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Stefan Moses, Schaulustige warten auf den Ausritt der Queen, London, 1962.

Fotografie

Porträtist einer Nation

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Stefan Moses’ fotografische Exkursion in ein „Exotisches Land“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Der Bilderberg, den Stefan Moses hinterließ, zählt 400 000 Negative. Der aus Niederschlesien stammende Fotograf (1928–2018) hat sein konsequent thematisches Lebenswerk tatsächlich „den Deutschen“ gewidmet. Und den Migranten. Ebenso Menschen in Israel, in den Kibbuz-Gemeinschaften, an der Klagemauer in Jerusalem, den Soldatinnen im Jerusalemer Café. Auch den Alltagsszenen in Frankreich, England, Griechenland, Italien, Chile – mit Zeitungsjungen, Schuhputzern, Händlern und Touristen.

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin füllen jetzt Moses’ markante Reportage-Serien der 50er bis 70er Jahre die Wände des oberen Sonderausstellungs-Baus. Die Schau heißt „Das exotische Land“. Ja, exotisch war für ihn dieses Land zwischen Alpen, Nord- und Ostsee, „überall unerforschte Geschichte“, pflegte er zu sagen.

Anhand von rund 200 Fotografien sowie Zeitschriften und Büchern zeichnet diese Werkschau Moses’ Weg vom umtriebigen Bildreporter zu einem der prägendsten Porträtfotografen und Chronisten der Bundesrepublik nach. Etliche Fotos stammen aus der Zeit als Theaterfotograf in Weimar, 1950, wohin es ihn nach Kriegsende verschlagen hatte: VEB-Betriebsversammlung, Straßenszene mit FDJ-Fahnen-Aufmarsch. Und eine Hausversammlung in einem Leipziger Hinterhof: abblätternder Putz, Wäscheleinen, dazwischen die Bewohner, vor ihnen der agitierende Redner. Skeptisch blicken die Hausfrauen auf den Partei-Missionar, der die „sozialistische Hausgemeinschaft“ einforderte.

Moses ging bald darauf in den Westen, nach München, wurde gefragter Fotoreporter des Kindler Verlags, später des Magazins „Stern“, er arbeitete für die Agentur Magnum und die Magazine „Revue“ und „Twen“. Seither erspürte er mit der Kamera die Befindlichkeiten der Menschen im Nachkriegs- und Wirtschaftswunderland, ihrer Arbeit, ihren Alltag, auch ihre Religion.

Stefan Moses, Frauen unter Trockenhauben im Friseursalon, 1960er Jahre.

Vor einem Jahr ist Moses 89-jährig gestorben. Was bleibt, sind, nun an der Museumswand, seine nie effektheischenden, meist mit Kleinbildkamera und auf Schwarz-Weiß-Filmen gebannte, vermeintlich paradoxe Momente von beobachtender Distanz und empathischer Nähe. Es ist nicht zu übersehen, sie alle sind inspiriert von Fotografen-Ikonen wie Irving Penn und Richard Avedon. Auch Moses hätte als „Weltfotograf“ Karriere machen können, zog es aber vor, in Passau, Bonn, Berlin zu fotografieren. Sein Sucher richtete sich auf das Volk und seine Regierenden. Letztere zeigt er mal machtbewusst, mal unter der Last des Amtes leidend. Mit besonderer Ironie registrierte er auch Alltagssituationen, etwa das Motiv dreier Frauen unter Friseurhauben.

Schon nach 1960 stand sein Entschluss fest, eine „Soziologie der Deutschen“ anzulegen. So wurde er zum Porträtisten der Nation. 1962, im Jahr nach dem Mauerbau, begann er, im Westen Berufstätige vor ein graues Filztuch zu stellen und zu porträtieren. Er zog durch Städte und Dörfer, nahm behutsam Leute aller Milieus auf, vom Künstler bis zum Kohlekumpel. Exemplarische Menschenbilder: Frauen und Männer in derben Berufen, vom Wurstmaxe bis zur Arbeiterin in der Fischfabrik, vom Hauer im Schacht bis zum pietätvollen Begräbnisbeamten. Er gab den Porträtierten dieser nach 1990 im Osten wiederholten „Berufstypologie“ nach dem Vorbild August Sanders jene Bedeutung und Würde, die das Individuelle nicht ausspart.

Dieser allürenfreie Meister des Metiers, der in Breslau die Kunst der Fotografie erlernt und als Jude in einem NS-Zwangslager gerade so überlebt hatte, kannte keine Vorurteile. Ihn interessierten Menschen. Er erfasste die angespannte Mimik des Kanzlers Adenauer und den wackligen Gang beim Verlassen eines Bundeswehr-Hubschraubers und die starre Gestik beim Staatsbesuch des US-Präsidenten Eisenhower 1959. Später gelangen Moses unverwechselbare Aufnahmen vom bräsigen Ludwig Erhard in seiner Staatskarosse oder 1983 von Willy Brandt beim Spaziergang in einem Wäldchen, wo der charismatische SPD-Politiker entrückt wirkt.

Moses verstand es ebenso, den vergeistigten Habitus von Intellektuellen wie Theodor W. Adorno und Ernst Bloch oder einer Künstlerin wie der betagten Tilla Durieux in strenges Schwarz-Weiß zu bannen, neben einem alten Baum; das war 1963. Übrigens kam der Wald im Spätwerk noch stärker als gleichsam metaphorisches Motiv hinzu. Zuletzt fotografierte Moses nur noch sehr alte Bäume und sehr alte Gesichter. Aber das wäre dann schon eine nächste Moses-Ausstellung.

Deutsches Historisches Museum, Berlin: bis 12. Mai. www.dhm.de

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