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Pissarro-Gemälde: Eine Restitution, ein Gewinn

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Von: Ingeborg Ruthe

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Camille Pissarro, „Une Place à la Roche-Guyon“. SMB/Alte Nationalgalerie/J. Anders
Camille Pissarro, „Une Place à la Roche-Guyon“. SMB/Alte Nationalgalerie/J. Anders © Staatliche Museen Berlin - Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz Foto: J.P.Anders

Pissarro-Gemälde wurde an Jüdische Erben zurückgegeben und sofort für die Alte Nationalgalerie angekauft

Es ist eine Wiedergutmachung im einvernehmlichen Fair-Play-Stil: Am vergangenen Montag bekamen die aus Paris nach Berlin angereisten Nachfahren des jüdischen Kunstsammlers Armand Dorville (1875-1941) das Gemälde „Une Place à la Roche-Guyon“, gemalt vom Früh-Impressionisten Camille Pissarro, zurück. Zugleich kaufte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz das Werk für die Alte Nationalgalerie von den Erben zurück. Die Kaufsumme bleibt ungenannt. Bereits 1961 hatte die Alte Nationalgalerie das Bild in Unkenntnis der wahren Besitzlage von der Londoner Kunsthandlung Tooth & Sons erworben.

Das Motiv zeigt aufeinander zulaufende Häuserzeilen am Rathausplatz von Roche-Guyon, einem Ort an der Seine nördlich von Paris. Zu sehen sind drei Figuren, nur als Staffagen; markant ist die kühn ausgeführte Begrenzung durch die schmale Giebelwand rechts, in den damals Pissarro-typischen Braun-, Beige- und Grautönen. Er malte die Szene 1867 bei einem Pleinair, an dem damals sein Freund Paul Guillemet und auch Paul Cézanne teilnahmen.

Diese Restitution ist ein Musterbeispiel in der bislang endlosen NS-Raubkunst-Reihe: Unrecht wird beendet, und das betroffene Museum hat keinen ideellen Verlust. Ralph Gleis, Leiter der Alten Nationalgalerie, sagte denn auch zum denkwürdigen Anlass: „Dieses Gemälde Pissarros ist für unsere Sammlung von großer Bedeutung, markiert es doch einen wichtigen Schritt hin zur impressionistischen Kunst, die einen Kernbestand der Alten Nationalgalerie ausmacht.“ Camille Pissarro war einer der ältesten Impressionisten, er gilt als Vorreiter der Lichtmalerei. „Une Place à la Roche-Guyon“ war seit 60 Jahren wechselweise im Impressionisten-Saal des Museums wie auch im Raum zur Entwicklung der Pleinair Malerei zu sehen, zusammen mit der Schule von Barbizon.

Der Anwalt Armand Dorville hatte das Bild im Jahr 1928 in Paris, wohl direkt aus dem auf den Kunstmarkt gekommenen Pissarro-Nachlass gekauft. Nach der deutschen Besetzung von Paris floh er 1940 in die Dordogne. Einen Teil seiner Sammlung konnte er mitnehmen. Nur ein Jahr später starb er. Der kinderlose Sammler hatte als Erben und Erbinnen seine Geschwister und Nichten eingesetzt. Auch sie waren unter dem Vichy-Regime als Juden verfolgt. In der Not gaben sie die Bilder aus dem Nachlass an Auktionshäuser.

Geld wurde hinterlegt

Im Juni 1942 kam der Rest der Sammlung Dorville beim Auktionshaus M. Terris in Nizza unter den Hammer. Darunter auch „Une Place à la Roche-Guyon“. Wer es damals ersteigerte, ist nicht bekannt. Überliefert ist jedoch, dass der Zwangsverwalter erreichte, dass der Erlös der Familie zukommen sollte. Dies wurde im Juli 1943 vom Commissariat Général unter der Auflage bewilligt, dass die Summe in Schatzanleihen oder als Jahresrente ausgezahlt würde. Das Geld wurde auf privaten Konten hinterlegt.

Doch weder hatten erbinnen und Erben Zugriff, noch erfolgten die bewilligten Auszahlungen. Mehrere Familienmitglieder wurden von der Gestapo deportiert und 1944 in Auschwitz ermordet. An diesen schlimmen Hintergrund sollten wir denken, wenn wir vor Pissarros beschaulichem Bild stehen.

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