Ägyptische Doppelstatue des Nefer-hor und seiner Frau, um 1292 - 1070 v.u.Z.
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Ägyptische Doppelstatue des Nefer-hor und seiner Frau, um 1292 - 1070 v.u.Z.

Ausstellung

Pferdetrense neben Pferdetrense

  • Arno Widmann
    vonArno Widmann
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"China und Ägypten": Erstmals in der Museumsgeschichte bemüht sich das Neue Museum Berlin um einen direkten Vergleich der Kunstschätze aus den "Wiegen der Welt".

So etwas wie diese Ausstellung hat es noch nie gegeben. Ein direkter Vergleich zwischen Artefakten des alten Ägyptens und des alten China. Die ägyptischen Bestände stammen alle aus den Sammlungen des Berliner Ägyptischen Museums und der Papyrussammlung. Die chinesischen mehrheitlich aus dem Shanghai-Museum. Als die ersten Gespräche für eine Ausstellung stattfanden, war bald klar, dass das Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin-Dahlem 2017 nicht mehr für eine Ausstellung chinesischer Arbeiten aus dem Museum in Shanghai zur Verfügung stehen würde. Eine China-Ausstellung im Neuen Museum Berlin wäre dort aber ein Fremdkörper gewesen. So kam man auf die Idee einer Ausstellung „China und Ägypten – Wiegen der Welt“.

So wurde aus einem Unglück ein Glück. Friederike Seyfried, die Chefin des Ägyptischen Museums, erklärte, die Ausstellung sei kulturanthropologisch orientiert und gehe der Frage nach, wie verschiedene Kulturen, die nie miteinander Kontakt hatten, auf ähnliche Herausforderungen mal ähnlich, mal unähnlich reagierten. Der Chef des Shanghai-Museums, Yang Zhigang, dagegen sagte, man könne in der Ausstellung die Gemeinsamkeiten der Menschheit und den Stand der damaligen Globalisierung verfolgen. Beides stimmt und beides stimmt nicht. Die Ausstellung verzichtet weitgehend auf eine chronologische Gegenüberstellung. Die Frage „wer war zuerst da?“ lässt sich in der Ausstellung nicht beantworten. Die Texte sagen oft etwas anderes als die Exponate.

Zum Beispiel heißt es, China habe Streitwagen lange vor Ägypten gekannt. Es gibt kein Exponat, das das belegt. Die eigentliche Botschaft bei den Streitwagen ist ja doch wohl die: Sie wurden in beide Länder von zentralasiatischen Kriegern importiert. Sehr schön liegen eine chinesische und eine ägyptische Pferdetrense nebeneinander. Sie sind einander zum Verwechseln ähnlich. Die chinesische entstand wohl um 700 v. u. Z., die ägyptische 1200 v. u. Z. Sie sind einander nicht so ähnlich, weil sie beide für denselben Zweck entwickelt wurden, sie gehen vielmehr beide auf innerasiatische Vorbilder zurück.

Da die Ausstellung nicht als Versuch entstand, parallele Erscheinungen zu analysieren, wird ihnen auch nicht wirklich nachgegangen. Die Besessenheit, mit der auf chinesischer Seite von der Autonomie Chinas ausgegangen wird, macht es wohl unmöglich, den entzückenden Tonfiguren der westlichen Han-Dynastie zum Beispiel griechische Tanagra-Figürchen, die es um 200 v. u. Z. im gesamten hellenistischen Kulturraum gab – in Alexandria wurden sie auch hergestellt – zur Seite zu stellen.

Noch unverständlicher ist die Präsentation einer Stele, die einen Syrer zeigt, der mit einem langen Rohr aus einem Weinkrug trinkt. Es ist eine ägyptische Arbeit von 1351 v. u. Z. Der Mann hat einen Namen, er wird dargestellt. Gibt es zu dieser Zeit eine vergleichbare Individualisierung in China? Ab wann gibt es die? Wo und warum? Hängt sie auch mit dem Jenseitsglauben zusammen? Mit der Vorstellung eines individuellen Weiterlebens? Das zu wissen wäre interessant. Auch es nicht zu wissen, ist erst möglich, wenn man sich diese Frage stellt. Das tut die Ausstellung aber dezidiert nicht.

Ich habe den Eindruck, man hat die Dinge, die aus China kamen, mit Stücken der eigenen Sammlung flankiert. Den von Frau Seyfried angesprochenen kulturanthropologischen Fragestellungen stellt man sich an keiner Stelle. Das Prunkstück der Ausstellung, das Totengewand aus Jade aus dem Xuzhou-Museum, entstanden wohl im zweiten Jahrhundert v. u. Z., ist eine der großen Kostbarkeiten der Menschheitsgeschichte, aber es zu konfrontieren mit der Mumienhülle der Nes-Chons-Pa-Chere aus dem 8. Jahrhundert v. u. Z., trägt wenig bei zu einer Erhellung der Geschichte des Umgangs mit den Toten in den beiden Kulturen.

Bei der Geschichte der Schrift wird Wert auf die Feststellung gelegt, es gebe in China Zeichen aus der Zeit 6600 v. u. Z., die so etwas wie eine Protoschrift darstellten. Allerdings käme es danach zu einem Abbruch der Überlieferung. Die ersten zusammenhängenden Schriftzeugnisse stammten aus der Zeit um 1200 v. u. Z. Aus Ägypten sind uns lange Texte schon seit 2700 v. u. Z. überliefert. In der Ausstellung selbst ist ein Relief des Nefer-Hotep zu sehen aus dem 14. Jahrhundert v. u. Z., das ein Gebet an den Sonnengott überliefert. Der Besucher sieht sich um nach etwas Ähnlichem aus China. Er findet es nicht. Er findet nicht einmal eine Auskunft darüber, ob es ähnliche literarische Texte damals in China gab oder nicht. Geschweige denn, dass auf die Frage der Bedeutung der Schriftlichkeit von Literatur in einer „Wiege der Welt“ eingegangen würde.

Wir freuen uns, dass die Schließung der Dahlemer Museen, dass die Eröffnung des Humboldt-Forums die prinzipiellen Fragen nach dem Zustandekommen von Schriftlichkeit, von Individualität, von Abbildähnlichkeit für die Herausbildung von Hochkulturen endlich auch einmal im Kulturvergleich aufwirft, wir verstehen aber nicht, wie man die Chance, sich diesen Fragen zu stellen, so vergeigen kann.

Der letzte Abschnitt der Ausstellung ist den Themen „Herrschaft und Verwaltung“ gewidmet. Es gibt darüber so viel Material sowohl aus der ägyptischen als auch aus der chinesischen Geschichte, dass man nicht begreift, wie man sich, was China angeht, im Wesentlichen auf eine Reihe von Essens- und Weihegefäße beschränken konnte.

Ich bin gespannt auf den Katalog. Von ihm erwarte ich Aufklärung. Ich ersehne ihn. Er soll allerdings erst Ende August erscheinen

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