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Pamela Rosenkranz im Kunsthaus. markus tretter/pamela Rosenkranz/Kunsthaus Bregenz (2)
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Pamela Rosenkranz im Kunsthaus.

Kunst in Bregenz

Pamela Rosenkranz „House of Meme“: Immersives Blau

  • Claus Leggewie
    VonClaus Leggewie
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House of Meme: Die Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz im Kunsthaus Bregenz.

Posthumanistische Ideen stutzen den Menschen an zwei Enden: als Bewohner von Gaia ohne den gewohnten Vorrang vor der belebten und unbelebten Natur, und als Kompagnon künstlicher Intelligenz und selbstdenkender Roboter. Im Anthropozän, dem menschengemachten Erdzeitalter mit seinen düsteren Perspektiven, verkünden Natur- wie Kulturwissenschaftler den Abschied vom Anthropozentrismus, der den homo sapiens stets im Kommandostand sah. Die klassisch-moderne Sicht, wonach „Natur“ ein Objekt menschlicher Verfügung sei, ist längst obsolet, damit auch die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt, die für die Kunst konstitutiv war.

Eine markante künstlerische Position, die den Dualismus überwinden und unterhalb der Wahrnehmung liegende Mikroprozesse sichtbar machen will, vertritt die in Zürich ansässige Pamela Rosenkranz jetzt im Kunsthaus Bregenz. Und sie ist nicht die einzige, wie ihre Beteiligung an der aktuellen Gruppenausstellung „Sun Rise / Sun Set“ im Berliner Schinkel-Pavillon zeigt.

Fantastisch-surreale Landschaften, bio-technische Hybride, futuristische Szenarien und konkrete Zukunftsvisionen sollen da einen „multisensorischen Erfahrungsraum“ öffnen, der die Grenzen unserer Spezies zu überdenken und Hybridität in allen Formen anzuerkennen erlaubt. Als „Interspecies“, im Wechselverhältnis mit Flora und Fauna, ist der Mensch eingebettet in eine bis zum Urknall zurückreichende Tiefenzeit, und er kann sich in Zukunft technologisch selbst überholen.

Im Kunsthaus Bregenz kann man anschauen, wie Rosenkranz die vier fast gleich großen Stockwerke des Kubus bespielt und den Anspruch einer nicht-binären Kunst ausfüllt. Das Parterre wirkt zunächst etwas mau: eine in Plastikfolie gehüllte Amazon-kritische Installation, zu der ein Alexa-Speaker den Tag über alphabetisch alle beim Online-Riesen erhältlichen Produkte aufsagt, aber nie über „A" hinauskommt. Den Schlüssel bietet das grüne LED-Licht, in das die Szene eingetaucht ist, die dunkle Vibration und transparente, Besucherinnen und Besucher spiegelnde Wandbilder, mit einer rosa Gallertmasse übermalte Gebrauchsfotos von Bäumen als domestizierter Natur. Schaut man genau hin, entdeckt man den zerstörten Regenwald, was weniger banal wirkt, wenn man weiß, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos den Konzern als einen kommerziellen Organismus imaginiert hat, genauso organisch und gewaltig wie ein Regenwald.

Den Ansatz greifen die Stockwerke zwei bis vier auf, mit der starken, „natürlichen“ Grundfarbe Blau, welche die Künstlerin schon länger interessiert und anders als Yves Klein, nämlich als Reminiszenz der Herkunft unseres Sehvermögens aus den Ozeanen in blauer Vorzeit. Ein bisweilen flackerndes LED-Licht streut (wie schon in unserem Amphibienstatus) grüne Schimmer ein, und das „künstliche“ Rosa der Wandbilder hat Pamela Rosenkranz bereits in früheren Arbeiten mit der Haut, dem darunterliegenden Gewebe und mit der fetischartigen Kosmetikfarbe assoziiert. Exemplarisch an der Haut, verschwimmt die Grenze zum Außen, wird sie eine poröse Membran.

Die Intensität des Blaus wird im dritten Stock gesteigert durch eine horizontlose Weite und Tiefenunschärfe, durch Feuchtigkeit und eine schwer zu ortende Soundkulisse. Der immersive Raumeindruck erinnert an Rosenkranz’ Gestaltung des Schweizer Pavillons bei der Venedig Biennale 2016. Hier projiziert die Künstlerin den von Peter Zumthor gestalteten Museumsbau, dessen transparente Außenhaut aus milchglasartigen Paneelen sich dem „blauen“ See und Himmel öffnet, als lebendigen Organismus.

