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Malgosia Bela, Ashton & Heidi, Los Angeles, 2008.

Fotografie

Peter Lindbergh: Für die Menschen umso mehr ...

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Der als Modefotograf bekannte Peter Lindbergh hat vor seinem Tod eine Ausstellung kuratiert, die ihn nun in Düsseldorf von einer ganz anderen Seite zeigt.

Sein Gesicht ist überlebensgroß. Jede Pore, jeder Barstoppel, jedes aufgeplatzte Äderchen ist deutlich sichtbar. Es ist das Gesicht eines Mannes, der nicht mehr jung ist. Er schaut herausfordernd. Wie jemand, der demonstrieren will: „Ich bin ein harter Hund“. Vermutlich handelt es sich bei Elmer Carroll tatsächlich um einen harten Hund. Fakt ist: Er hat gemordet. Wen oder wie, das wissen wir nicht, sollen wir auch gar nicht. Wir wissen nur: Dieser Mann wartet in einer Zelle auf seine Todesstrafe, und wir wissen, dass diese vollstreckt wurde. Gar nicht lange, nachdem der Film, der ihn zeigt, wie er 30 Minuten lang in einen Einwegspiegel schaut, entstanden ist.

Der Autor des Films ist Peter Lindbergh, und das ist natürlich eine enorme Überraschung, denn Lindbergh kennt man als Modefotografen. Jahrzehntelang hat er bildschöne Frauen in Szene gesetzt, auf eine Weise wie nur er es konnte. Jetzt also dieser ältere Mann mit dem unwirschen Blick. Ein Farbfilm, auch das eine Überraschung.

Die Arbeit „Testament“ stammt von 2013, wurde jedoch bisher noch nie gezeigt. Der Kontrast zur lässigen, unbeschwerten Modewelt schien einfach zu groß. Dass sie jetzt in der Ausstellung „Peter Lindbergh – Untold Stories“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen ist, hängt mit dem Konzept der Schau zusammen. Der Fotograf selbst hat sie zusammengestellt – auf Anregung des Direktors Felix Krämer. Er selbst habe bei der Auswahl, zusammen mit seiner Mitarbeiterin Felicity Korn, nur beratend zur Seite gestanden. Die Entscheidung darüber, was und wie es gezeigt wird, hat Lindbergh bis ins Detail hinein allein gefällt.

Peter Lindbergh: Elmer Carroll, Florida, 2013.

Dass die Ausstellung sein Vermächtnis würde, damit hat niemand gerechnet, am allerwenigsten der Künstler selbst, der sich – so erzählt es Krämer – für eine Retrospektive noch zu jung gefühlt habe. Ein Best-of klang in seinen Ohren besser. Zwei Jahre lang habe man an der Schau gefeilt, dann kam die erlösende Nachricht auf dem Smartphone. Er habe das Gefühl, die Ausstellung sei fertig, schrieb der Meister. Sechs Tage später war er tot.

Dass in Lindberghs Best-of ikonisch gewordene Aufnahmen fehlen, ist in diesem Fall ein Glück. Man kann sich so ganz neu einsehen in das Werk eines Mannes, der – so sagen es die, die ihn kannten – ein Menschenfänger war. Einer, mit dem man gerne Zeit verbrachte und der denen, die er vor der Kamera hatte, deshalb so nah kam, wie kaum ein Zweiter. Für Mode hat dieser Modefotograf, der 1944 als Peter Brodbeck im heutigen Polen geboren wurde, in Duisburg aufwuchs und seit 1978 in Paris lebte, sich in Wahrheit kein Stück interessiert, für die Menschen umso mehr. Und weil dieses Interesse für den Menschen und das, was ihn ausmacht, so groß war, bezog es ganz selbstverständlich auch Straftäter ein. Mit mehr als 300 Todesurteilen hatte Lindbergh sich auseinandergesetzt, im festen Glauben, dass der Mensch unschuldig geboren wird. Dass es die Lebensbedingungen sind, die ihn zu einem Verbrecher machen oder eben nicht.

