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Münzschrank für Max Emanuel von Bayern
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Münzschrank für Max Emanuel von Bayern

Museum für Angewandte Kunst Frankfurt

Prächtige Schatten

Das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt präsentiert die perfekte Möbelkunst des André Charles Boulle. Von Judith von Sternburg

Der geflügelte Goldjunge hat dem massigen, nicht minder goldigen Alten die Sense entwendet. So siegt die Liebe über den Tod. Weil aber die bewaffnete Putte über einer Uhr flattert, wird sie doch auch selbst zum drolligen Bedenke-dass-Du-sterblich-bist. Man könnte nun ebenso gut bedenken, dass nur wenige Jahre nach Entstehen dieses Pariser Prunkstücks Johann Sebastian Bach in Leipzig seine Kantate BWV 95 komponierte (1723). "Ach, schlage doch bald, selge Stunde", drängelt dort der kerngesunde Tenor. So liegen (katholische) Pracht und (protestantische) Inbrunst dicht beieinander in ihrer Unlogik. Sie machen uns den Tod schmackhaft und gerade darum das Leben begehrenswert. Damit man so was Schönes noch lange sehen und hören kann.

Hier, Sie werden es schon gesehen haben, geht es aber ums Sehen. Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst präsentiert eine international bestückte Ausstellung mit Arbeiten des französischen Möbelkünstlers André Charles Boulle (1642-1732). Die französischen Kunsthistoriker Jean Nérée Ronfort und Jean Dominique Augarde haben sie in Zusammenarbeit mit Museumsdirektor Ulrich Schneider vorbereitet. Der Chilene Juan Pablo Molyneux hat weite Teile des schneeweißen Gebäudes dafür mit dunkel gemusterten Tapeten ausgekleidet. In die vetrauten Räume tritt man nun ein wie in einen fremden Palast. Er ist mit 150 Exponaten ausgestattet, nicht nur über die Arbeiten von Boulle soll das Publikum staunen, sondern auch über Nachahmer und Zubehör-Hersteller.

Boulle war nicht der Einzige, aber der Beste. Einen Namen machte er sich zuerst mit Einlegearbeiten (Marketerien) in Blumenmustern. In Frankfurt sieht man, was kein Foto vermittelt: Schattierte Blätter, Vasen, deren Rundung greifbar ist, und doch ist alles flach und Holz an Holz.

Zu Boulles Markenzeichen wurden später Marketerien, die auf Ebenholz so unterschiedliche Materialien wie vergoldete Bronze und Schildpatt einsetzten. Das kostbare Material legte nahe, die ausgeschnittenen Teile weiterzuverwenden. Zu fast jedem Stück, auf dem Metallranken zwischen Schildpatt gelegt ist (Première partie), gibt es ein weniger wertvolles Gegenstück (Contrepartie), auf dem das Schildpatt ins Metall eingefügt wurde: ein Kinderspiel, handwerklich perfektioniert.

Zur grandiosen Flächenbehandlung kommt das skurrile Detail, und sei es der goldene Hummer fürs Barometer des Admirals. Überhaupt stellt eine Vielzahl Apparate vom Schloss aus Kontakt zur Außenwelt her: Zeit- und Wettermessgerät, Kalendarien. Dass kein Quadratzentimeter ungenutzt bleibt, heißt nicht, dass die Gegenstände überladen wirken. Vielmehr zeigt sich, wie gediegen barocke Üppigkeit sein kann.

Mit dreißig Jahren war der Sohn deutschsprachiger Einwanderer - Boulles Vater Jean war noch als Johann Bolt geboren worden - europaweit erfolgreich. Boulles Werkstatt in den noblen Galerien des Louvre und unter dem besonderen Wohlwollen von König Ludwig XIV. lieferte an alle, die es sich leisten konnten. Aus Versailles, St. Petersburg, Stockholm und deutschen Residenzstädten kommen entsprechend die Exponate, manches verschlug es später in die USA.

Bei einem verheerenden Werkstattbrand 1720 wurden weite Teile von Boulles Sammlung zerstört. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Familie wieder aufraffte, gilt den Experten als Zeichen für die immense Funktionstüchtigkeit des Betriebs. Von einer "kollektiven Schöpfung" spricht Mitkurator Ronfort im Katalog. Möbelskizzen, mit dem Ernst von Architekturzeichnungen hergestellt, demonstrieren den Unterschied zwischen Deko und Baukunst. Hierbei handelt es sich unzweifelhaft um Baukunst. Dass der einzige Ausstellungsort der großen Schau nicht in Frankreich liegt, sondern etwas weiter Richtung Mitte Europas gerückt ist, betont den Untertitel "Ein neuer Stil für Europa". Zumal Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy und Bundespräsident Horst Köhler die Schirmherrschaft übernommen haben. Unter den Accessoires für eine mit Boulle-Möbeln eingerichtete europäische Wohnung - das heißt natürlich immer: für einen mit Boulle-Möbeln eingerichteten europäischen Palast - befinden sich auch chinesische Vasen. Nachträglich wurden sie in güldene Barockfassungen gesteckt. Wahrlich war es schon immer europäischer Stil zuzugreifen, wenn etwas gefiel.

Museum für An-gewandte Kunst, Frankfurt: bis 31. Januar, Katalog 49 Euro. www.angewandtekunst-frankfurt.de

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