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Ausstellung „Worin unsere Stärke besteht“: Ostkunst weiblich macht mobil

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Von: Ingeborg Ruthe

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Tina Bara, aus „Lange Weile, 1983-1989“, 2016, Fotofilm. C: Tina Bara
Tina Bara, aus „Lange Weile, 1983-1989“, 2016, Fotofilm. © Tina Bara

„Vorwärts und nicht vergessen …“: Der Kunstraum Kreuzberg im Bethanien gibt 50 in der DDR geborenen Künstlerinnen Raum .

Der Titel dieser großen Bildversammlung verrät schon mal Ironie, mit der Tendenz zum Sarkasmus. Mit Ostalgie sollte also keiner rechnen, auch wenn die Namen der 50 Künstlerinnen, der reiferen Jahrgänge und auch der jüngeren, unabdingbar zur DDR-Kunstgeschichte gehören und dieses „Erbe“ fraglos in den Werken verarbeitet wird. „Worin unsere Stärke besteht“, entstammt dem Refrain eines Kampfliedes. Text von Brecht, Melodie von Hanns Eisler. Der Bassbariton von Ernst Busch ist pathetisch. „Vorrr…wärts und nicht vergessen, worin unsere Stärke besteht, beim Hungern und beim Essen…“, dann kommt markig: Solidarität!!!

Keineswegs bierernst

Diese herbstliche Ausstellung von Künstlerinnen aus dem deutschen Osten hat Hintersinn: eine Reaktion, nicht bierernst, sondern kreativ-trotzig auf die Marginalisierung auch noch 32 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung. Kuratorin Andrea Pichel wählte diese soziologische Setzung. Zudem findet die Schau in keinem National-Museum statt, sondern im karg ausgestatten Bethanien (in der Bibel das Armenhaus), da, wo in Berlin viele ausstellen, die der trend-opportunistische Kunstbetrieb am Rande warten lässt.

In einer der letzten Ost-Ausstellungen nach der Wende, 2016 im Berliner Gropius Bau, waren Künstlerinnen lediglich mit einem Anteil von 19 Prozent dabei. Gesehen werden, respektiert, anerkannt! Das ist der Ruf dieser Ausstellung. Was wir sehen, kommt aus einem sozialen Wurzelgrund, ist indes aktuell, angedockt an das internationale Kunstschaffen, an Stile und den Umgang mit Material. Öffentliches und Privates verschränken sich.

Doch nach 1989 kamen gerade die älteren Künstlerinnen in repräsentativen Ausstellungen kaum vor – mit Ausnahme vielleicht der meisterlichen Arbeiterinnen-Fotos von Helga Paris. Es sei wichtig, zu zeigen, dass diese Frauen nach wie vor aktiv sind, merkt Angelika Richter, Rektorin der Kunsthochschule Weißensee, in einem Text für die Ausstellung an.

Darum spannt „Worin unsere Stärke besteht“ einen großen Bogen von früheren zu aktuellen Arbeiten. Es ist unübersehbar, dass die Künstlerinnen den tradierten Bild-Begriff schon lange beiseitegelassen haben, experimentell und interdisziplinär arbeiten, sich schon zu DDR-Zeit durch Aktionskunst und in Super-8-Filmen aufmüpfigen oder aber schwermütig-poetischen Ausdruck verschafften. Schwestern im Geiste mit Westkünstlerinnen, die ebenfalls den eigenen Körper als Material einsetzten, wie Valie Export, Rebecca Horn, Hannah Wilke. Und so begreift man die expressiven Skulpturen der 84-jährigen Bildhauerin Erika Stürmer-Alex aus dem Oderbruch, die fast schmerzhaft identitätssuchenden Schwarz-Weiß-Filme der Leipzigerin Tina Bara, den die ideologische Schizophrenie des DDR-Systems thematisierenden „Veitstanz“ der Erfurterin Gabriele Stötzer und die Aktions-Fragmente von Else Gabriel als eine ostspezifisch widerspenstige Form des Feminismus. Gerade, wenn die an der Kunsthochschule Weißensee lehrende ehemalige Dresdner Autoperforations-Artistin lakonisch heute feststellt: „Es spielt eine Rolle, wer woher kommt.“

Zu DDR-Zeit hatten viele dieser Frauen keine offiziellen Ausstellungschancen. Aber jetzt, im Bethanien, sind es ausnahmsweise mal hundert Prozent Teilhabe. Man geht vorbei an Theodor Fontanes legendärer Bethanien-Apotheke, nimmt links den Gang – und dann sind sie alle da, die mir langvertrauten Namen mit ihren Bildern, Fotos, Videos, Skulpturen, Installationen. Und die jungen Künstlerinnen, die beim Mauerfall noch Schul- oder Kindergartenkinder waren, wie die in Weimar lebende Zeichnerin Ulrike Theusner, die um 2005 in Nizza Kunst studieren konnte, was für die in Dresden lebende Zeichnerin Elke Hopfe, Jahrgang 1945, unmöglich war.

Und doch findet die Linienkunst beider in der westlichen Freiheit zu existenziellem Ausdruck. Suchen Theusners emotional schlingernde, farbige Linien, die an den Expressionisten Munch denken lassen, das derzeitige Chaos der Welt zu bändigen, setzt Hopfe den Widersprüchen des Alltags das Papier fast zerschießende schwarze Linien entgegen. Es sind Frauen-„Porträts“, eigenwillig, reduziert, konstruktivistisch, doch zwischen den harten Strichen drängt das zärtliche Grau der Graphit-Schraffuren hervor. Abbildhaftigkeit gibt es bei beiden Zeichnerinnen aus verschiedenen Generationen nicht, umso mehr Ausdruck für einstige und abermalige Zerrissenheit.

Wie gesagt, bierernst, gar verbittert ist hier gar nichts. Höchstens ein wenig grimmig, wenn die junge Henrike Naumann, zu DDR-Zeit ein Kleinkind, und ihre Kollegin Susanne Rische in knallbunten Farben den ohnmächtigen Arbeiter-Protest 1993 gegen die Abwicklung im VEB Kaliwerk „Thomas Müntzer“ im thüringischen Bischofferode malten. Unter der Losung „Dieses Werk ist besetzt!“ steht Birgit Breuel, Präsidentin der Treuhandanstalt. Schöne neue Welt nach der Wiedervereinigung.

Und Inken Reinerts anarchistische Schrankwandskulptur „Quadratsystem“ passt zu Ingeborg Lochmanns Film über das autoritäre chinesische Schulsystem. Nebenan nimmt Jana Gunst-heimer in der als Comic-Strip angelegten Serie „Kreuz des Ostens“ die sozial-psychologische Situation der Leute in den Beton-Satelliten-Vierteln der Großstädte auseinander. Diese Gemengelage ist ja heute mehr denn je ein ungelöstes gesellschaftliches Problem.

Kunstraum Kreuzberg , Bethanien, Berlin: Bis 30. Oktober. www.kunstraumkreuzberg.de

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