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Ottilie Roederstein im Frankfurter Städel Museum: Künstlerin sein und Geld verdienen

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Von: Judith von Sternburg

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„Selbstbildnis mit roter Mütze“, 1894. Bild: Kunstmuseum Basel/Foto: Martin P. Bühler
„Selbstbildnis mit roter Mütze“, 1894. Bild: Kunstmuseum Basel/Foto: Martin P. Bühler © Kunstmuseum Basel/Foto: Martin P. Bühler

Ottilie W. Roederstein im Frankfurter Städel Museum: Die Erfolgsgeschichte der Malerin ist auch eine Geschichte der berufstätigen Frau.

Mangelnder Respekt gegenüber der Arbeitsleistung von Frauen ist nun bis in diese Tage kein originelles Thema. Aber sprechen wir nicht davon. Sprechen wir von der Malerin Ottilie W. Roederstein, der Zeitgenossen (und vielleicht auch Zeitgenossinnen) ein „männliches Talent“ attestierten. Ein dummes, aber wesentliches Kompliment, der Beleg dafür, dass sie mithielt. Das musste sie, das tat sie.

Zum Beispiel diese beiden Bilder: „Miss Mosher oder Sommerneige“, um 1887 und eines ihrer bekanntesten Werke, zeigt in scharfem Hochformat das Ganzkörperporträt einer gut angezogenen Dame mit rötlichem Haar und vor rötlichem Grund, die helle Haut der bloßen Schultern und Arme leuchtet, der Blick ist sinnend abgewandt, der Blumenstrauß hängt wie vergessen schlaff und tot und trotzdem schön in ihren Händen. Eleganz übertrifft die leise Resignation dieser Inszenierung bei weitem. Bei der Weltausstellung in Paris 1989 erhielt das Bild zusammen mit zwei weiteren Roederstein-Arbeiten eine Silbermedaille.

„Madeleine Smith vor der Staffelei“, um 1890, bietet eine ganz spannende Konstellation, beiläufig präsentiert. Auf der Leinwand auf der Leinwand ein Gemälde nach einer Fotografie, die Roederstein in der Rüstung der Jeanne d’Arc zeigt. Davor mit Pinseln und Palette die Freundin und Roederstein-Schülerin Madeleine Smith, den Blick direkt zur Betrachterin (zur Malerin Roederstein). Hinten halb verdeckt von einem Vorhang eine weitere, lesende Frau, das ist Madeleines Schwester Jeanne Smith, mutmaßlich die Fotografin des Jeanne d’Arc-Bildes.

Während Roederstein „Miss Mosher“ nicht verkaufte, aber als Visitenkarte ihrer exquisiten Mal- und namentlich Porträtkunst häufig ausstellte, war „Madeleine Smith“ nie öffentlich zu sehen, eine Privatsache, die sie vielleicht sogar für unbedeutend hielt. Für Außenstehende ist es aber ein Sinnbild Roederstein’scher Beziehungen, lebenslanger Freundschaften und Netzwerke.

Interessant, dass im Städel gleich ein Zuschauer sagt, sie sehe so missmutig aus. Sie malt sich, wie sich Maler malen. Oft mit Pinsel, manchmal mit Mantel, mit Hut, die Haare später grau, die Gesichtszüge ohne Gefälligkeiten. Sie ist nicht das Modell, sie ist die Künstlerin. Sie ist eine Künstlerin, die ihre Bilder verkaufen will, und ihre Bilder will sie verkaufen, damit sie davon leben, ihren Beruf weiterhin ausüben und unverheiratet bleiben kann. Das gelingt ihr so gut, dass einem das Herz höher schlägt, und wie wird es erst den Zeitgenossinnen gegangen sein, die ebenfalls über ein anderes Leben nachdachten.

„frei.schaffend.“ heißt die Ausstellung im Frankfurter Städel, die mit Roederstein und ihrem Werk bekannt macht und die Kunst nicht trennt von einem Lebensentwurf. Auch Ottilie Wilhelmine Roederstein, 1859 in Zürich geboren, war das ja nicht möglich, wie Alexander Eiling und Eva-Maria Höllerer deutlich machen können. In Zürich war die Ausstellung bereits zu sehen. Die Daten im Katalog dokumentieren, dass Corona die Zeitpläne auch hier durcheinander gebracht hat.

