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Museum Berggruen in Berlin

Picasso und die „Frauen von Algier“: Ein Manifest und seine Facetten

  • VonIngeborg Ruthe
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Im Berliner Museum Berggruen werden die weltweit verstreuten Variationen zu einem Exkurs über die Malerei der Moderne.

Kunst kommt von Kunst. Von sich selbst überzeugte „Neuerer“ werden den Spruch hassen. Nur hätte das wohl nicht einmal ein Avantgardist wie Picasso bestritten. Gerade er wusste doch: Wenn es eine – legale - Konstante in der Kunstgeschichte gibt, dann die Aneignung. Oder die Paraphrase.

Pablo Picasso(1881-1973) hatte sich im Pariser Louvre wieder und wieder in Eugène Delacroixs „Die Frauen von Algier“ vertieft, diese geheimnisvoll-dunkle, firnisverschleierte Harems-Szene, in zwei Versionen für den Pariser Salon gemalt nach heimlichen, weil streng verbotenen, Skizzen beim Algier-Aufenthalt 1832. Picasso war wie elektrisiert, die „Aneignung“ musste sein! In den drei Wintermonaten 1954/55 malte der Spanier 15 penibel datierte Harems-Varianten in Öl, dazu kamen 100 Zeichnungen und Druckgrafiken. In denen variierte er die Anordnung der Altmeister-Figuren bis zur anatomischen Überdehnung.

Allerdings hat Picasso die delikat-verschwiegene Stille des Serails aufgebrochen. Die meisten Motive sind farbleuchtende Moderne-Statements, die Konturen und Pinselschwünge sinnlich weiche Kurven oder aber scharfe Kanten und monochrome Töne.

Diese Formen-Fülle, dazu die mannigfachen Verweise auf die Kunstgeschichte, machen den Zyklus zu einem der größten Manifeste über die Möglichkeiten von Malerei. Zuletzt war das epochale Bildwerk vor 65 Jahren in München, Köln und Hamburg zu sehen. Es nun, im Jahr 2021, unter (schwindenden) Pandemie-Bedingungen und beinahe komplett aus Sammlungen in der ganzen Welt im Berliner Museum Berggruen zu vereinen, darf getrost als Sensation gewertet werden.

Die Gemälde und dazugehörigen Skizzen sind heute kaum mehr zu haben, geschweige denn bezahlbar. Picasso-Galerist Daniel-Henry Kahnweiler wollte die Serie eigentlich nur en bloc verkaufen. Das ist nicht gelungen, zu hoch war der Preis.

2015 legte ein anonymer Sammler bei einer Auktion in New York für eine Tafel aus dem „Femmes d’Alger“- Zyklus 179,4 Millionen Dollar hin. Dafür bekam er „Version O“, gemalt am 14. Februar 1955 – das letzte Motiv. Es zeigt eine spannende Konfrontation der links am Delacroix-Vorbild angelehnten realistischen und rechts beinah origamihaft gefalteten, fast dekonstruierten Frauenkörper. Die aufrecht sitzende Figur links trägt orientalische Tracht und die Gesichtszüge Jacquelines, Picassos neuer Gefährtin und späterer Ehefrau. Und zwischen den formalen Gegensätzen zitierte der Maler auf einem Spiegel auch noch Version A vom 13. Dezember 1954: eine turmartige Gestalt mit Heiligenschein

Drei Etagen des Charlottenburger Nationalgalerie-Hauses sind dem Werdegang, den Höhepunkten und sogar den Nachwirkungen dieses Weltkunst-Erbes gewidmet, flankiert von einigen Odalisken des Picasso-Freundes Henri Matisse. Picasso gab die Inspiration durch Delacroix und Matisse, dessen Odalisken er als sein Erbe empfand, weiter: Den oberen Rundgang nämlich beschließen zeitgenössische Gemälde und Fotos von jungen Künstlerinnen und Künstlern aus Algerien. In ihren originellen und kontraststarken Motiven setzen sie das Thema der „Femmes d’Alger“ bis in unsere Gegenwart fort.

Den Prolog bilden das Delacroix-Motiv, eine Leihgabe aus Montpellier, und eine zarte Farbzeichnung zweier sitzender Araberinnen; das Blatt lieh der Louvre. Das Pariser Haus steuerte auch noch eine „Femmes d’Alger“-Aneignung Henri Fantin-Latours von 1875 bei. Es muss Picasso ebenfalls beeindruckt haben, denn die Rosette im Haar einer der Harems-Damen taucht bei ihm wieder auf.

Zudem ist das Museum Berggruen das einzige öffentliche Museum in Europa, das dauerhaft ein Gemälde der Serie zeigt: Die zwölfte Tafel, kurz „Version L“, genannt, bildet den Bezugspunkt der Schau mit lauter weitgereisten Leihgaben. Der in Berlin geborene, als Jude von den Nazis ins Exil getriebene Kunsthändler, Sammler, Picasso-Vertraute und Museumsgründer Heinz Berggruen (1914–2007) hatte mit dem monochromen Bild einst einen besonderen Kauf gemacht: Es handelt sich um eine der drei abstrakten, zugleich madonnenartigen „Pyramidenfrauen“ in der Serie: gemalt nur in Grautönen und Kuben, die an die Zusammenarbeit mit Braque um 1910 erinnern, wo es um die Aufsplittung der Form in einzelne Facetten ging.

Die Ausstellung, kuratiert von Gabriel Montua und Anna Wegenschimmel, ist von den Vorbildern bis zum Saal mit letzten Versionen N – noch ganz kubistisch – und der die Kontraste synthetisierenden, ultimativen Variante O so aufgebaut, als würde man Picasso über die Schulter schauen. So wird einem klar, dass es ihm nicht um die Exotik des Orientalischen ging, sondern um das – kühne und innovative – Spiel mit der Anatomie seiner Figuren.

Nationalgalerie Berlin, Museum Berggruen: bis 8. August. Der Katalog (Hirmer) kostet im Museum 39,90 Euro. Derzeit ist für den Besuch ein Zeitfenster erforderlich, aber kein Negativtest mehr. www.smb.museum/tickets, Karte gilt auch für das Museum Scharf-Gerstenberg gegenüber.

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