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Mädchen mit gelbem Kranz, 1901.
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Mädchen mit gelbem Kranz, 1901.

Ausstellung

Paula Modersohn-Becker: Der intime Blick auf die Welt und die Menschen

  • Sandra Danicke
    VonSandra Danicke
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Die Werke der berühmten Malerin und ihre Radikalität können in der Schirn Kunsthalle Frankfurt noch einmal neu entdeckt werden.

Man geht hinein und ist sofort im Bann der Künstlerin. Ihre braunen Augen schauen warm aber auch sehr ernst auf uns herab, der Mund wirkt skeptisch, vielleicht auch ein wenig belustigt; im Nacken hat sich eine Locke aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst. Als Paula Modersohn-Becker dieses fast schon hypnotische Selbstbildnis malte, war sie etwa 22 Jahre alt und stand am Beginn ihrer Laufbahn. Es sollten noch viele Selbstbildnisse folgen, doch keines davon wirkte je wieder so naturalistisch.

Das Bild hängt am Eingang einer großen Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, einer Schau, die auf mehrfache Weise bemerkenswert ist. Zum einen durch ihren Umfang - 116 Gemälde und Zeichnungen aus allen Schaffensphasen. Denn letztlich kennen die meisten von uns von Modersohn-Becker, die in ihrem kurzen Leben - sie starb 1907 mit nur 31 Jahren im Kindbett - eine gigantische Zahl von Werken schuf, nur eine Handvoll, diese allerdings sind legendär.

Wer an Modersohn-Becker denkt, hat fast automatisch ihr „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906) im Kopf. Das Gemälde zeigt die Künstlerin als Halbakt mit gewölbtem Bauch und Bernsteinkette. Es gibt von Modersohn-Becker allerdings rund 60 Selbstbildnisse, die meisten davon eindringlich und berührend; die Ausstellung zeigt eine große Bandbreite an Stilen und Ausdrücken, mal sanft, mal streng, mal in schrillen Tönen gemalt, mal in gedeckter Farbigkeit. Doch in diesem speziellen Fall, dem Hochzeitsbild, war die Art der Darstellung besonders bemerkenswert.

Dass eine Künstlerin sich selbst fast nackt und dann auch noch schwanger malte, war zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Tabubruch – zumal Modersohn-Becker damals gar kein Kind erwartete. Bisher wurde das Werk zumeist als Ausdruck eines unerfüllten Kinderwunsches interpretiert. Kuratorin Ingrid Pfeiffer ist jedoch überzeugt, dass die Malerin darin religiöse und mythologische Vorbilder zitiert und gleichzeitig umdeutet „zu einer äußerst gewagten Selbstdarstellung in einer Zeit, die mit ihren Moralvorstellungen darauf in keiner Weise vorbereitet war.“

Es ist auch ein Bild, das eine ungewohnte Intimität ausstrahlt. Die Betrachterinnen und Betrachter stehen gleichsam gemeinsam mit der Malerin vor dem Spiegel, in dem sie sich wohlwollend und zugleich kritisch begutachtet.

Es ist dieser intime Blick, der in allen Bildern der Künstlerin steckt, die 1876 in Dresden geboren wurde, und den diese wunderbare Ausstellung durch geschickte Arrangements noch hervorhebt. Wir sehen - so scheint es - die Menschen wie sie sind. Unverstellt, oftmals in sich gekehrt und stets ganz bei sich.

Berühmt ist Modersohn-Becker ja nicht nur für ihre Selbstbildnisse, sondern auch für ihre Darstellungen von Bäuerinnen und Mittellosen, die sie stets würdevoll festhielt, ohne Pathos und ohne sie zu idealisieren.

In den Bildern einer alten „Armenhäuslerin“, die um 1905 und 1906 entstanden, sieht man eine Frau mit großen derben Händen auf einem Stuhl sitzen. Sie hat sich zurechtgemacht, trägt sogar Hut. Aber in ihrem traurigen Blick spiegeln sich Entbehrung und Enttäuschungen.