75 Werke hängen bereit. Man sieht, dass Roederstein sich auf vielen Gebieten thematisch, stilistisch und technisch beweisen wollte und konnte, Porträts und Stillleben, Genremalerei und religiöse Bilder im Stile der Neorenaissance, technisch zu raffiniert, um peinlich zu sein. Eiling und Höllerer machen kein Hehl daraus, dass das nicht die Avantgarde ist, aber es ist auch nicht von gestern. Marktfähige, hochwertige Kunst. „Die lesende alte Frau“ ist zum Jahrhundertbeginn das erste Gemälde einer lebenden Malerin, das das Städel ankauft.

„Miss Mosher oder Sommerneige“, um 1887. Foto: Privatbesitz/Foto: Städel Museum
„Miss Mosher oder Sommerneige“, um 1887. Foto: Privatbesitz/Foto: Städel Museum © Horst Ziegenfusz

Es ist die Mutter mehr als der Vater, die eine künstlerische Ausbildung der Tochter zunächst ablehnt. Als Ottilie sich durchgesetzt hat, muss sie sich Privatlehrer suchen. Es wird noch Jahrzehnte dauern, bis Frauen an Malakademien zugelassen werden, in Deutschland ist es erst 1919 so weit. Die „Crux“, so nennt es Eiling, für die Ausbildung von Frauen war bekanntlich die Aktmalerei – Roederstein demonstriert später unter anderem mit Jesu Leichnam, dass sie die männliche Anatomie meisterlich beherrscht.

Dass ihre Schwester nach Berlin heiratet, eröffnet der 20-Jährigen zunächst aber die Möglichkeit, aus Zürich wegzukommen und sich in einem „Damenatelier“ ausbilden zu lassen. Frauen, betont Eiling, konnten schwerlich allein reisen und wohnen, früh schließt Roederstein lebenslange Freundschaften – auch mit einer Mitstudentin, mit der sie den ersehnten Paris-Aufenthalt und damit den Durchbruch zur professionellen Karriere verwirklichen kann.

Die wichtigste Freundin wird dann die angehende Ärztin Elisabeth Winterhalter, die sie bei einem Besuch bei den Eltern in Zürich kennenlernt. Die beiden Frauen lassen sich 1891 in Frankfurt nieder, eine Lebensentscheidung, die damit zu tun haben könnte, dass Winterhalter, inzwischen Gynäkologin, hier arbeiten kann. Wenngleich sie für eine Approbation in Deutschland später sämtliche Prüfungen noch einmal wird ablegen müssen – das macht sie. Wie Roedersteins ist ihre Geschichte eine Geschichte vom Willen, ein Berufsleben zu führen.

Sie pflegen Kontakte in die Frankfurter Stadtgesellschaft, vernetzen sich mit Frauenrechtlerinnen, fördern die Ausbildung von Frauen (angefangen erst einmal mit einem Gymnasium für Mädchen). Roederstein mietet ein Atelier im Städelschen Kunstinstitut, wo sie auch unterrichtet. Ihre Hilfsbereitschaft sei groß gewesen, betont Eiling, sie vertrete gewissermaßen gegenüber dem berüchtigten Egoisten Max Beckmann die andere Frankfurter Künstlerposition. Dabei verdienen sie und Winterhalter gut genug, um 1908/9 eine schicke Villa in Hofheim bauen zu lassen, im Garten dann noch ein großzügiges Atelierhaus. In Hofheim wird Roederstein 1937 sterben.

Ähnlich wie in Paris, wo sie noch bis 1914 ein Atelier unterhält und regelmäßig im Salon ausstellt, nutzt die Malerin auch in Frankfurt ihre exzellenten Fähigkeiten als Porträtistin, um auf sich aufmerksam zu machen. Eine Galerie der Frankfurter besseren und kunstaffinen Kreise kann man sich im Städel anschauen. Den etwas altmodischen Lokalmatador Norbert Schrödl malt sie als Gentleman an der Staffelei, während sie der Freundin Madeleine Smith spöttisch von seinem fast vollendeten „Porträt junger Mädchen“ schreibt, „einem veritablen Dekorationsschinken“.

Briefe und die reichhaltige Fotoauswahl gehören zum sogenannten Roederstein-Junghenn-Archiv, das die Erben dem Städel 2019 schenkten. Hier ist noch viel zu entdecken, eine zweite Ausstellung zu Roedersteins Umgebung und ihren Schülerinnen ist bereits in Planung.

Städel Museum, Frankfurt: bis 16. Oktober. Katalog (Hatje Cantz) für 39,90 Euro. www.staedelmuseum.de

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