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Das Espressokännchen passt so gut, als sei es extra für das Foto dort hingestellt worden - und vielleicht ist es das ja auch.

Ausstellung "Beautiful Illusion"

Pastellfarben, fast malerisch

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Fotografie als schöne Kunst: Die Ausstellung "Beautiful Illusion" in der Galerie Maurer zeigt unter anderem wie Bilder in uns Begehren hervorrufen und was passiert, wenn wir dieses Begehren sozusagen wörtlich nehmen. Von Sylvia Staude

Lang ist es her, dass es von jedem Foto zwangsläufig ein Original gab. Und dass es außerdem eine gedanklich noch fassbare Zahl von Fotografien gab, weil man entweder, zu Anfang, Platten mitschleppen musste oder später kleine Blechgehäuse mit sich ringelnden Filmstreifen. Die musste man dann in völliger Dunkelheit in eine Entwicklerdose schieben, und wehe, es fehlte an Fingerspitzengefühl.

Björn Siebert, der in Leipzig Künstlerische Fotografie studiert hat, hat recherchiert, dass allein bei Flickr an einem normalen Wochentag pro Minute zwischen 1700 und 3800 neue Fotos hochgeladen werden. Die Tatsache, dass es unglaublich leicht geworden ist, alles in jeder Minute abzubilden, trifft sich da mit dem Mitteilungsbedürfnis der Menschen.

Was aber macht angesichts solcher Bildermengen jemand, der Fotografie noch als Kunst betreiben will? Ein paar Antworten gibt derzeit die Frankfurter Galerie Maurer. Der Fotografie-Professor Timm Rautert hat eine Ausstellung mit Arbeiten einiger seiner (Ex-)Studenten kuratiert; darin werden ganz unterschiedliche Reflexionswege sichtbar. Björn Siebert zum Beispiel ist mit zweien seiner Remakes vertreten: Amateurfotografien, die er im Internet gefunden hat, stellt er aufwendig nach. "Ist das Remake gelungen", schreibt er, "erlebt es eine Re-Genese außerhalb des Internets und wird in den Werkkatalog meiner künstlerischen Arbeit aufgenommen." Eine mindestens halbe Rolle rückwärts zum Original also und damit auch eine Aufwertung.

Andere der insgesamt sieben in der Ausstellung vertretenen jungen Künstler verarbeiten Bilder, die sie gefunden haben. Und zwar nicht im Sinn von Collagen, sondern zum Beispiel - bei Kristleifur Björnsson - durch hauchfeine, auf Pergamentpapier aufgetragene Überzeichnungen. "Suceeding Desire. Change" heißt eine seiner Serien, Bilder von Unterwäsche-Models sind dabei zart nachgezeichnet. Das erinnert ein wenig an pubertäre Schwärmereien, ist aber andererseits auch Björnssons Thema: Wie rufen Bilder in uns Begehren hervor und was, wenn wir dieses Begehren sozusagen wörtlich nehmen?

Adrian Sauer wiederum überlagert Fotografien, etwa die Aufnahme eines von der Kunst der Fotografie handelnden Buches, mit Farbschichten. Man muss nahe rangehen an diese Bilder, um zu erkennen, dass sie eben nicht einfach Fotografien sind. Die Arbeit und Mühe, die in den Bildern Sauers stecken, man sieht sie nur, wenn man davon weiß.

Am geradlinigsten fotografisch wirken die vor dunklem Hintergrund in Gläsern arrangierten Blüten in Nadin Maria Rüfenachts Serie "Le verre de Cocteau". Es sind teilweise sogar schon verblühte Wald- und Wiesenblümchen, aber sie sind so fein und singulär abgebildet wie Kostbarkeiten. Und man könnte sie, in Umkehrung einiger anderer Arbeiten, für gemalt halten.

Sorgfältig komponiert sind auch die Fotografien Jana Müllers und Wiebke Elzels, die ebenfalls gern in Serien zu arbeiten scheinen. "Venedig. Archiv" heißt eine, sie zeigt verfallene Häuser von innen. Pastellfarben und fast malerisch ist der Verfall, und wenn ein Espressokännchen in der kaputten Küche steht, passt es so gut dorthin, dass man den Verdacht haben kann, die Künstlerinnen haben es fürs Foto dort hingestellt (und vielleicht haben sie das ja).

"Beautiful Illusion" heißt die Ausstellung, zwei malerische Positionen ergänzen die fotografische Behandlung des Themas Täuschung: Falk Haberkorn hat einen Restaurator gebeten, Caspar David Friedrichs Gemälde "Der Watzmann" zu kopieren und arrangierte eine "Begegnung" der beiden Bilder (die er auch fotografierte), Steven Black malt reale Personen in einen rudimentären Raum. So dass sie sich einerseits in einem simplen Wohnzimmer aufzuhalten scheinen, sich andererseits dieser Raum öffnet, weil es für ihn viele Möglichkeiten der Möblierung und Fortsetzung gibt.

Galerie Maurer Frankfurt: bis 12. Februar. www.galerie-maurer.com

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