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Französin Pauline Curnier Jardin, jetzt mit der Installation „Fat to Ashes“ im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin. Foto: Andrea Avezzu
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Französin Pauline Curnier Jardin, jetzt mit der Installation „Fat to Ashes“ im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin.

Hamburger Bahnhof

Pauline Curnier Jardin: „Fat to Ashes“ in Berlin – Ein zärtlich brutales Spektakel

  • VonIngeborg Ruthe
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Mit ihrer kolossalen Berliner Installation „Fat to Ashes“ bedankt Pauline Curnier Jardin sich für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst.

Im Zeitalter der Moderne gilt der Spruch, die Kunst sei dazu da, die Wirklichkeit auszuhalten. Die Französin Pauline Curnier Jardin gibt dazu ihren lakonischen Kommentar: „Kunst ist oftmals auch eine paradoxe Ressource in einer Welt, in der das Gute und Schöne für Geld und Macht zu verkommen scheint und alle Gewissheiten schwinden.“

Diese Kunst des Paradoxen hört sich bei der aus Marseille stammenden Videokünstlerin so an: Höllenlärm hallt durch die große Halle des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin. Trommeln, Glocken, Orgelbässe, verzückte Schreie von in Weiß und Rot gekleideten Teilnehmern einer Prozession dringen aus einer Arena. Auf der riesigen Leinwand dieses Colosseums, das einem Zirkuszelt gleicht, wird die frühchristliche Märtyrerin Agatha als mit Preziosen übersäte Holzfigur durch die Straßen der sizilianischen Hafenstadt Catania am Fuße des Vulkans Ätna getragen. Alljährlich am ersten Februarwochenende. Letztes Jahr folgte danach der erste Corona-Lockdown. Italien zählte eine besonders hohe Zahl an Toten.

Es ist der vom Sakralen zum Volksfest mutierende Prolog von Jardins Filminstallation. Dann folgen derbdrollige Szenen vom Kölner Karneval und von einem archaischen Schlachtfest auf einem italienischen Bergbauernhof. Zuletzt verknoten sich in immer härteren Schnitten und in einem irren Rhythmus die Szenen. Diesen grotesk verwickelten und verwursteten Körpern und Dingen kann man kaum noch folgen: Alles mündet in schwer erträglicher Ekstase, wird Fleisch, Haut, Fett, Blut, Gedärm und Wachs. Papierblumen und billige Wallfahrts-Devotionalien gehen unter in Weihrauchwolken, in Alkohol und Konfetti. Und alles wird schließlich zu Asche. Dieses Erzählkino über zwei Jahrtausende alte europäische Zivilisation endet apokalyptisch.

Die Ausstellung in der Halle des Museums Hamburger Bahnhof in Berlin.

Wir haben Pauline Curnier Jardin getroffen, und sie sagt über ihre monumentale Installation: „Ich greife altertümliche, mythenhafte Erzählungen auf, um sie zu dekonstruieren und zu durchbrechen“. Tatsächlich mischt sie lustvoll Tragödie mit Komödie zu einer bestürzenden Bildermasse aus Exzess und Gewalt. Das Gemenge aus überlieferten Bräuchen einer religiösen Menschenmenge bei der Prozession, die rituelle Ausschweifung vermittelt sich als das, was Jardin filmte: „Momente der Norm-Übertretung“, wie sie es nennt. Und zwischen all dem religiösen Gesang, dem Tanz, der Trance zeigen sich Momente der Gewalt. Die teils schockierende Wirkung solcher Bilder nehme sie in Kauf, gibt die in Berlin und Rom lebende Französin zu.

Das war auch nicht anders zu erwarten. Die Künstlerin Jardin hat vor anderthalb Jahren mit ihren Videos den begehrten, von BMW gesponserten Preis der Nationalgalerie für junge Kunst und damit die jetzige Solo-Schau im Hamburger Bahnhof gewonnen. Die Jury war damals völlig überwältigt von dieser spektakulären zärtlichen Brutalität. „In der Kunst“, sagt die mittlerweile 40-Jährige, „gibt es für mich keine Tabus“. In der Schau der Kandidatinnen und Kandidaten offerierte sie ein verstörendes Video über menstruierende Matronen, die, aus der Knast ausgebrochen, in einer Küche mit böse-erotischer Lust männliche Körperteile zerhacken.

