Peter Ugelheimer und die Kunst der Buchmalerei im Venedig der Renaissance.
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Peter Ugelheimer und die Kunst der Buchmalerei im Venedig der Renaissance.

Buchdruck

Der Peter, der Unternehmer Ugelheimer, und das Pergament

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Wie man sich im Venedig der Frühen Neuzeit auf die Kunst des Büchermachens verstand, veranschaulicht jetzt Frankfurts Dommuseum.

Mit einem Male macht das Buch mobil. Denn kaum ist der Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden, kommt eine bisher unbekannte Bewegung in die mittelalterliche Kultur, deren A und O eine Buchkultur war. Der fortan maschinelle Buchdruck macht bisheriger Behäbigkeit Beine. Auch das illustriert jetzt eine Ausstellung in Frankfurts Dommuseum, und wahrhaftig, sie illuminiert ihr Thema auch.

Lange schon inspirierte das Buch das Bewusstsein einer Elite, jetzt, am Ausgang des Mittelalters, inspirierte das serielle Buch den Geschäftssinn. Es machte agil. Bei Peter Ugelheimer, der aus Frankfurt stammte und den das Büchermachen nach Venedig aufbrechen ließ, kamen Bücherbewusstsein und Unternehmergeist in einer Person zusammen. Soll man von einem Synergieeffekt sprechen (kann man sich, wo der Synergieeffekt eine dermaßen schillernde Vokabel ist, so etwas noch erlauben)? Jedenfalls ist nicht von der Hand zu weisen, dass dem Kaufmann der Sinn nach Bibliophilie stand. Wer durch diese Ausstellung unterwegs ist, tut es aber auch mit Blick auf eine Medienrevolution. Denn die beweglichen Lettern wurden zum Impuls bewegter Verhältnisse.

In eine solche Zeit hineingeboren wurde Peter Ugelheimer 1442, vielleicht auch 1446. Es gibt keine Taufurkunde, wohl aber ist der Immobilienbesitz der Ugel-heimers in Frankfurt in die Bücher der spätmittelalterlichen Stadt eingegangen, das Eigentum in der Fahrgasse dokumentiert, wobei es nicht nur beim „Haus zum Ochsen“ blieb. Der Geschäftssinn des „Wohlgeborenen“, dessen Großmutter die reichste Frau in der wohlhabenden Stadt war, stand nach Zugewinn. Schon Mitte der 1470er orientierte sich der etwa Dreißigjährige Richtung Venedig, erste Fühler streckte er dorthin aus mit Spezereien. Ein venezianisches Rechnungsbuch sagt dem Besucher, was das heißt. Es listet Amber und Arsenik auf, Weihrauch und Opium, Gewürze, Farben und Früchte. Schon das macht aus dem kunsthistorischen Parcours ein erweitertes Panorama.

In der Serenissima einmal angekommen, konnte Peter Ugel-heimer in der Fremde und Ferne bald schon Fuß fassen, weil ihm die Metropole entgegenkam. Zur Veranschaulichung hat Kurator Christoph Winterer den monumentalen Holzschnitt Erhard Reuchwichs gewählt, der 1486 keine stilisierte Venedigansicht schuf, vielmehr eine Vedute nach der Wirklichkeit, die erste gedruckte Stadtansicht. Für seinen Holzschnitt bestieg der Niederländer den Campanile von San Giorgio Maggiore, um die Metropole „abzukonterfeien“, im Vordergrund die Lagune, mit Handels- und Kriegsschiffen, mit Gondeln und Galeeren. Auf den beiden Säulen, vorm Markusplatz, die Kriegstrophäen der Seestreitmacht, rechter Hand der Dogenpalast, gegenüber der Campanile – und über allem gotischen Gewürfel mit seinen herausragenden Kirchtürmen, im Hintergrund, hinweg auch über eine liebliche Terra ferra, sich aufgipfelnde Berge, die Alpen.

