbsfavoriten für das neue Ausstellungs-Haus der Nationalgalerie, mit Ironie übergossen.

Anders malte er das Firmament über „Neavenezia“: silbrig grau, flirrend, wie vom Wasser der vielen Flüsse und Seen rings um Berlin durchzogen. Fast surreal geriet der Blick aufs Tempelhofer Feld. Das Bild ist ganz neu, die Farben kaum trocken. Ein Geburtstagsbild für eine seiner zwei Berliner Geburtstagsausstellungen. Es darf auch rückblickend zugehen. In der Kommunalen Galerie stehen „Experiment und Methode“ im Mittelpunkt, samt Koppels Fotografie und seinen Weg vom Neokubismus über die konsequente Abkehr vom Informellen hin zur eigenwillig realistischen Bildsprache. Da erlebt der Besucher dann auch Koeppels geliebte Malerbühne Berlin: Bilder, die den steten Wandel der Stadt zum Thema haben, deren Schicksal (laut Karl Scheffler) es ist, immer zu werden, aber nie zu sein.

Und in der Zitadelle Spandau wird Koeppel zum Geschichten-Erzähler, über Gesellschaft und Umwelt, über Tristesse und Heiterkeit, zerstörte Natur und Idylle, Hässlichkeit und Schönheit. In diesem Spannungsfeld siedelt er schon immer seine Malerei an. Der Himmel ist Folie für hintergründigen Humor, als kontinuierliche Überprüfung politischer, sozialer und kultureller Verhältnisse. Koeppel wurde so zum Chronisten Berlins, liebevoll, oft ironisch, manchmal ätzend wie ein Satiriker. Häufig ist er selber im Bild, das Hintergründige seiner Themen hingegen ist nicht selten verschlüsselt. Der Berliner Bus, die Cola-Dose, der Fernseher sind seine Signaturen. Das Werk oszilliert zwischen moderner Historien- und realistisch gebrochener, romantischer Stimmungsmalerei.

Beide Ausstellungen sind nicht zu trennen von der „Schule der Neuen Prächtigkeit“. Koeppel ist der einzige noch lebende Protagonist der 1973 gegründeten besagten Künstlergruppe. Mit den Maler-Freunden Johannes Grützke, Manfred Bluth und Karlheinz Ziegler (alle schon im Künstlerhimmel) mischte Koeppel einst den „guten Geschmack“ des Kunstpublikums im alten West-Berlin auf. Die Gruppe mit ihrem fast dadaistischen Manifest schwamm voll gegen den die Abstraktion verherrlichenden Trend der Zeit. Es waren Provokationen, die diese vier Maler des Realen und Zugespitzten, des Menschen mit all seinen drastischen Körper-und Charaktermerkmalen dem erschrockenen Publikum aufs Auge drückten.

Unterm weit gespannten Koeppel-Himmel über Berlin passiert noch immer Zeitgeschichte. Wieder und wieder konfrontiert der genüssliche Mal-Berserker sein Publikum mit grotesken Figurenszenen, gern zum Polit-Zirkus, und Stadtlandschaften. Auch mit per Selbstauslöser gemachten Schwarz-Weiß-Fotos von seinen Streifzügen.

Es sind Persiflagen, die alten wie die neuen Bilder, ob „Sieben Todsünden“ der Kleinbürger, ob erster Spatenstich auf der Brache Potsdamer Platz von 1995, wo Koeppel die Menschlein naiv darstellt wie einst der malende Zöllner Rousseau. Es ist, als sei er überall dabei gewesen, wo in Berlin Historisches passierte, vom Kalten Krieg über APO bis zum Mauerfall und dem kläglichen Tod der DDR bis zur schleichend-aggressiven Gentrifizierung. Und Schloss-Wiederaufbau. „Wenn ich heute etwas male, ist es morgen schon Geschichte“, sagt Koeppel gern auch mal in seinen „starckdeutschen“ Schüttelreimen.

So ein Geschichts-Kommentar wurde die - wie frei nach Ensor gemalte - gespenstische Maskerade von Occupy vor dem Brandenburger Tor. Alles ist in überrealer, scheinromantischer oder lustig-klassizistischer Manier verballhornt, reflektiert, antizipiert. Und zum Meisterwerk wurde das penible, mit allen Details versehenes Triptychon „Die Öffnung der Berliner Mauer“, 1997. Das Auftragswerk für den Preußischen Landtag hat er derart theatralisch inszeniert, als würde die Mauer gleich nochmal fallen. Koeppel war in der Nacht des 9. November 1989 von einer Party weg und hin zum Welt-Ereignis geeilt, mit dem Skizzenblock. Entstanden ist ein Theatro mundi, eine Inszenierung aus deutscher Romantik, Commedia dell’arte und Comic-Realismus, dass man sich die Augen reibt und wischt.

Unter gewaltigen Wolkengebirgen mit Mond und Sonne – erst düster, dann sich lichtend, schließlich im Morgenrot – spielen sich unten historisch-menschliche Szenen ab: Linkerseits strömt und drängt das Ostvolk in die Freiheit. Ein Uniformierter regelt den Verkehr, damit keine Trabi-Verstopfung droht. Walter Momper mit rotem Schal schreit durch ein Megafon. In der Mitte, unter aufreißendem Himmel, steht Bundeskanzler Kohl mit dem Gesicht zu seinem Einheitsvolk.

Koeppel war und ist ein gern auch boshaft übertreibender Beobachter. Das Absurde, Groteske, das Überzogene, das selbst den abgebrühtesten Kunstgänger irritiert, ist und bleibt die DNA der „Schule der Neuen Prächtigkeit“– als ein Mittel, die Welt zu durchschauen und ein bisschen zu schütteln.

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