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Pope.L auf dem Frankfurter Römer. Foto: Ian Waelder
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Pope.L auf dem Frankfurter Römer.

Portikus Frankfurt

Pope.L in Frankfurt: „ICH MÖCHTE DIE IGNORANZ PRODUKTIV STÖREN“

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Der US-amerikanische Künstler Pope.L hat in Frankfurt eine absurde Gameshow gedreht. Im E-Mail-Interview erzählt er, was solche Fernsehproduktionen über den Kapitalismus aussagen - in Versalien, damit man es nicht übersieht

Pope.L, Ihre aktuelle Ausstellung im Portikus in Frankfurt trägt den Titel „Misconceptions“, also Missverständnisse. Welche Art von Missverständnissen meinen Sie?

TOLLE FRAGE! MIT DIESEM PROJEKT BEZIEHE ICH MICH AUF GESELLSCHAFTLICHE MISSVERSTÄNDNISSE, DIE MENSCHEN ODER NATIONEN ÜBEREINANDER HABEN KÖNNEN, Z.B. „DIE DEUTSCHEN SIND EIN ÜBERLEGENES VOLK!“, DAS STIMMT NATÜRLICH NICHT, ODER?

Die Ausstellung dokumentiert die Produktion einer Spielshow, die Sie in Frankfurt produziert haben. Inwieweit haben Sie sich bei Ihrer Arbeit an bestehenden Spielshows orientiert?

DAS ERDGESCHOSS DER AUSSTELLUNG DOKUMENTIERT DEN ENTSTEHUNGSPROZESS DER AUSSTELLUNG, ABER DIE DOKUMENTATION IST ABSICHTLICH UNVOLLSTÄNDIG UND FRAGMENTIERT. DER BETRACHTER MUSS IN DIE UNTERE ETAGE DES PORTIKUS HINABSTEIGEN, UM DIE EPISODEN DER SHOW ZU SEHEN. ZWEI LAUFEN BEREITS. DIE DRITTE UND LETZTE EPISODE IST NOCH IN DER BEARBEITUNG. JA, ICH HABE VOR ALLEM AMERIKANISCHE SPIELSHOWS VON DEN SPÄTEN 1940ER JAHREN BIS HEUTE RECHERCHIERT – ICH HABE 30-MINUTEN-QUIZ-SHOWS ANGESEHEN. ICH HABE MIR AUFGABENBASIERTE SHOWS ANGESEHEN, BEI DENEN DIE TEILNEHMER EINE AUFGABE ERFÜLLEN MÜSSEN. ICH HABE MIR LANGE SENDUNGEN WIE „SURVIVOR“ ODER „BIG BROTHER“ ODER „THE BACHELOR“ ANGESEHEN, DIE EINEN MONAT ODER LÄNGER DAUERN.

Die Komponenten Ihrer Spielshow scheinen in höchstem Maße absurd zu sein. Geht es auch darum, was Menschen sich in einer Wettbewerbssituation erlauben?

ABSURD IST WAHRSCHEINLICH EINE GUTE BESCHREIBUNG FÜR DIE SHOW – ALBERN, KÖRPERLICH, LAUT UND DUNKEL WÄREN WEITERE GUTE BESCHREIBUNGEN! IN DER SHOW GEHT ES UM UNWISSENHEIT – WIE WIR UNSERE UNVOLLKOMMENEN WERTE, GESETZE UND LEBENSSTILE NUTZEN, UM DIE WELT ZU VERSTEHEN. SPIELSHOWS MACHEN DEN KAPITALISMUS UNTERHALTSAMER UND DEUTLICHER SICHTBAR.

In „Misconceptions“ geht es unter anderem um kulturelle Vorurteile. Glauben Sie, dass Sie die Menschen durch Absurdität dafür sensibilisieren können?

NUN, ICH PERSÖNLICH KANN NIEMANDEN ZWINGEN, ETWAS ZU TUN. WENN ICH KÖNNTE, WÜRDE ICH SIE DAZU BRINGEN, FREUNDLICHER ZUEINANDER ZU SEIN UND MEHR MEINER KUNSTWERKE ZU KAUFEN. ICH MÖCHTE, DASS DIE AUSSTELLUNG IN DAS LEBEN DERJENIGEN EINDRINGT, DIE SIE AUF INTERESSANTE WEISE ERLEBEN, HOFFENTLICH AUF EINE WEISE, DIE IHRE IGNORANZ PRODUKTIV STÖRT.

Die Kandidaten und Kandidatinnen haben unter anderem die Aufgabe, in der Innenstadt zu betteln. Die existenzielle Not wird hier zu einem perfiden Spaßfaktor. Ist das etwas, was Sie in der Unterhaltungsbranche beobachten? Oder in der Gesellschaft im Allgemeinen?

INTERESSANTE FORMULIERUNG HIER „EXISTENZIELLE NOT WIRD ZUM PERFIDEN SPASSFAKTOR“. WOW. ICH WEISS NICHT, WAS ICH DAZU SAGEN SOLL. ICH WÜRDE EINFACH ANTWORTEN, DASS MAN, WENN MAN IN DER ÖFFENTLICHKEIT BETTELT, AUCH WENN DAS BETTELN VORGETÄUSCHT IST, AUCH WENN DIE NOT VORGETÄUSCHT IST, ETWAS VON SICH ZEIGT, ETWAS VON SICH PREISGIBT, DAS MAN NORMALERWEISE VERBORGEN HÄLT.