Vibrierendes Venedig. Attraktiv war die Großstadt auch für den Emigranten Ugelheimer, für die Metropole gab er 1481 sein Frankfurter Bürgerrecht auf. Die Weltstadt zog die Vielfalt an, Fachkräfte aus dem Ausland, Handwerker, Gewerbetreibende und Gelehrte, Künstler und Kaufleute – diese auch in einer Person. Der intellektuelle Input war enorm, die Produkte der hochgradig begabten Spezialisten waren mit Händen zu greifen. Venedig entwickelte sich ebenfalls zu einem Zentrum der Renaissance, rund vier Jahrzehnte nach der Geburt der Renaissance in Italien, in Florenz, wanderten die Kenntnisse vor allem aus Ferrara und Padua ein.

Es war ein Hin und Her an Austausch – auch weil der Kaufmann Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, seit 1450 mit die Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern experimentiert hatte. Seit der erfolgreichen Erfindung wurde die Bücherproduktion beschleunigt. Was in Mainz geschah, gar nicht weit entfernt von Frankfurt, sollte sich auch hier bald rasch zeigen, bereits 1454 auf dem Reichstag, anschließend auf den jährlich zwei Messen in der Stadt, wofür der Nachbau einer Gutenbergpresse steht. Und die steht nicht nur. Sie wird hier, in dieser Schau, hin und wieder bedient von einem Spezialisten. Bewegung, einmal mehr.

Für die traditionellen Buchhersteller nahm die Bücherproduktion ein aberwitziges Tempo an. In Venedig war 1469 einem Johannes de Spira, Johannes aus Speyer, das Privileg des Buchdruckens zuerkannt worden, weil er jedoch bereits nach einem Jahr starb, ging das Recht auf viele Hände über. Auch für den Start-up-Unternehmer Ugelheimer galt es, keine Zeit mehr mit Abschriften zu vertrödeln. Fein säuberlich wurde allerdings weiterhin das Original gestaltet, Seite für Seite. Im Dommuseum eine Inkunabel aus Ferrara, bekannt für seinen Weißrankenstil. Aber der war ein Auslaufmodell – im Gegensatz zu den Fertigkeiten aus Padua. Ein hochraffinierter Illusionismus, gesehen mit den Augen der Renaissance, angefangen mit der Zentralperspektive. Mit ihr entstanden bühnenartige Innenräume, bizarre Naturräume. Trompe-l’oeil-Effekte zogen auch ins Buchformat ein. Ein Reichtum an Finessen, der in den Händen von Könnern lag, bevor die Vervielfältigung dem Schraubstock der Presse anvertraut wurde, ob Bibel oder Brevier, so hier zu sehen, beides Schätze aus dem Besitz des Peter Ugelheimer, beides herrliche Leihgaben.

Einer hatte maßgeblichen Anteil, Andrea Mantegna (1431–1506). Die Leihgabe einer Zeichnung aus dem Städel, fünf Miniaturen von großer Plastizität, macht die Könnerschaft des Künstlers aus Padua filigran anschaulich. Zusammen mit dem Franzosen Nicolas Jenson (um 1420–1480), einem Meister seines Fachs, arbeitete Ugelheimer für einen zunehmend größeren Markt in Oberitalien, ihr Druckkonsortium spuckte einen Hybrid aus, verband sich doch „industrielle Buchproduktion und traditionelle Kunst in eklatanter Weise“, sagt der Katalog. Der Unternehmer Ugelheimer brachte es in beiden Metiers zur Perfektion.

Was die Sache selbst, das gute Buch im Zuge der gärenden Medienrevolution so schön machte, waren Initial oder Rahmenbordüre, war die Anordnung der Spalten, vor allem aber arbeiteten die Buchmaler mit einem weiteren Seheffekt. Die aufgeschlagene Buchseite führen vor Augen, wie sich durch die Miniaturen eine Szene öffnet, gesehen wie durch ein Fenster oder eine Tür. Auch gilt der Fokus der Ausstellung prachtvollen Einbänden, denn sie entstanden nach orientalischen Vorbildern. Der aus Frankfurt stammende Bücherfreund entwickelte eine Vorliebe für Bucheinbände, wie sie die Mameluken und Perser vorgemacht hatten.