Das sei, erklärt Jardin nun mit einer charmanten Geste, keine Referenz an das Thriller-Kino oder an den Surrealismus gewesen. „Eher ein Kommentar zur Diversitäts- und Genderfrage“.

Jardin lässt uns Platz nehmen in ihrer in die Museumshalle hineingebauten Arena, im römischen Imperium Ort für Brot und Spiele, bunt überdacht und mit wulstigen Außenmauern aus einer Masse wie Marzipan: weich, durchlässig, fließend wie Dalís zerlaufende Uhren. Knapp 21 Minuten lang wähnen wir uns vor der Filmleinwand in Catania auf Sizilien, mitten in dem erzkatholischen Aufzug. In einem Wallfahrts-Kessel, in dem eine explosive Mischung brodelt – der religiöse Exzess und die Gewalt der Rituale.

Diese Kunst des Paradoxen hört sich bei der aus Marseille stammenden Videokünstlerin laut an.

Jardin zieht uns in ihren atemberaubenden Filmsequenzen tief hinein in die frühe und brutale Mittelaltergeschichte. In Catania, so erzählt die Legende, lebte die Heilige Agathe. Sie kam aus begütertem Hause, und der römische Prokonsul Quintian begehrte zudringlich die schöne Jungfrau, die den Eid als Braut Christi abgelegt hatte. Vor allem war er scharf auf ihren Reichtum. Sie wehrte seine Lüsternheit und Gier ab. Er ließ sie in den Kerker werfen und ihr die Brüste abschneiden. Unter unsäglichen Qualen starb sie.

Bis heute verehren die Katholiken, vor allem auf Sizilien, St. Agatha als Märtyrerin und Schutzheilige von Vergewaltigungsopfern, Brustkrebskranken und Ammen. Konsterniert sieht man in Jardins Film Verkaufsstände, an denen eine beliebte Süßspeise in Form einer Brust feilgeboten – und massenhaft goutiert wird. Symbolisch hat die Künstlerin sich zwei blutrote kreisrunde Flicken auf ihr weißes T-Shirt genäht, in Erinnerung an die verstümmelte Agatha. So wird Jardin für den Moment selbst Teil ihres Films.

Einige Film-Sekunden später sind wir mitten im Kölner Karneval, Februar 2020. Es war die große kollektive Ausschweifung vor dem ersten bundesweiten Corona-Lockdown. Und, so Jardin, „vor dem rassistischen, rechtsradikalen Massaker von Hanau am 20. Februar letzten Jahres“. Dann wird es still. Eine archaische Film-Szenerie tut sich auf, die minutiös gefilmte Schlachtung eines Schweins. Jeder Handgriff der Bauern ist festgelegt und verweist auf lange Tradition, auf Erfahrung, auf ein beinahe heiliges Ritual, das völlig anachronistisch anmutet und umso mehr die Unwürdigkeit der Massentierhaltung, des industrialisierten Massentötens für Schnitzel und Wurst vor Augen führt.

Jardin sieht ihre Filme als „Orte der Transgression und der Verwandlung“. Magie und Religiosität werden eins in der Masse der Video-Szenen, gegen deren massive Wirkung die improvisierte Arena eine fragile Konstante ist. Das Körperliche ist nicht mehr benennbar – männlich, weiblich, androgyn, queer? Für Pauline Curnier Jardin ist der Körper „ein widersprüchlicher Ort, der sich in keine Norm stecken lässt.“

Hamburger Bahnhof, Berlin:

bis 19. September. Tickets mit Zeitfenster und negativem Corona-Test. Katalog im Verlag der Buchhandlung Walther König. www.smb.museum/hbf

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