Als Trostpreis gibt es eine Dose mit der Aufschrift „Kanake“ – was hat es damit auf sich?

Zur Person

Pope.L ist ein US-amerikanischer Künstler, der vor allem für seine Performance und interventionistische Public-Art bekannt ist. Geboren wurde er als William Pope.L 1955 in Newark, New Jersey. Mit seinen Arbeiten wirft er provokante Fragen zu einer von sozialen, rassistischen und wirtschaftlichen Konflikten zerrissenen Kultur auf. Sein Werk, das sich einer einfachen Kategorisierung entzieht, umfasst Theateraufführungen, Straßenaktionen, Sprache, Malerei, Zeichnungen, Video, Installation und Skulptur.

Die Ausstellung „Misconceptions“ ist noch bis zum 21. November im Portikus in Frankfurt zu sehen. www.portikus.de

SOWEIT ICH WEISS, IST „KANAKE“, WIE DIE MEISTEN DEUTSCHEN VERMUTLICH WISSEN, EIN ABWERTENDES WORT FÜR MENSCHEN AUS DER TÜRKEI ODER DEM NAHEN OSTEN ODER AUCH NUR FÜR MENSCHEN MIT EINER ANDEREN HAUTFARBE. MEIN INTERESSE WAR ES, AUS EINER ABFÄLLIGEN BEZEICHNUNG EIN PRODUKT, EIN GESCHENK ZU MACHEN.

Inwieweit ist die Arbeit auf Frankfurt zugeschnitten? Hätte sie in den USA auch funktioniert?

DIE ARBEIT IST AUF PREKÄRE WEISE ZWISCHEN DEN USA UND DEUTSCHLAND ANGESIEDELT – ICH HABE DAS UNGUTE GEFÜHL, DASS SIE, WEIL DER MACHER DER AUSSTELLUNG EIN AMERIKANER IST, WAHRSCHEINLICH MEHR ÜBER DIE USA ALS ÜBER DEUTSCHLAND AUSSAGT, ABER DEUTSCHLAND ERHÄLT EINE INTERESSANTE AUFMERKSAMKEIT, DIE MAN NICHT SO EINFACH BEISEITE SCHIEBEN KANN. AUSSERDEM WURDE EIN GROSSER TEIL DER SHOW IN FRANKFURT, IN DEUTSCHLAND, IN ZUSAMMENARBEIT MIT DEUTSCHEN BÜRGERINNEN UND BÜRGERN ERSTELLT. IN DEN USA HÄTTE ICH DAS NICHT MACHEN KÖNNEN.

Ich nehme an, Sie sind für Ihre Recherchen viel in der Stadt unterwegs gewesen. Was ist Ihnen dabei aufgefallen?

ICH HABE EINE SEHR COOLE STADT GESEHEN, VOLL VON KOMPLEXEM LEBEN UND DEN GERÄUSCHEN UND ANBLICKEN DERER, DIE DORT LEBEN. ICH HABE BETTELN GESEHEN, ICH HABE PROSTITUTION UND DROGEN GESEHEN. ICH HABE DAS OPERNHAUS GESEHEN UND DIE SKATEBOARD-KIDS, DIE DIREKT GEGENÜBER DROGEN RAUCHEN. ICH SAH ELTERN MIT IHREN KINDERN. ICH SAH DIE FLAGGEN AUF DEM RATHAUS IN DER NEUEN ALTSTADT WEHEN.

1978 sind Sie in einem Büroanzug und mit einer Topfpflanze in der Hand über den Times Square in New York gekrochen. 2017 haben Sie verschmutztes Trinkwasser in Flaschen verkauft, um auf eine öffentliche Gesundheitskrise aufmerksam zu machen. Ihre Arbeit erzeugt eine merkwürdige Mischung aus Faszination, Schock und plötzlicher Erkenntnis. Ist es das, was Sie auslösen wollen?

DAS IST EINE SEHR BESCHÄMENDE FRAGE. ICH DACHTE IMMER, ICH WÜSSTE, WIE MEINE ARBEIT FUNKTIONIERT UND WAS ICH MIT IHR ERREICHEN WILL. JETZT ÜBERLEBE ICH MIT KNAPPER NOT IN MEINER UNWISSENHEIT UND GEBE EINFACH ZU, DASS MEINE ARBEIT IM LAUFE DER JAHRE IRGENDWIE AN MEINEM BEGRENZTEN VERSTÄNDNIS VORBEIGESCHLITTERT IST UND AUF EINE WEISE FUNKTIONIERT, DIE ICH NICHT IMMER NACHVOLLZIEHEN KANN.

Humor scheint in Ihrer Arbeit sehr wichtig zu sein. Sind Sie ein lustiger Mensch?

ALS KIND WAR ICH OFT EIN TRAURIGER MENSCH, ALSO WÜRDE ICH SAGEN, DASS ICH DURCHAUS LUSTIG SEIN KANN. HUMOR IST EIN RÄTSELHAFTES GEFÜHL, WENN EIN RÄTSEL ALS GLUCKSEN, LACHEN, ZUCKEN ODER GRIMASSIEREN VERSTANDEN WIRD.

Ihre Kunst hat viel mit Aktivismus zu tun. Hat Kunst Ihrer Ansicht nach die Aufgabe, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern?

SICHER, WARUM NICHT, ES IST DOCH EINE GUTE SACHE, WENN MAN DAS TUN WILL, ODER?

Interview: Sandra Danicke

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