Überhaupt galt für das Ugel-heimerunternehmen: Ein Buch, einmal fertig, war durch viele Hände von Hinzugezogenen gegangen, die in der Vielvölkermetropole Venedig eine Bleibe gefunden hatten – und allein dieser Gedanke weist hin auf eine Gegenwart, auf Parallelen zur Gegenwart, die sich nicht nur auf die Aspekte einer Medienrevolution beschränken, sondern die sozialen und kulturellen Dimensionen von Migration in einem unruhigen Europa umfassen, am Beginn der Neuzeit.

Das Besondere und das Allgemeine, Inkunabel und Massenprodukt. Das Einmalige wanderte in das Normale ein – diese Migration stand im Zeichen einer Bereicherung. Peter Ugelheimer profitierte von den glänzenden Verbindungen der Jenson-Gesellschaft, ob nach Verona oder Mailand, und nicht nur in die Lombardei, sondern bis in die Toskana. Zudem belegt sie die weiterhin gepflegten Beziehungen nach Frankfurt, zum Bruder Johann, der als Kanoniker an St. Bartholomäus tätig war und Bücher, anders als Bruder Peter, mit spitzer Feder las – seine theologische Literatur versah er mit Marginalien, notierte Vokabeln zwischen den Zeilen. So hinterließ er mit seiner Handschrift Spuren eben dort, wo er sich um 1480 bewegte, im Kreuzgang von St. Bartholomäus, unter Kreuzgewölben, vorbei an gotischen Maßwerkfenstern.

1469, als Peter seine erste illuminierte Inkunabel erwarb, eben dieses Prachtexemplar der „Historia naturalis“ von Plinius unter Glas, war er der Bevollmächtigte einer Handelsgesellschaft und noch nicht als Buchhändler unterwegs. Der Plutarch, den er sich zulegte, war ein 1478 von Jenson nicht mehr in der gotischen Rotunda, sondern in der Antiqua gedruckter Klassiker – und ein Klassiker wird auch die neue Schrift. Auch das ein Auftakt, der sich in dieser Schau dem staunenden Augen zeigt.

Die Inkunabeln waren ohne Ausnahmen auf Pergament gedruckte Kostbarkeiten – auch kostengünstigere aus Papier hätte er sich zulegen können. Bereits 1475 kaufte der Frankfurter zwei Inkunabeln, er muss sich um diese Zeit bereits länger in Venedig aufgehalten haben. In den nur sechs bis sieben Jahren, in denen er von 1481 an die Weltstadt bis zu seinem Tod zur Wahlheimat machte, setzte er seinen Namen als Verleger durch. Neben Exemplaren der Bibel Gesetzestexte, die weltliche Literatur ist in der Mehrzahl im Dommuseum, für die Kostbarkeiten wurde bereits fleißig geworben, das Sortiment umfasste bald 200 Titel.

Erhalten ist das Testament, das am 6. Dezember 1487 in Mailand entstand, der Unternehmer Ugelheimer hielt sich also ein weiteres Mal in der Ferne auf, ein letztes Mal. Wenn er seine Frau in seinem letzten Willen als „meine hochgeliebte Frau“ bedachte, so ist das bemerkenswert, denn üblich war ja, dass der Mann die Witwe allenfalls als Dienerin oder Magd gelten ließ. Margarete, geborene Molle, vertrat das Erbe wahrhaftig nicht vom Herd aus, sondern als Kaufmannsfrau, als Kauffrau. Als Universalerbin verwaltete sie den Privatbesitz, auch gab es einiges zu  prozessieren. „Die Forschung“, so heißt es in dem facettenreichen Ugelheimer-Katalog im Hirmer Verlag, sieht Margarete Ugelheimer als eine „treibende Kraft“. Eine Unterschrift Margaretes, kurz vor ihrem Tod im Jahr 1500, findet sich auf einem Vertrag zum Druck der Briefe der kultisch verehrten, der mystisch verklärten Katharina von Siena.