Die Lichteinlässe sind kongenial in stoffbespannte Membranen verwandelt, die wie gotische Kirchenfenster mit starken blauen Schatten aussehen, aber einer Disney-Filmkulisse nachempfunden sind. Oder Glanzbildern, die Kinder einst im Katechismusunterricht geklebt haben. Es ist der Künstlerin, die ihre Arbeiten mit naturwissenschaftlichen Studien und Experimenten vorbereitet, nicht ungelegen, wenn die Besucher ein starkes Gefühl von Transzendenz ergreift.

Dass so viele Löcher für Bildaufhängungen in die Betonwände des Kubus gebohrt und diese übermalt wurden, versteht Rosenkranz als noch unbewusste Entstehung eines großen neuen Wandbildes, das die Artefakte, Vibrationen und Mutationen der 25- jährigen Museumsgeschichte speichert. Sie bildet nicht nur, wie es Kunst immer getan hat, mit Licht und Farbe ein äußeres Objekt nach, sondern zieht Kunstwerke in eine aus urvordenklichen Zeiten kommende Metamorphose hinein, die klassisch Ovid besungen und der Philosoph Emanuele Caccia oder die Schriftstellerin Nastassja Martin jüngst als Movens der Naturgeschichte entziffert haben, worin der Mensch nur ein spezieller und eher ephemerer Fall ist.

Das erklärt den Titel der Ausstellung „House of Meme“: Er spielt auf die virale Verbreitung von Ähnlichem via digitale Medien an, zielt aber breiter auf die Ver- und Angleichung des Natürlichen und Künstlichen als Ähnlichem – etwa einer blau schimmernden Plastikfolie mit einer Wasserlache, oder die Rötung unserer Augen, wenn wir zu lange in LED-blaue Screens gestarrt haben und das Melanin zum Einschlafen fehlt. Ein solches Auge, einmal als „Ponds“ (Teiche) betitelt, begleitet die Besucher bis nach oben. Unterm provisorisch geöffneten Dach treffen sie auf „Healer“, die computergesteuerte Nachbildung einer Schlange, die Rosenkranz ebenfalls schon in früheren Varianten an diversen Orten eingeführt hat. An ihrem typischen Muster erkennbar, lauert sie irgendwo im Raum und fängt an zu schlängeln, wenn sie elektronische Signale aus Besucherhandys empfängt und zur Seitwärtsbewegung verrechnet. Mimesis/Meme: Walter Benjamin verwies in der „Lehre vom Ähnlichen“ auf die „vielen unbewusst oder auch gar nicht wahrgenommenen Ähnlichkeiten wie der gewaltige unterseeische Block des Eisbergs im Vergleich zur kleinen Spitze, welche man aus dem Wasser ragen sieht.“

Die Erzählung, die Rosenkranz durch das Haus gelegt hat, rundet sich mit dieser hybriden Nachahmung der urtümlichen Schlange, deren Gift vielen Kulturen als Heilmittel diente und der Werbeabteilung von Amazon als Logo. Rosenkranz macht die Kunst selbst zum Objekt, indem sie ihre natürlichen, nicht von der Künstlerin oder dem Betrachter zu bestimmenden Grundlagen experimentell zum Vorschein bringt. Für Denkschulen wie den spekulativen Realismus, den neuen Materialismus und das planetare Denken bietet das zahlreiche Anstöße, auch Bezüge zum Animismus und Totemismus sind nicht zu übersehen. Rosenkranz räumt im Gespräch ein, manches könne wohl etwas „abgefahren“ wirken, doch für ein tieferes ökologisches Bewusstsein sollte man dieser durchaus realistischen Spur folgen.

Kunsthaus Bregenz : bis 4. Juli. Ein Ausstellungskatalog ist für Juni geplant. Einen guten Einblick in weitere Werke von Pamela Rosenkranz vermittelt die Auswahl auf miguelabreugallery.com/artists/ rosenkranz/works/

Claus Leggewie ist Ludwig-Börne-Professor an der Universität Gießen und Initiator des dortigen Panel on Planetary Thinking. Im Juni erscheint (mit Frederic Hanusch und Erik Meyer) „Planetar denken. Ein Einstieg“ im transcript Verlag.

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