1903 betonte die Künstlerin in ihrem Tagebuch ihr Bemühen um eine radikale Vereinfachung: „Die große Einfachheit der Form, das ist etwas Wunderbares. Von jeher habe ich mich bemüht, den Köpfen, die ich malte oder zeichnete, die Einfachheit der Natur zu verleihen. Jetzt fühle ich tief, wie ich an den Köpfen der Antike lernen kann.“

Modersohn-Becker, die mit dem Künstler Otto Modersohn verheiratet war und wie er zur Worpsweder Künstlerkolonie gehörte, sollte eigentlich Lehrerin werden. Ihre Eltern vertraten die moderne Ansicht, dass auch ihre Töchter finanziell unabhängig sein müssten. Doch Modersohn-Becker wollte unbedingt Künstlerin werden. In einer Zeit, in der Frauen noch nicht an Kunstakademien zugelassen waren und auch nicht an öffentlichen Wettbewerben teilnehmen durften, war das eine mutige Entscheidung.

1892 ging Modersohn-Becker nach London, um dort ein privates Kunststudium zu absolvieren. Von 1896-98 studierte sie an der Kunstschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen. In dieser Zeit entstanden zahlreiche weibliche Aktbilder und männliche Halbakte - Männer mussten in Frauenmalklassen damals noch Badehose oder Lendenschurz tragen.

In der Silvesternacht 1900 reiste die Künstlerin nach Paris, um Aktzeichenkurse zu besuchen. Es war der erste von insgesamt vier längeren Aufenthalten. Hier studierte sie die Kunst ihrer Zeitgenossen und war in den Ateliers von Auguste Rodin oder Maurice Denis zu Gast. Sie lernte von ihnen und entwickelte dabei zugleich einen höchst eigenwilligen Stil. Zunehmend war sie auf der Suche nach einer für sie gültigen Gestaltung zeitloser Motive. Formal fühlte sie sich von der Statuarik ägyptischer Plastiken angeregt.

Legendär sind vor allem ihre zahlreichen Kinderporträts, die bar jeder Niedlichkeit einen feierlichen, bisweilen regelrecht beängstigenden Ernst ausstrahlen: Meist sind es Mädchen, die sorgenvoll, so scheint es zumindest, in die Zukunft blicken, statt unbeschwert ihre Kindheit zu genießen. Ein Mädchen trägt einen Kranz auf dem Kopf und hält ein Gänseblümchen in den Händen, doch ihr Blick ist verschattet und so traurig, dass man erschrickt. Ein anderes wirkt aufgrund der pastos aufgetragenen, fast schon brutal zerfurchten Farbmasse auf dem Gesicht zugleich abstoßend und ungemein berührend. „Paula hasste das Konventionelle“, schrieb ihr Mann Otto Modersohn damals, „Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins ...“.

Der Künstlerin ging es offensichtlich weniger um die Ähnlichkeit zur abgebildeten Person als um die Intensität des Ausdrucks und eine statische Komposition, die ihren Werken etwas Überzeitliches verleiht. So gelang es ihr, Bilder zu schaffen, die in ihrer Zeit radikal und neu waren, obwohl sie den Bereich „weiblicher“ Motive kaum je verließ.

Vor allem die Porträts vermitteln - bei aller Nüchternheit - eine große emotionale Intensität, der man sich kaum entziehen kann. Wenngleich nicht jede und jeder, der von ihr porträtiert wurde, über das Ergebnis erfreut gewesen sein mochte. 1906 entstand beispielsweise ein eher maskenhaftes Abbild von Rainer Maria Rilke, mit dem die Künstlerin befreundet war. Dem Dichter steht der Mund offen, was ihn nicht sonderlich souverän erscheinen lässt. Stattdessen strahlt das Bild eine große Wärme und Zuneigung aus. Rilke hat es trotzdem nie erwähnt.

Obwohl Modersohn-Becker unter ihren Kolleginnen und Kollegen hochgeschätzt war, blieb der Erfolg zu Lebzeiten aus. Vielfach wurden ihre Bilder gar als „hässlich“ und „primitiv“ verspottet, 1933 wurden sie von den Nationalsozialisten als „entartet“ geschmäht. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk von Paula Modersohn-Becker geschätzt, gesammelt und verstärkt ausgestellt. Die Malerin war ihrer Zeit schlichtweg voraus.

Schirn Kunsthalle Frankfurt: Bis 6. Februar. www.schirn.de

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