Zum Abschluss ein Exemplar der Briefe, Stuttgart 1500. Zudem wird mit einem Exemplar der „Divinia Comedia“ aus der Druckerpresse von Aldus Manutius bestritten, keiner Miniatur, sondern einem Exemplar im Oktavformat – unserm Taschenbuchvorläufer. Mit dem Exemplar der „Göttlichen Komödie“ kündigt sich ein weiterer Schritt der Buchkunstproduktion seit den Anfängen ihrer technischen Reproduzierbarkeit an, in einem Zeitalter, in dem es noch üblich war, etwa juristische Handbücher prächtigst zu gestalten. Die drei Aristoteles-Kommentare, die in Den Haag als Leihgaben freigegeben wurden, sind Sinnbilder einer Aura aus einer merkantilen Ära. Denn man darf vermuten, dass sich der Büchernarr Ugel-heimer in der „Fondacao dei Tedeschi“, des „Deutschen Hauses“ in Venedig, auch über die Geschäftsbücher beugte und ihre doppelte Buchführung.

Das Buch als Sinnbild der Betriebsamkeit, in der die Umtriebigkeit eines Peter Ugelheimer aufging. Als Verleger zog er von Venedig aus ein Netzwerk stationärer Buchhandlungen in Ober- und Mittelitalien auf. Man weiß, dass er in Frankfurt prächtig wohnte und in Venedig zunächst bescheiden. Man sieht während des Rundgangs schon lange nicht mehr eine allein kunsthistorische Ausstellung vor sich. So überschaubar der Parcours – im Kreuzgang des Frankfurter Doms ist so etwas wie eine wunderbare Miniatur eingerichtet worden.

Wenn Peter Ugelheimer in Venedig schließlich ein Haus bezog, das was hermachte, und darin wohlhabende Pilger aufnahm, war auch das ein Geschäftsmodell. Seitdem die Muslime den Pilgern den Landweg ins Heilige Land versperrten, schifften sich die Gläubigen in Venedig ein, und wer zahlungskräftig war, konnte in der Stadt ein Pauschalarrangement nach Jaffa buchen. All inclusive: Einreise- und Zollformalitäten, (militärischer) Geleitschutz, sprachkundige Reisebegleiter, Reittiere.

Der Unternehmer, so erzählt es der Katalog, „machte auch mit seinen Gästen Geschäfte und erledigte für sie Aufgaben“. Wenig, wie man weiß, weiß man doch dies, auch wenn es keine Selbstzeugnisse gibt, abgesehen von dem Wappen, der goldenen Fessel auf einem blauen Balken aus Silber. In der Inschrift spricht sich der Peter selbst und spornt sich zu guten Taten an. In einer Zeit, in der Bürger und Kaufmann das Porträt auch für sich entdeckten, hinterließ er von sich kein Bildnis. Der Peter, wie ihn beim Rundgang durch seine Zeit Museumsdirektorin Bettina Schmitt nennt. Da er Kaufmann und nicht ein Künstler war, verfertigte er von sich selbst auch kein Selfie. Spuren ließ der Bücherfreund in den Geschäftsbüchern seiner Zeit zurück, in Verträgen.

Wer war Peter Ugelheimer? Allein der Name, so schreibt Bettina Schmitt, begeistere heute weiterhin Bibliothekare und Sammler, Bibliophile und Bibliomane erst recht. Einiges über ihn ist bekannt, das eine oder andere kann ganz gut so gewesen sein. Innovationsgeist und Experimentierwille aber schlugen sich ganz bestimmt nieder. Für Illustration und Illumination ließ er herrlich weit ausholen. Erst recht nach heutigem Ermessen ging er für ein  Buch die weitesten Wege.

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