Die Ausstellung
Museum Kunstpalast, Düsseldorf, bis 1.Juni. Anschließend ist die Ausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (20.6.-1.11.), im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt (4.12.-7.3.2021) und in Neapel zu sehen.

Der Mann, den wir in „Testament“ vor uns sehen, ist zweifellos ein Mensch. Wir sehen ihn atmen, wir sehen ihn zwinkern, sehen, wie sich ein Schweißtropfen an seiner Schläfe löst. Wir sehen, wie es in ihm arbeitet, wie ihm der herausfordernde Blick langsam entgleitet, wie er schlucken muss. Wir sehen, wie er in sich hinein sieht. Wie er die Züge strafft, wieder der harte Hund ist. Der Mann, über den wir so gut wie nichts wissen, er berührt uns, ganz ohne Kalkül. Das ist bewegend, aber nicht sentimental, es ist tragisch, ohne pathetisch zu sein. Weil man darüber nachdenkt, wie weit ein Mensch in seinen Entscheidungen wirklich frei ist. Dann tritt man heraus aus dem Filmraum, steht wieder in der Welt der Models und versteht den Blick, den Peter Lindbergh auf sie hatte, ein bisschen besser.

Wie Aufnahmen einer Modestrecke sehen letztlich die wenigsten Bilder in dieser Ausstellung aus, was auch damit zu tun hat, dass die Aufnahmen nicht bearbeitet wurden. Wir sehen die kleinen Narben im Gesicht von Naomi Campbell, die Sommersprossen von Claudia Schiffer, die Falten von Helen Mirren, und diese Frauen erscheinen uns ganz ungekünstelt. Gerade so, als stellten sie niemanden dar, als seien sie einfach sie selbst.

„Nur wenn die Menschen sich der Situation des Shootings nicht zu bewusst sind, sondern sich öffnen, entstehen gute Bilder“, sagte Lindbergh. Mit dieser Einstellung hat er Karriere gemacht – und nicht nur er. Lindbergh war es, der aus namenlosen Models Stars machte. Weil er die Fotos von unpersönlich gestylten, perfekt anmutenden Frauen, die man bis dahin in Modezeitschriften druckte, schlichtweg langweilig fand. Lindbergh zeigte stattdessen Frauen mit einer aufregenden Ausstrahlung: selbstbewusst, emanzipiert und gerade dadurch umwerfend. Lindbergh wurde Kult und mit ihm die Models: Linda Evangelista, Christy Turlington, Tatjana Patitz – auf einmal kannte man die Namen und Gesichter derjenigen, die zuvor noch anonyme Körper in teuren Kleidern gewesen waren.

Bemerkenswert an dieser Ausstellung ist auch die Zusammenstellung einzelner Bilder-Blöcke, die ganz offensichtlich keinerlei Erzählung suggerieren, sondern sehr intuitiv aufeinander zu reagieren scheinen. Da ist dieser Stier in einer kargen Landschaft, daneben ein Paar Hände in Nahaufnahme. Ein nackter Frauenkörper, ein Pferderücken, Schatten, die aufeinander Bezug zu nehmen scheinen – und immer wieder Aufnahmen, die nach landläufigen Kriterien misslungen sind: unscharf, schlecht ausgeleuchtet, ohne zentrales Motiv. Die in der Kombination aber einen sehr eindrücklichen Zweck erfüllen – nicht nur, weil sie die Glätte in anderen Aufnahmen konterkarieren. Auch weil sie die Realität eines Gesamteindrucks komplettieren, in dem es das Nebensächliche gibt und den abschweifenden Blick.

Es sind intime Nahaufnahmen darunter und solche, auf denen eine ganze Gruppe von Frauen vor einer Filmset-artigen Kulisse agiert. Man hat den Eindruck, dass sie tun, was sie wollen, einfach ihren Instinkten folgen. Es sind Bilder, die voller Leben sind – obwohl darauf nie jemand lacht.

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